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Bei den singenden Jungfrauen und den Hexen: Gisela Schinzel-Penth in Reichersdorf. Beides soll es dort geben.

Unterwegs mit Gisela Schinzel-Penth

Die sagenhafte Sagensammlerin

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Spuk, Zauberei und Teufel: Gisela Schinzel-Penth, 70, sammelt Sagen. Sie fährt seit 50 Jahren von Dorfzu Dorf. 3000 bayerische Sagen hat sie schon aufgeschrieben. Lohnen, finanziell gesehen, tut sich das kein Stück. Anders gesehen schon: Sie hütet einen Schatz, den man mit Gold nicht aufwiegen kann.

Eurasburg/München – Sie haben es mit dem Hilti-Bohrer versucht, damals vor 40 Jahren. Aber der Bohrer ist mitten in der Herrnhauser Kirche verglüht. Dann haben die Männer aus dem Ort den Spitzmeißel genommen und mit aller Kraft auf den Mordstrumm Stein gehauen, der gleich hinterm Altar aus dem Boden ragte. Aber sie hatten kein Chance: Stein zu stark, einheimische Kirchenrenovierer zu schwach. Also haben sie diesen seltsamen Stein, der noch heute im Fundament eingemauert ist, in Frieden gelassen. Dabei, kein Scherz, ist dieser braune Brocken nicht von dieser Welt.

Gisela Schinzel-Penth, 70, sitzt in Eurasburg einem der Steinklopfer von damals gegenüber. Der will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, er will nicht, dass es im Dorf Gerede gibt. Aber dieser Stein, er hat ihn ein Leben lang nicht losgelassen. Immer wieder muss er an ihn denken. Deshalb hat er Gisela Schinzel-Penth zu sich nach Hause in den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen bestellt und ihr die Geschichte erzählt. Damit sie verewigt wird, im wahrsten Sinne des Wortes: Denn Gisela Schinzel-Penth aus München ist Sagensammlerin, Sageneinsammlerin. Seit 50 Jahren fährt sie durch Oberbayern und lässt sich von geheimnisvollen Riesenwallern erzählen, von Moorhexen, Mäuseplagen, blutenden Kreuzen und Geisterpudeln. 3000 Sagen und Legenden hat sie schon aufgespürt, Minimum.

Gerade in diesem Moment kommt ein neues Kapitel dazu. Sie hat ihren Block vor sich liegen, schreibt in Schönschrift mit, dann fällt ihr noch eine Frage ein: „Wie haben Sie feststellen können, dass der Stein in der Kirche ein Meteorit war?“ Der ältere Mann, der ihr gegenüber sitzt, sagt: „Das hat man an der Oberfläche sehen können, sie hatte Kristallspuren. Der Stein war glatt und hatte eine verschmolzene Oberfläche.“ Gisela Schinzel-Penth sagt: „Das kommt in mein nächstes Buch.“ Die Geschichte vom Meteoriten unterm Herrnhauser Altar. Ein wunderbares Fundstück.

Gisela Schinzel-Penth lächelt zufrieden. Für sie sind Sagen Sachen, die man sich sagt. Die man erzählt, die wahr sein können, aber nicht müssen. Ihre Sammlung ist einzigartig und ihre Lebensleistung schlicht bewundernswert. Sie ist das bayerische Grusel-, Drachentöter und Geister-Gedächtnis. Früher war sie Lehrerin, aber nur ein paar Jahre. Weil so viele Menschen ihr eine Dorflegende, eine Ortssage oder auch nur von einer wunderlichen Nachbarin erzählen wollten. Deswegen hat sie bei der Schule gekündigt. Es ging nicht mehr, zeitlich. Sagensammeln ist, wenn man es ernsthaft angeht, ein Ganztagesjob.

Manchmal ist die Arbeit auch kurios. Einmal war sie bei einem alten Bauern daheim. Der hat gesagt: „Meine Nachbarin ist eine Hexe. Die hat alle meine Tiere verhext, deswegen sind sie gestorben.“ Gisela Schinzel-Penth hat gefragt: „Woher wissen Sie das?“ Antwort: „Das war Rache. Weil ich sie nicht geheiratet hab’, als sie jung war.“ Der Bauer hat fest daran geglaubt.

Der Glaube an Übersinnliches, an Dämonen, Hexen und Geister ist in Bayern anscheinend ungebrochen. Erst kürzlich hat wieder ein Metallsucher bei ihr angerufen, der eines ihrer Bücher gelesen hat. Am Telefon hat er gefragt, ob sie ihm nicht, bittschön, die genauen Koordinaten des Schatzes geben könne, der in diesem einen Berg versteckt ist. Er wolle ihn am Wochenende bergen. Gisela Schinzel-Penth kennt das, sie antwortet dann immer: „Wenn ich den genauen Ort wüsste, wäre der Schatz längst nicht mehr da.“

Fünf Jahre Recherche steckt in jedem ihrer Bücher, fünf Jahre Arbeit und viele tausend Kilometer oberbayerische Landstraße. Auflage: vielleicht 2500 Stück. Lohnen, was das Geld angeht, tut sich das nicht. Aber Gisela Schinzel-Penth kann nicht anders. Ihr geht es wie jedem anderen Briefmarken- oder Edelsteinsammler: Sie kann nicht aufhören.

