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Ein gemeinsames Bild der beiden Buben aus der Föhrenwalder Zeit gibt es nicht – zu dieser Zeit wurde noch kaum privat fotografiert. Die Aufnahme entstand bei einer späteren Begegnung. Sie zeigt Martin Walter (li.) und Boris Gerczikow.

„Ein Märchen aus Föhrenwald“

Der eine sprach jiddisch, der andere bairisch: Sie wurden Freunde fürs Leben

Die Historikerin Dr. Sybille Krafft erinnert bei der Beerdigung von Martin Walter an eine wunderbare Freundschaft. Wir veröffentlichen ihr „Märchen aus Föhrenwald“.

Geretsried/Waldram Martin Walter kannte die Geschichte Geretsrieds wie kaum ein anderer, und er setzte sich unermüdlich dafür ein, das die Historie erforscht, bewahrt und weitergetragen wird. Der Hobby-Historiker, der im Lager Föhrenwald, dem heutigen Waldram zur Welt kam, verstarb dieser Tage im Alter von 76 Jahren. Bei seiner Beerdigung würdigte Dr. Sybille Krafft, Vorsitzende des Vereins „Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald“, den „Heimatforscher und Zeitzeugen“. Auf Bitten vieler Trauergäste stellte Krafft ihr „Märchen aus Föhrenwald“ unserer Zeitung zur Veröffentlichung zur Verfügung:

Martin Walter in jungen Jahren.

„Es war einmal ein Ort im Wolfratshauser Forst, der die Schrecken und Verwerfungen unserer jüngsten Zeitgeschichte wie in einem Brennglas widerspiegelte: die Nazi-Zeit, den Krieg, den Holocaust, den Todesmarsch, Flucht und Vertreibung Zehntausender Menschen unterschiedlicher Nationen und Religionen. Und mitten in diesem Ort sowie an seiner Grenze lebten zwei kleine Buben: der jüdische Boris und der evangelische Martin. Beide waren gleich alt, 1942 im Krieg geboren, der eine im polnischen Lodz, der andere im bayerischen Föhrenwald.

Boris’ Vater arbeitete als Buchhalter in Lodz, ehe er nach dem Einmarsch der Deutschen Richtung Russland floh und dort in ein Arbeitslager gesteckt wurde. Martins Vater arbeitete im Krieg als Werkmeister in den Rüstungsbetrieben des Wolfratshauser Forstes. Seine Familie zog 1941 in die dort neu errichtete Arbeitersiedlung.

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Martin war das allererste Kind, das in Föhrenwald geboren wurde. Die Familie lebte damals in der Memeler Straße, nach dem Krieg hieß diese Straße dann New York Street, heute ist es die Rupertstraße.

1946 kauften die Walters das ehemalige Bahnhofsgebäude von Föhrenwald und bauten es um als Wohnung mit einem kleinen Ladengeschäft für Haushaltswaren und Lebensmittel. Dort wuchs Martin auf – inmitten von Kochtöpfen und Kaffeetassen, Krautfässern und Kernseifen. Der Gartenzaun der Familie war Teil des Lagerzauns, der das inzwischen jüdische Displaced-Persons- (DP)-Camp von der Außenwelt abgrenzte. Auf der einen Seite lebten die Opfer der nationalsozialistischen Unrechtsherrschaft, auf der anderen Seite die Täter – so empfand man das zumindest auf einer der beiden Seiten.

Der kleine Martin schlüpfte immer wieder durch den Gartenzaun, um Botengänge für seine Eltern auszuführen, die Waren in das DP-Lager lieferten. Dabei erkundete er auch die neue, fremde Welt hinter dem Gartenzaun. Denn der Bub war aufgeweckt und neugierig – zwei Eigenschaften, die Martin sich ein Leben lang bewahren sollte.

1957 zog Boris Gerczikow mit seiner Familie nach Frankreich.

Eines Tages lernte er Boris kennen, als die Mutter neues Geschirr für Pesach im Laden der Walters kaufen wollte. Boris sprach jiddisch, Walter bairisch – doch sie fanden schnell eine gemeinsame Sprache auch ohne viele Worte. Einmal, als sie hinter dem Badehaus am Independence-Place gemeinsam Schlitten fuhren, wollten jüdische Jugendliche den deutschen Eindringling angreifen. Doch Boris stellte sich schützend vor seinen neuen Freund. Genau das Gleiche passierte auch auf der anderen Seite des Gartenzauns. Doch diesmal war es Martin, der sich schützend vor Boris stellte.

Ab diesem Zeitpunkt waren die beiden Buben unzertrennlich. Gleich nach der Schule spielten sie jeden Tag miteinander, erforschten gemeinsam die Bunkerreste und unterirdischen Gänge nach Geretsried, schwammen in der Isar oder spielten Räuber und Schandi im Wald, im Föhrenwald. Diese Freundschaft sollte ein Leben lang halten, obwohl die Familie von Boris 1957 nach Frankfurt ziehen musste, damit katholische Heimatvertriebene hier angesiedelt werden konnten. Föhrenwald wurde Waldram. Und wenn Martin Walter jetzt nicht gestorben wäre, so lebten die beiden alten Buben noch heute in freundschaftlicher Verbundenheit.

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Das Schöne an diesem modernen Märchen ist, dass es wirklich wahr geworden ist. Nach einem grauenvollen Krieg, der über die Menschheit so unendlich viel Leid und Elend gebracht hatte, wurde durch die Freundschaft dieser beiden Buben wieder ein Stück Hoffnung, Versöhnung und Menschlichkeit sichtbar.

Martin Walter war auch in seinem späteren Leben ein verlässlicher Brückenbauer. So wurde er zu einem wichtigen Zeitzeugen und Ratgeber für unser ehrenamtliches Erinnerungsprojekt Badehaus. Wir sind sehr dankbar, dass wir seine besondere Lebensgeschichte in unserer Ausstellung für nachfolgende Generationen dokumentieren und bewahren können.

Sein Engagement, seine Geradlinigkeit und seine Freundschaft mögen uns allen ein Vorbild sein.“

red

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