Als Missionarin bei den Erdbebenopfern

Wolfratshausen - Schon als kleines Mädchen wollte Susanne Fassl Missionarin werden. Dieser Tage fliegt die Kinderkrankenschwester zum dritten Mal nach Haiti, um den Erdbebenopfern zu helfen.

Anfang April 2010 machte sich die Krankenschwester im Auftrag der Deutschen Missions-Gemeinschaft (DMG) erstmals nach Haiti auf. Es galt, hunderttausende Verletzte nach dem schweren Erdbeben zu versorgen. Im Oktober brach auf der Karibik-Insel die Cholera aus, und erneut war medizinische Hilfe gefragt. Susanne Fassl reiste wieder für einige Monate in das Katastrophengebiet. Diesmal soll der Einsatz länger dauern: Drei Jahre sind geplant. „Ich habe mein Herz an Haiti verloren“, sagt die 35-jährige gebürtige Neu-Ulmerin, die unsere Zeitung vor Ostern im Haus der Evangelischen Gemeinschaft in Wolfratshausen zu einem Gespräch getroffen hat. Fassl wird für die Evangelische Gemeinschaft missionarisch tätig sein.

Aufgewachsen ist Fassl in einer christlichen Familie. Bei einem Kindermissionsfest der Liebenzeller Mission beschloss sie als junges Mädchen, Kinderkrankenschwester zu werden und ins Ausland zu gehen. Nachdem sie in den Kinderkliniken von Garmisch-Partenkirchen und Starnberg Berufserfahrung gesammelt hatte, fragte die Organisation „Lands Aid“ bei ihr an, ob sie nach Haiti gehen wolle. „Ich hatte eher Afrika oder den Nahen Osten im Blick. Aber dann habe ich im Gebet hinterfragt, ob die Karibik für mich dran ist, und die Antwort war Ja“, erzählt die gläubige junge Frau.

Nach zwei Aufenthalten weiß sie, dass sie genau dort gebraucht wird. Zur Vorbereitung auf ihren neuen Einsatz studierte sie ein halbes Jahr lang in Paris Französisch. Kreolisch, das die meisten Haitianer sprechen, will sie vor Ort lernen.

Die Krankenschwester wird im Hôpital Lumière in Bonne Fin arbeiten. Cholera, Durchfall und Infektionskrankheiten bereiten dort die meisten Probleme, sagt sie. Man müsse oft kreativ sein, denn die Ausstattung entspreche nicht europäischem Standard. Auch Kleinigkeiten müssten bedacht werden. So würden Pflaster bei der Hitze und der hohen Luftfeuchtigkeit nicht halten. Viele Menschen lebten in Slums, unter schlimmen hygienischen Bedingungen. Die Hilfsorganisationen richteten deshalb ihr Augenmerk auch auf die Gesundheits-Prävention. Es würden Wasserprojekte ins Leben gerufen, zerstörte Waldstücke wieder aufgeforstet und Schulen gebaut.

Neben ihrer Tätigkeit als Krankenschwester wird Susanne Fassl versuchen, den Menschen Jesus näher zu bringen. 75 Prozent der Haitianer sind katholisch, aber es gibt auch viele Voodoo-Anhänger. „Die Bevölkerung hat so viel Leid erlebt. Wenn ich ihnen von Jesus erzähle, soll das eine Option für sie sein, an ihn zu glauben. Dieser Glaube kann ihnen Hoffnung geben“, erklärt Fassl. Sie will den Haitianern weder als Medizinerin noch als Evangelistin „irgendetwas überstülpen“.

Bei ihren bisherigen beiden Einsätzen hat die 35-Jährige freilich viel Leid gesehen. Vor allem Cholera-Patienten sind vor ihren Augen gestorben. Die Betroffenen und die Angehörigen würden anders mit dem Tod umgehen als wir Deutschen, sagt sie. „Wir suchen immer nach einem Schuldigen. Dort gehört der Tod mehr zum Leben, er wird akzeptiert“. Angst, sich selbst mit Cholera oder einer anderen gefährlichen Krankheit anzustecken, hat die Krankenschwester nicht. Sie baut auf Gott und ihre robuste Natur. „Eine schlimmere Vorstellung sind für mich die riesigen Spinnen“, sagt sie und lacht.

Es wird viel Arbeit auf sie zukommen, sie wird in einer einfachen Behausung in einer Wohngemeinschaft mit zwei älteren Missionarinnen leben und kaum Freizeit haben. Doch sie freut sich riesig, nach Haiti zurückzukehren. Sie schwärmt von der Offenheit und Herzlichkeit der Menschen, von ihrer einfachen Art zu leben und sich auszudrücken. Viele seien Analphabeten, erzählt sie. „Durch Lieder und Bilder verarbeiten sie das Erdbeben. Das mag ich sehr“.

Die Missionarin wird über einen eigenen Blog mit der Evangelischen Gemeinschaft verbunden sein. Der Rückhalt und die Gebete der Gemeinde geben ihr Kraft.

Tanja Lühr

Auch interessant

Kommentare