Im Gymnasium, da war sie 16, sollte sie eine Sage aufschreiben. Das war die Aufgabe. Das war der Anfang, denn sie hat sich an eine alte Geschichte erinnert – an die vom „Glasenbartel mit dem Stein“. Der Glasenbartel war ein reicher Bauer, der an der Würm lebte, und heimlich Grenzsteine versetzte, um seinen Besitz zu vergrößern. Irgendwann flog der Betrug auf, er musste ins Gefängnis. Doch selbst nach dem Tod fand der Glasenbartel keine Ruhe – er erhob sich Nacht für Nacht aus dem Grab und musste einen Grenzstein in seinen knochigen Händen über die Felder schleppen. Immer wieder rief er: „Wo soll ich ihn hinsetzen? Wo soll ich ihn hinsetzen?“

Der Sage nach trauten sich die Einheimischen nach Sonnenuntergang nicht mehr in Richtung der Felder, weil sie den Geist fürchteten. Doch eines Nachts gingen drei betrunkene Bauernsöhne vom Alten Wirt in Obermenzing nach Hause. Plötzlich stand der Glasenbartel vor ihnen. Er sagte, mal wieder: „Wo soll ich ihn hinsetzen?“ Zwei Burschen rannten weg vor Angst, der dritte Bursche, es war der betrunkenste, sagte: „Setz ihn halt wie-wieder dahin, wo-wo du ihn hergenommen ha-hast.“ Es tat einen Knall. Der Glasenbartel ward nie mehr gesehen.

Gisela Schinzel-Penth hat tagelang für die Geschichte recherchiert, sie hat die Mama gefragt, den Opa, die Nachbarn und die Lehrer. Aber kaum einer hat sie ganz zusammenbekommen. „Da ist mir aufgegangen“, erzählt sie, „wenn ich das nicht niederschreibe, dann geht es für immer verloren.“ So hat alles angefangen. So ist es noch heute. Aber es gibt ein Problem: Bayern ist zu groß, selbst Oberbayern ist zu groß, um alle Sagen in einem Leben einzusammeln. „Dafür lebe ich wahrscheinlich nimmer lang genug“, sagt Gisela Schinzel-Penth. Sie hat noch blinde Flecken in Ebersberg, erzählt sie, in Erding und rund um Bad Aibling. „In Oberbayern“, sagt sie, „bin ich alleine.“ Sonst macht niemand so was. Sonst rettet keiner Sagen vorm Vergessen.

Sie verabschiedet sich von dem Mann in Eurasburg, der vom Meteoriten erzählt hat, gibt ihm noch eines ihrer Bücher. „Viel Spaß damit“, sagt sie. Ein Autobahnstau und zwei Stunden später steht sie vor den unterirdischen Gängen von Reichersdorf, das ist ein Ortsteil von Irschenberg im Kreis Miesbach. Die Sagensuche geht weiter, immer weiter.

Der Schäfflerbauer Hans Westiner stieß am 11. Juli 1640 auf die Gänge, so erzählt es die Sagensammlerin, als er einen Brunnen vor seinem Haus baute. Daraufhin kamen massenhaft Menschen zu den unterirdischen Gängen. Der Schäfflerbauer wurde in den Gängen sogar von seinem Rückenweh geheilt. Heutzutage haben Teile des Gangsystems eine Eingangstür – sie liegt genau unterhalb eines Bauernhauses. Gisela Schinzel-Penth sagt: „Hoffentlich kommen wir rein. Die Gänge sollen bis zum Seehamer See reichen.“

Wenige Sekunden später findet Gisela Schinzel-Penth die Bauersfrau, die die Schlüssel zur Tür hat. „Können Sie aufsperren?“ Die Bäuerin antwortet: „Ja, freilich.“ Singende Jungfrauen soll es hier unten geben. Ihr zauberhafter Gesang war früher angeblich im ganzen Dorf zu hören, man musste nur daran glauben. Heute ist es still. Aber das heißt ja nichts. In Reichersdorf soll es auch Hexen gegeben haben.

Die Bäuerin schließt die Türe auf und gibt der Sagensammlerin eine Taschenlampe. „Haben wir heute ein Glück“, sagt Gisela Schinzel-Penth. Hat Bayern ein Glück, dass es diese Frau gibt. Das ist ausnahmsweise keine Sage, das ist wahr.

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