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Aktion mit Herz: An einer Schnur haben (v. li.) Rita Schmid und ihre Töchter Katrin und Hedi die Gutscheine aufgehängt, gegen die Bedürftige einen kostenlosen Kaffee im „Kaffee Ratscherl“ bekommen.

257 Cafés und Bars beteiligen sich deutschlandweit an dem sozialen Projekt

Kostenloser Kaffee für Bedürftige

Das „Kaffee Ratscherl“ beteiligt sich am Projekt „suspended coffee“ für bedürftige Menschen.

Wolfratshausen Bezahle zwei Tassen Kaffee, trinke aber nur eine. Die zweite kann später jemand bestellen, dem das Geld dafür fehlt: Das ist das Prinzip des „suspended coffee“ oder „caffè sospeso“, wie man in Italien sagt, wo der zu Deutsch „aufgeschobene Kaffee“ erfunden wurde. Die Studentin Saskia Rüdiger aus Berlin hat „suspended coffee Germany“ vor fünf Jahren gegründet. Seitdem konnte die 21-Jährige 257 Cafés und Bars sowie einen Friseurladen für die Teilnahme an dem sozialen Projekt gewinnen – darunter das „Kaffee Ratscherl“ in Wolfratshausen.

Saskia Rüdiger aus Berlin hat das Projekt gegründet.

Rita und ihre Tochter Hedi Schmid, die Inhaberinnen des kleinen, gemütlichen Treffpunkts an der Königsdorfer Straße, wurden vor etwa vier Jahren von Saskia Rüdiger angeschrieben, ob sie Lust hätten, die Aktion zu unterstützen. „Die Idee hat mir gleich gut gefallen“, sagt Rita Schmid. Die Hauswirtschaftsmeisterin (65) ist die gute Seele des Cafés, in dem außerdem noch Tochter Katrin arbeitet. Jede Nacht steht die Mama in der Backstube und bereitet ihre köstlichen „Himmlischen“, Apfelschmand- und Eierlikörtorten zu. Natürlich können die Gäste auch ein Stück Kuchen sowie andere Getränke als Kaffee für weniger wohlhabende Menschen mitbezahlen. Hedi Schmid füllt dann einen entsprechenden Bon aus, den sie mit einer Wäscheklammer an einer Schnur gut sichtbar im Geschäft aufhängt. Im Fenster ist ein Hinweis auf das Angebot angebracht.

Es richtet sich an Obdachlose, Rentner mit wenig Geld, Asylbewerber und Arbeitslose. Aber auch wer sein Portemonnaie gerade nicht dabei hat, darf sich gerne einen Gutschein nehmen. „Wir kontrollieren nicht, ob die einlösenden Personen wirklich bedürftig sind. Das muss jeder mit sich selbst ausmachen“, sagt Rita Schmid. Missbrauch sei auch überhaupt nicht das Problem, sondern eher das Gegenteil: Es wüssten zu wenige Wolfratshauser von dem Projekt oder aber die Hemmschwelle, sich tatsächlich einen „Aufgeschobenen“ zu holen, sei zu groß. Die Schmids laden deshalb regelmäßig karitative Einrichtungen wie die Inselhaus Kinder- und Jugendhilfe, die Obdachlosenhilfe der Caritas, die Asylhelfer oder die Oberland-Werkstätten für Behinderte ein, damit die von ihnen betreuten Menschen die spendierten Speisen und Getränke in netter Atmosphäre genießen können.

Die Studentin Saskia Rüdiger, die „suspended coffee Gerrmany“ aufgrund eines Facebook-Beitrags aus England 2013 ins Leben rief, weiß, dass viele Café-Betreiber auf dem Land Schwierigkeiten haben, bedürftige Kunden zu finden. „In den Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München läuft das Projekt super. Dort ist man einfach anonymer“, sagt sie. „Ich wünsche mir, dass sich die Idee auch in kleineren Orten genau so etabliert wie in Italien, und dass sie bei denen ankommt, die davon profitieren sollen – ohne, dass sie schief angesehen werden.“

Ein ähnliches System wie „suspended coffee“ versucht übrigens Werbekreis-Chefin Ingrid Schnaller gerade in Wolfratshausen zu installieren. Unter dem Motto „Brot am Haken“ können Kunden in Bäckereien, Metzgereien oder auch in Cafés deutschlandweit ein zweites Produkt zum Verschenken mitbestellen. Chocolatier Georg Bernhofer war der erste Teilnehmer. Auch er verzeichnet mehr Geber als Nehmer.

Tanja Lühr

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