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Grünen-Spitzenkandidatin: Christine Mair betreibt mit ihrer Familie in Münsing eine Bio-Landwirtschaft und einen Hofladen.

Rot geht, Grün kommt: 

Wie die Grünen die SPD in Kommunen verdrängen - am Beispiel eines kleinen Ortes in Oberbayern

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Seit der Landtagswahl schießen in Bayern grüne Ortsverbände aus dem Boden – die SPD hingegen ist vielerorts auf dem Rückzug. In Münsing passiert gerade beides gleichzeitig.

Münsing – Christine Mair tastet ganz Münsing ab. Mit ihrem Finger streift die Gemeinderätin auf einer Karte von Wolfratshausen aus nach Westen und zieht ihn dann am Starnberger See entlang nach unten. „Wir haben aus allen Ortsteilen Leute auf unserer Liste“, sagt Mair. 

Die 54-Jährige ist gerade von einer lokalen Wählergruppe zu den Münsinger Grünen gewechselt. Bei der Kommunalwahl am 15. März führt sie als Spitzenkandidatin die Liste an. Das Ziel ist, danach mindestens zwei Gemeinderäte zu stellen, „schön wären drei“, sagt Mair. Und dabei gab es bis vor ein paar Monaten noch gar keine Münsinger Grünen.

Wie Pilze schießen derzeit in ganz Bayern neue Ortsverbände der Partei aus dem Boden. Allein seit der Landtagswahl im vergangenen Herbst, bei der die Grünen überraschend fast 18 Prozent einfuhren, haben sich 116 neue Ableger gegründet, 446 sind es nun insgesamt im Freistaat. Die Erwartungen sind entsprechend groß: Die Partei will nächstes Jahr mindestens 2500 kommunale Mandate holen, das wären 700 mehr als jetzt. Aus bisher zwei Landräten wollen die Grünen vier machen, die Anzahl ihrer Bürgermeister (bisher 17) verdoppeln.

Ein mehr als 300 Jahre alter Hof mitten im Ort. „Wir haben in Münsing zu den Pionieren der ökologischen Landwirtschaft gehört“, sagt Christine Mair, die natürlich keine Berufspolitikerin ist. Ihre Familie betreibt hier eine Bio-Landwirtschaft und einen Hofladen. 500 Hühner, 50 Milchkühe. Auf den Stalldächern erzeugen sie Solarstrom, geheizt wird mit Hackschnitzeln. „Wir sind hier längst energieautark“, sagt Mair.

Ihr Mann, Nikolaus Mair, wurde bereits 2014 für die Grünen in den Kreistag gewählt. Nachdem er dieses Jahr im Frühling gemeinsam mit der Kreisrätin Mechthild Felsch und dem früheren Wolfratshauser Chefarzt Matthias Richter-Turtur den Ortsverein ins Leben rief, war für Christine Mair klar, dass auch sie zu den Grünen wechselt. Es fühlt sich gut an, die Partei und ihr Netzwerk im Rücken zu spüren, sagt sie. „Die Erfolge auf Landes- und Bundesebene sorgen auch in den Ortsverbänden für großen Aufwind.“ Der Autoverkehr, das Radwegenetz – das seien ja alles grüne Themen. Überhaupt gebe es kaum eine Gemeinderatssitzung, bei der keine Umwelt-Frage zur Sprache kommt. „Sei es die Farbe, mit der die Schule gestrichen werden soll oder die Straßenbeleuchtung.“ Bundespolitik und Lokalpolitik müssten dabei ineinandergreifen – wie zum Beispiel beim Tempolimit: „Wir liegen an der A 95 und sind direkt betroffen vom Lärm und von den häufigen Unfällen, die durch Raser verursacht werden“, sagt Mair. „Es ist unsere Freiwillige Feuerwehr, die dann ausrücken muss.“

Ihre Liste haben die Münsinger Grünen auf der Aufstellungsversammlung vor drei Wochen abwechselnd mit Frauen und Männern gefüllt. Genug Kandidaten zu finden, war kein Problem, auch wenn nicht alle auf der Liste Parteimitglieder sind. „Es war so viel Energie im Raum“, sagt Mair. „So eine positive Stimmung.“ Und natürlich diskutiert jetzt auch der Grünen-Stammtisch in Münsing darüber, ob die Partei wirklich einen Kanzlerkandidaten braucht. „Ich bin klar dafür“, sagt Mair.

Während in der Gemeinde gerade ein neues grünes Kapitel aufgeschlagen wird, geht ein anderes zu Ende. Das der SPD.

