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Angeregter Austausch: Chaim Bukszpan im Gespräch mit Dr. Sybille Krafft.

Bürger fürs Badehaus

„Es wurde geliebt und gelitten“

Waldram - Faszination Chaim Bukszpan: Der älteste lebende Föhrenwalder inspiriert Gymnasiasten und den Badehaus-Verein. Der 93-Jährige war vor kurzem zu Gast in Waldram.

Er ist mit 93 Jahren der älteste noch lebende männliche Föhrenwalder – und der damals wohl einzige illegale Bewohner des jüdischen Lagers für Displaced Persons (DP). Chaim Bukszpan war vergangenes Jahr zur 70-Jahr-Feier des Lagers nach Waldram gekommen. Die Vorsitzende des Vereins „Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald“, Dr. Sybille Krafft, erkannte in ihm sofort einen wichtigen Zeitzeugen. Sie schreibt gerade an einer Biografie über den in München lebenden polnischen Juden. Die bewegte Geschichte des Mannes hat auch die Schüler des Praxis (P)-Seminars Geschichte am privaten Günter-Stöhr-Gymnasium in Icking fasziniert. Sie haben eine Arbeit über Chaim Bukszpan verfasst, die sie bei der Mitgliederversammlung des Vereins „Bürger fürs Badehaus“ kürzlich präsentierten. Die Gymnasiasten heißen Elias Ritter, Laurin Mader, Quirin Heene, Nicole Kuhnert, Pauline enSayn-Wittenstein und Paulina von Hardenburg. „Es freut mich, dass ihr den Stab der Erinnerung aufgenommen habt“, sagte Krafft zu den Jugendlichen.

Chaim Bukszpan wurde 1923 in Krakau geboren. Seine Eltern waren sehr religiös. 1939 wurde die Wohnung der Familie zwangsgeräumt. Der Vater wurde in ein Konzentrationslager verschleppt, später auch die Mutter. Da war Chaim Bukszpan 19 Jahre alt. 1942 wurde er als Zwangsarbeiter ins Konzentrationslager Plaszow gebracht, wo er Schwerstarbeit leisten musste. Er leidet seitdem an einer Lungenkrankheit. 1944 kam er ins KZ Buchenwald. „Meine Häftlingsnummer lautete 68046 – Synonym meines Namens, den ich dann nicht mehr hatte“, hat Bukszpan in seinen eigenen Aufzeichnungen geschrieben.

Nach dem Krieg ging er 1945 zurück nach Polen. Doch dort gab es zu dieser Zeit die sogenannten Kelce-Progrome: christliche Polen machten Jagd auf jüdische Polen. Außerdem war Chaim Bukszpans Familie tot. Er sagt: „Es war für mich kein Platz mehr in Polen.“ 1946 gelangte er zunächst ins DP-Lager Heidenheim an der Brenz. Anschließend reiste er nach Israel aus und kehrte 1953 auf Umwegen über Italien und Österreich nach Deutschland zurück.

Als Illegaler ohne Aufenthaltserlaubnis landete Bukszpan im DP-Lager Föhrenwald. Er wohnte in der Kentucky Street 14c2, später in der Missouri Street 23c2 und war Torwart des Lager-Fußballteams. In Föhrenwald lernte er seine Frau, eine gebürtige Breslauerin, kennen und heiratete sie 1954. „Es wurde nicht nur gelebt und gelitten, es wurde auch geliebt in Föhrenwald“, bemerkt Sybille Krafft. Nach der Geburt von Tochter Brigitte, die in Geretsried lebt, und Sohn Maximilian erhielt Chaim Bukszpan endlich die deutsche Staatsbürgerschaft. Er wohnt seit 1955 in München.

Auf Kraffts obligatorische Frage, ob es im damaligen Badehaus eine Mikwe, ein jüdisches Ritualbad, gab, antwortete Bukszpan, der mit Tochter und Enkelin als Ehrengast zur Mitgliederversammlung gekommen war: „Ja, die gab es. Aber ich habe sie nie besucht. Nach allem, was ich erlebt habe, war ich nicht mehr religiös.“

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