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Legt den Finger in die Wunde: Prof. Dr. Meinhard Miegel stellte in der Buchhandlung Rupprecht sein Buch „Hybris – Die überforderte Gesellschaft“ vor.

Vortrag in der Buchhandlung

Technik, die den Menschen beherrscht

Wolfratshausen – Hier ein Hochhaus, da ein Wolkenkratzer, und dann dort noch einer, der noch viel, viel höher wird.

Die Hochhäuser dieser Welt symbolisieren für Prof. Dr. Meinhard Miegel, Vorstandsvorsitzender des „Denkwerk Zukunft. Stiftung kulturelle Erneuerung“, in besonderer Weise die Hybris, die Vermessenheit der Menschen: Sie wollen die eigenen Grenzen überschreiten und wollen werden wie Gott.

„Grenzen zu überwinden, ist geradezu zum Lebensinhalt geworden“, lautete seine Analyse zu Beginn seines Vortrags in der Buchhandlung Rupprecht. Es reicht uns nicht mehr aus, dass wir einfach von hier nach da mit dem Auto kommen, sondern unser ganzes Leben ist inzwischen Mobilität pur. „Orte sind nicht mehr Orte für Menschen, sondern für Mobilität“, klagte er. Es reiche auch nicht mehr aus, dass Menschen eine Arbeit erlernen und ausüben, von der sie leben können. Sondern ein guter Job sei inzwischen gleichbedeutend mit einem guten Leben geworden.

Miegel legte mit vielen Beispielen den Finger in die Wunden der Welt. Die richtig großen Probleme manifestierte er unter anderem an den technischen Entwicklungen der modernen Zeit. „Technik, der wir uns ergeben haben, beherrscht die Menschen, nicht umgekehrt.“ Mit den Möglichkeiten der weltweiten Vernetzung geben die Bürger einfach so jahrhundertelang errungene Rechte wie das Post-, Brief- oder Bankgeheimnis dem vermeintlichen Fortschritt anheim.

Sozialwissenschaftler Miegel sieht durch den Raubbau an Planet und Menschheit die bisherige Entwicklung der Menschheitsgeschichte auf eine harte Probe gestellt, wenn nicht gar aufs Spiel gesetzt. Er sieht „eine überforderte Erde mit überforderter Menschheit. Wollen wir wirklich, dass Generationen nach uns sagen: ,Warum waren die Menschen damals so wenig weise?‘“ Es liege nun an uns – einem Fünftel der Menschen, das aber 83 Prozent der Welt und ihrer Güter für sich beansprucht –, etwas zu verändern.

Miegel plädierte für einen Bewusstseinswandel bei den Menschen selbst. „Aus der Politik können keine zukunftsweisenden Richtungen kommen“, weiß er aus eigener Erfahrung aus der Zeit als Berater für die Bundesregierung. „Statt materiellem Überfluss ein erfülltes Leben“, ist seine Losung, die er den Zuhörern mitgab. Gerade in der anstehenden Weihnachtszeit könne man sein Verhalten überdenken, ob weniger nicht mehr wäre. Änderungen kämen immer aus dem Einzelnen. Er munterte auf, selbstbewusst an das zu glauben, was man für richtig hält und es mit „Selbstvertrauen in die Richtigkeit des eigenen Handelns“ umzusetzen. Miegels Hoffnung: „Nur durch diesen Paradigmenwechsel kann man sich voran tasten, bis sich die Nebel lichten.“ Monika Herold

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