„Ich reagiere manchmal über“

Asylbewerber zu Geldstrafe verurteilt

Psychische Probleme und sprachliche Missverständnisse waren aus Sicht des Angeklagten ursächlich dafür, dass er zum wiederholten Mal vor Gericht saß. Die Staatsanwaltschaft legte dem 26-Jährigen aus Sierra Leone Widerstand gegen Polizeibeamte, versuchte Körperverletzung und Bedrohung zur Last.

Wolfratshausen – Am 19. Juni vorigen Jahres war die Polizei zur damaligen Wohnung des Angeklagten in Wolfratshausen gerufen worden. „Seine Freundin hatte Schluss gemacht. Es war es zu einem lautstarken Streit gekommen“, berichtete ein Polizeibeamter vor Gericht. „Er wirkte sehr aufgewühlt, war in einem sehr komischen psychischen Zustand“, schilderte der Zeuge die Verfassung des Angeklagten. Erst durch den Einsatz von Pfefferspray sei die Situation zu beruhigen gewesen. Wegen seines unberechenbaren Gemütszustands – „Er drohte ständig auf Englisch: ,I kill you.‘“ – sei der 26-Jährige ins Krankenhaus nach Agatharied gebracht worden.

„Ich habe niemanden getreten oder geschlagen“, ließ der Angeklagte seinen Dolmetscher übersetzen. Er habe lediglich darauf bestanden, seinen Rucksack ausgehändigt zu bekommen, der beim Eintreffen der Polizei bereits im Auto eines Freundes verstaut worden war. Auch hinsichtlich des zweiten Anklagevorwurfs sah er sich zu Unrecht beschuldigt.

Wenige Tage nach dem ersten Vorfall sollte der Mann von Wolfratshausen in eine neue Unterkunft in Bad Tölz gebracht werden. Auf dem Weg dorthin soll er Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes mehrmals gedroht haben, sie umzubringen. „No, no, no“, sagte der Angeklagte. Der Übersetzter ergänzte: „Er sagte: Ihr bringt mich um, wenn ich hier bleiben muss.“ Die neue Unterkunft im ehemaligen Jodquellenhof habe er nämlich unter keinen Umständen beziehen wollen. Schließlich habe er seinen Rucksack genommen und sei davon gegangen, berichtete ein Security-Mitarbeiter.

Am Tag darauf stürzte sich der 26-Jährige in seiner Verzweiflung in Bad Tölz von der Isarbrücke. Weil die Isar damals relativ viel Wasser führte, überstand er den ersten Sprung schadlos. Beim zweiten Versuch blieb er schwerverletzt auf einer Sandbank liegen. Zwei Wochen wurde der Mann in einer psychiatrischen Abteilung stationär behandelt. „Er hatte offenbar schon in seiner Heimat psychische Probleme“, erläuterte der ärztliche Betreuer des Angeklagten, der 1990 in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone, geboren worden war. Wenig später brach in seiner westafrikanischen Heimat ein zehn Jahre währender blutiger Bürgerkrieg aus, der zehntausende Menschen das Leben kostete.

„Ich reagiere manchmal über, verliere die Kontrolle, wegen meiner Krankheit. Ohne die würde ich das nicht machen“, ließ der Angeklagte übersetzen. Richter Helmut Berger verurteilte den 26-Jährigen, der inzwischen im Landkreis Altötting lebt, zu 1.350 Euro Geldstrafe (90 Tagessätzen je 15 Euro). „Er hat zweifelsfrei psychische Probleme. Deshalb ist eine verminderte Steuerungsfähigkeit nicht ausgeschlossen“, begründete Berger das Strafmaß. Die Staatsanwältin hatte 1.800 Euro Strafe beantragt.

Rudi Stallein 

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