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Luftig-offen statt religiös-vermufft: St. Matthias in Wadram mit seinem Leiter Ralf Wiechmann präsentiert sich heute als sehr moderne Schule für den Zweiten Bildungsweg mit attraktiven Angeboten. Foto: sabine Hermsdorf-Hiss

SERIE: DIE ABI-MACHER

St. Matthias in Waldram: Modern statt missionarisch

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Das Abitur: Vielen Eltern und Schülern gilt es als zentrales Fundament, auf dem sich das spätere (Berufs-)Leben aufbauen lässt. Wir stellen in loser Folge jene Schulen in unserem Verbreitungsgebiet vor, in denen man die Allgemeine Hochschulreife erlangen kann. Heute: St. Matthias in Waldram.

Waldram – Wer zu Blasphemie neigt, könnte sagen: Die Katholische Kirche ist für das Gymnasium, die Fachoberschule (FOS) und das Kolleg von St. Matthias so etwas wie Fluch und Segen zugleich. Segen, weil der Träger, die Erzbischöfliche Stiftung St. Matthias Wolfratshausen-Waldram, sich die Schule eine ganze Menge Geld kosten lässt; und Fluch, weil der Abi-Schmiede aus vergangenen Zeiten ein Ruch anhaftet, der sich längst verflüchtigt haben müsste. „Selbst Waldramer, die nur zwei Straßen weiter wohnen, glauben immer noch, dass wir hier nur Priester ausbilden“, sagt Schulleiter Ralf Wiechmann. „Wir müssen ganz viel investieren, um klarzumachen, dass wir nicht mehr das Spätberufenen-Seminar sind.“

Letzteres hatte Erzbischof Michael Kardinal von Faulhaber 1927 als heute Bayerns älteste Einrichtung des Zweiten Bildungswegs gegründet. Ausgerichtet war es darauf, junge Männer zum Abitur zu führen und auf den Priesterberuf vorzubereiten. Bis 2016 lief das so. Im Erzbischöflichen Ordinariat aber sitzen kluge Köpfe, die die Zeichen der Zeit deuten können. Und die besagen nun einmal, dass die Kirche im Leben vieler Menschen immer weniger Platz einnimmt, geschweige denn, dass jemand Priester werden will. Also hat man den Stiftungszweck geändert: „Generell kümmern wir uns nun darum, Nachwuchs für kirchliche Berufe zu generieren“, sagt Wiechmann, denn es gebe einen „ganz großen Bedarf, an Leuten, die im pädagogischen, im sozialen und im Pflegebereich arbeiten“. In Stein gemeißelt ist das aber nicht: Wer lieber Pilot werden möchte, darf in Waldram ebenfalls sein Abi bauen. „Wir fragen niemanden nach seinem Berufsziel. Wir informieren nur darüber, dass es tolle kirchliche Berufe gibt. Und wenn sich jemand dafür entscheidet – schön.“ Auch Konfession und Geschlecht spielen keine Rolle mehr: St. Matthias nimmt evangelische Schüler auf, konfessionslose, muslimische – und zwei Drittel seiner Eleven sind weiblich.

Ralf Wiechmann unterstreicht den offenen Charakter seines Hauses: „Das Christliche bei uns besteht nicht darin, dass unsere Schüler in der Kirche knien müssen, sondern darin, dass wir uns besonders um die Schüler bemühen und für jeden einzelnen versuchen, den für ihn richtigen Weg zum Abitur zu finden.“

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Nur am morgendlichen Gebet hält die Schule fest, wobei ihr Leiter auch da „nicht missionieren“ will. Niemand müsse beten, was er nicht glaubt. Zur Not tut’s auch ein Liedtext der Lieblingsband. Sinn ist die Besinnung: Wichtig ist dem 46-Jährigen, „morgens nicht gleich funktionieren und in dieses Hamsterrad treten zu müssen, sondern dass wir uns einstimmen auf den Tag“.

Ein moderner, geradezu freigeistiger Ansatz, der sich – bis auf den aktuell (noch) leer stehenden wuchtigen Altbau – im Schulgebäude widerspiegelt: Die 2011 eröffneten neuen Trakte sind einladend konzipiert: Glas und Holz dominieren, lassen das Haus luftig erscheinen. Die Klassenzimmer sind top ausgestattet. Alles so gewollt: „Wir möchten den Eindruck vermitteln, dass das, was die Kirche hier hingestellt hat, eine coole, ganz normale Schule ist“, sagt Wiechmann.

Was geblieben ist: St. Matthias ist ein Institut für den Zweiten Bildungsweg – mit drei Zügen: Gymnasium, Kolleg und Fachoberschule. Das heißt: Lärmende Fünft- wie pubertierende Neuntklässler wird man dort nicht finden. Stattdessen ein Hauch Exklusivität: „Solche Schulen wie unsere“, schwärmt der Oberstudiendirektor im Kirchendienst, „könnte man sich flächendeckend gar nicht leisten. Das würde viel zu teuer.“

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Die Eckdaten

Aktuelle Schülerzahl: ca. 160; 

Ausrichtung: Schule des Zweiten Bildungswegs mit drei Sparten: 

- staatlich anerkanntes Kolleg über drei/vier/fünf Jahre (Voraussetzung: Mittlere Reife (MR), Berufsabschluss oder zweijährige Berufserfahrung, Aufnahmeprüfung oder einjähriger Vorkurs, MR oder zweijähriger Vorkurs, Quali); 

- staatlich anerkanntes Gymnasium (altsprachlich, humanistisch) über drei (Voraussetzung: MR mit pädagogischem Gutachten, Einstieg in 10. Klasse Einführung), vier (MR, über einjährigen Vorkurs AG und BG) oder fünf Jahre (Quali oder MR, zweijähriger Vorkurs AG und BG); 

- staatlich genehmigte Fachoberschule Sozialwesen (Voraussetzung: MR); 

Besondere Angebote: sehr individueller und durchlässiger Ausbildungsweg; Kleine Klassen; Wohnen Plus (Zimmer für 20 junge Erwachsene/360 Euro im Monat). Plus steht einerseits dafür, dass zusätzliche Möglichkeiten der persönlichen, beruflichen, religiösen Orientierung angeboten werden. Andererseits wird durch die Wohnmöglichkeit auch ein Raum geschaffen, der Selbstständigkeit stärkt und Eigenverantwortlichkeit fördert; Schulband, Chor, Schulsanitäts-Team, Homepage-Team, Mensa-Team, Bibliotheks-Team, Bierbrau-Kurs; 

Einschreibefrist: ab Februar/Halbjahreszeugnis bis 15. Juli; Schulgeld: im Moment nicht; 

Kontaktdaten: Gymnasium, Kolleg und FOS St. Matthias, Seminarplatz 3, 82515 Wolfratshausen, Telefon: 0 81 71/99 80; E-Mail: info@sankt-matthias.de

peb

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