1993 gründete Heinz-Jürgen Schreiner gemeinsam mit einem Genossen den ersten Münsinger Ortsverein. „Es hat hier die CSU gegeben, und die SPD mochte man nicht“, erinnert sich der 64-Jährige. Und doch stellten sie sich 1996 zur Wahl und schafften es seither immer wieder in den Gemeinderat. Schreiner selbst, der ein Schullandheim direkt am Starnberger See leitet, ist 2017 in das Gremium nachgerückt. Doch zur Kommunalwahl im März wird es hier keine rote Liste mehr geben. „Weil wir keine mehr zusammenbringen“, sagt er.

Fünf SPD-Mitglieder gibt es noch in Münsing. Zwei davon treten öffentlich kaum in Erscheinung, einer wohnt inzwischen in München. Der letzte SPD-Gemeinderat Schreiner geht bald in den Ruhestand und will nicht mehr kandidieren. Der Ortsverein wird aufgelöst.

Die Roten gehen, die Grünen kommen. Steht Münsing damit stellvertretend für einen politischen Machtwechsel, der sich nun auch in der Kommunalpolitik zeigt?

„Ganz offensichtlich verändert sich da etwas“, bestätigt Ursula Münch, die Direktorin der Akademie für politische Bildung in Tutzing. Bisher seien beide Parteien in der Fläche relativ schwach gewesen und hätten vor allem in größeren Städten eine gute Rolle gespielt. Doch die Entwicklung gehe nun auseinander. „Der Wahlerfolg und der Mitgliederzulauf stärken die Grünen, gleichzeitig tut sich die SPD gerade bei jüngeren Leuten schwer.“ Dazu kommt, dass der Zulauf der Grünen bei Wählern und Mitgliedern ihnen auch mehr Geld in die Kassen spült. „Das macht es leichter, Strukturen neu zu bilden“, sagt Münch. Die SPD befinde sich hingegen in einem „psychologischen Tief“, und hat wegen ausbleibender Erfolge und sinkender Mitgliederzahlen auch mit rückläufigen Einnahmen zu kämpfen. „Ein Teufelskreislauf“, sagt Münch.

„Ich sehe keine Leitbilder mehr und auch keine Führungspersonen“

Als der Münsinger Noch-Gemeinderat Schreiner 1972 seinen SPD-Mitgliedsantrag unterschrieb, war er 17 Jahre alt. „Das war damals einfach eine andere Zeit“, sagt er. Politiker wie Willy Brandt, Hans-Jochen Vogel, Helmut Schmidt oder in Bayern auch Franz Maget hätten ihm imponiert. Doch von der heutigen SPD ist er vor allem enttäuscht. „Ich sehe keine Leitbilder mehr und auch keine Führungspersönlichkeiten.“

Gleichzeitig werde die ehrenamtliche Arbeit an der Basis von der Partei nicht honoriert. Schlimmer noch: „Uns werden Knüppel zwischen die Beine geworfen.“ Auf lokaler Ebene bemühe man sich, konstruktiv zu arbeiten. Und dann komme einer wie Juso-Chef Kevin Kühnert und fordere die Abschaffung sämtlicher Sanktionen gegen Hartz-IV-Bezieher, selbst wenn die gar nicht arbeiten wollten. „Das wird einem hier um die Ohren gehauen“, sagt Schreiner.

„Man muss den Neumitgliedern etwas zutrauen und sie auch machen lassen“

Ende 2008 gab es noch 1748 SPD-Ortsverbände in Bayern. Heute sind es 1485. Ein klarer Abwärtstrend, und doch liegt die SPD damit noch immer deutlich vor den Grünen. Nur, wie lange noch?

Nun müsse man erstmal die Kommunalwahl abwarten, bremst Politikwissenschaftlerin Münch. „Neueintritte alleine machen noch keinen überwältigenden Wahlerfolg aus.“ Auch die Grünen hätten auf dem Weg nach oben noch einige Herausforderungen zu bewältigen, sagt Münch. Wenn eine Partei so schnell wachse, gebe die Führung automatisch einen Teil ihrer Kontrolle aus der Hand. „Man muss den Neumitgliedern etwas zutrauen und sie auch machen lassen“, sagt Münch. Und die müssten es dann eben auch richtig machen. Denn die Kommunalwahl sei vor allem eine Personenwahl. „Entscheidend ist: Wer ist der Kandidat?“

Eine Frage, die sich auch die Münsinger Grünen stellen müssen. Denn einen Bürgermeister-Kandidaten, der Amtsinhaber Michael Grasl (Freie Wähler) das Rathaus streitig macht, haben sie in ihren Reihen bisher nicht gefunden. Noch nicht.

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