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Der Schein trügt: Was wie Natur pur aussieht, ist in Wahrheit von Menschen gemacht. In der Geschichte hat die Bevölkerung Wälder gefällt, gepflanzt und auf alle möglichen Arten genutzt – auch im Isarwinkel.

Serie Artenvielfalt im Wald

Blick in die Geschichte: So hat der Mensch den Wald gestaltet

Selten wurde so intensiv über Artenvielfalt gesprochen wie derzeit. Eine große Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Wald. Heute: So hat der Mensch den Wald gestaltet.

Bad Tölz-Wolfratshausen – In der letzten Folge unserer Serie widmen wir uns der Tatsache, dass der Wald, anders als man gemeinhin glaubt, nicht das Ergebnis einer natürlichen Entwicklung, sondern menschlichen Handelns ist. Darüber sprachen wir mit Joachim Hamberger, Leiter des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Abensberg (Niederbayern). Zusammen mit Otto Bauer hat er das Buch „Wald-Mensch-Heimat“ geschrieben. Es zeigt quer durch alle bayerischen Regierungsbezirke auf, wie der Wald auf den Menschen, aber auch der Mensch auf den Wald eingewirkt hat.

Herr Hamberger, in dem Buch fällt der Begriff Forstgeschichte. Was muss man sich darunter vorstellen?

Die Forstgeschichte berichtet über die Beziehungen und die Wechselwirkungen zwischen dem Wald und der menschlichen Gesellschaft, die sich über die Zeit verändert haben. Sie stellt den Wald, die Forstpolitik und die Forstwirtschaft vergangener Zeiten dar und erklärt dabei die Entwicklung bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt.

Schauen wir uns die Situation vor Ort an. Wenn der Mensch zwischen Isar und Loisach nicht eingegriffen hätte: Welchen Wald hätten wir jetzt?

Joachim Hamberger, Leiter des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Abensberg.

Der vom Menschen nicht beeinflusste Wald zwischen Isar und Loisach wäre ein Bergmischwald aus Fichte, Tanne und Buche. Im Gebirge würde der Wald von der Fichte dominiert, je höher, desto mehr Fichte. Im Voralpenland kämen Tanne, Buche und Bergahorn dazu. Die Waldzusammensetzung in früher Zeit kann durch die Analyse der Samen der verschiedenen Baumarten, die sich besonders in Mooren erhalten haben, nachgewiesen werden.

Wolfratshausen wird zum ersten Mal 1003 urkundlich erwähnt. Wie lässt sich der Wald von damals beschreiben?

Damals stand auf dem größten Teil der Waldflächen noch die natürliche Bestockung, wie oben beschrieben. Die noch geringe Bevölkerung hatte nahezu ausschließlich in der Nähe der Siedlungen und der Triftbäche in den Wald eingegriffen.

Die Gegend ist berühmt für das Flößerhandwerk, das hier jahrhundertelang praktiziert wurde. Welchen Einfluss hatte das auf den Bestand?

Als gegen Ende des Mittelalters die Bevölkerung zunahm, wurde die Nutzung der bis dahin weithin unerschlossenen Wälder intensiviert. Denn die kargen Böden und das verhältnismäßig raue Klima im Voralpenland bot ihnen nur bescheidene Ernten. Um zu überleben, mussten die Menschen den Wald nutzen. Um Isar und Loisach gab es deutlich mehr Wald, als die ansässige Bevölkerung benötigte. In waldarmen Gebieten flussabwärts bestand dagegen großer Holzbedarf, das Holz wurde dort gut bezahlt. Es wurde deshalb ein Transportsystem über Bäche und Flüsse entwickelt, das die rohstoffreichen, aber nachfragearmen Wälder mit waldarmen Gegenden verband, in denen Holzmangel herrschte und das Holz gut bezahlt wurde. Seit dem 13. Jahrhundert entstand auf Isar und Loisach ein intensiver Triftbetrieb. Bei der Trift wurde nicht nur Holz transportiert. Die Flöße dienten vielmehr wesentlich dem Warentransport – etwa Baumaterialien, landwirtschaftliche Produkte – und dem Personenverkehr. Wichtige Zielorte waren die Residenzstädte München, Freising und Landshut. Oft ging die Fahrt aber auch bis zur Isarmündung bei Deggendorf oder bis nach Wien. So stammte der im Stephansdom in Wien verbaute und im Zweiten Weltkrieg verbrannte Dachstuhl aus dem Isarwinkel.

Wie würden Sie den Wald, den wir aktuell haben, beschreiben? Welchem Zweck sollte er den Generationen vor uns dienen?

Die Wälder, die wir heute so selbstverständlich als Teil unserer Umwelt wahrnehmen, sind nicht das Ergebnis einer natürlichen Entwicklung, sondern die Folge der Jahrtausende langen Beeinflussung durch den Menschen. Die Ansprüche, die an den Wald gestellt wurden, haben sich mit der Zeit geändert – und mit ihnen der Wald. Lange war die Lieferung möglichst großer Holzmengen das wichtigste Ziel der Waldbewirtschaftung. Als angesichts der regellosen Waldnutzung und der immer lichter werdenden Bestände gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Sorge wuchs, die Holzversorgung könnte gefährdet sein, entstand in der Forstwirtschaft das Prinzip der Nachhaltigkeit, also der Grundsatz, nur den Holzzuwachs abzuschöpfen und das Holzkapital zu erhalten. Angesichts der wachsenden und immer vielfältigeren Ansprüche an den Wald entwickelte die Forstwirtschaft den Begriff der Nachhaltigkeit aber kontinuierlich weiter. Heute ist die Waldbewirtschaftung in Bayern darauf gerichtet, alle wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Funktionen des Waldes zum Nutzen gegenwärtiger und künftiger Generationen zu sichern.

Das Wesen der Geschichte ist, dass sie nie zu Ende ist. Was sollten heutige Waldbesitzer bedenken?

Die Zeitspanne von der Begründung eines Bestands bis zu seiner Ernte umfasst mehrere Menschengenerationen. Diese extreme Langfristigkeit der Waldentwicklung führt dazu, dass jede waldbauliche Maßnahme Auswirkungen hat, die weit in die Zukunft reichen. Fehler, zum Beispiel in der Baumartenwahl, wirken sich erst Jahrzehnte später aus. Gleichzeitig werden sich Rahmenbedingungen der Forstwirtschaft in Zukunft dramatisch verändern: Klimawandel, Wetterextreme, Borkenkäfer und eingeschleppte Baumkrankheiten belasten die Wälder schwer. Ein gestufter, gemischter Wald, der das gewachsene Risiko breit verteilt und eine naturnahe, achtsame Bewirtschaftung puffern dieses neue Risiko am besten ab.

Das Buch

Joachim Hamberger, Otto Bauer: Wald. Mensch. Heimat. Eine Forstgeschichte Bayerns, zweite Auflage. Laubsänger-Verlag, Freising 2019. ISBN 978-3-945630-12-9, Preis 39,90 Euro.

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