3. Oktober 1990: Rund eine Million Menschen feierten die wiedergewonnene deutsche Einheit vor dem Brandenburger Tor.
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3. Oktober 1990: Rund eine Million Menschen feierten die wiedergewonnene deutsche Einheit vor dem Brandenburger Tor. Aufbauhilfe leistete Anfang der 1900er-Jahre das Tölzer Landratsamt in Auerbach im Vogtland.

30 Jahre Deutsche Einheit

So half das Landratsamt nach der Wiedervereinigung im Osten

  • Volker Ufertinger
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Nach der Wiedervereinigung musste die DDR-Bürokratie ganz von vorne anfangen. Im sächsischen Auberbach half das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen.

  • Die Wiedervereinigung jährt sich zum 30. Mal
  • Im Osten musste eine neue Verwaltung aufgebaut werden
  • Das Landratsamt half im sächsischen Auerbach

Bad Tölz-Wolfratshausen - Am 3. Oktober 1990 wurde die Wiedervereinigung mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik „vollendet“. So steht es im Grundgesetz. Mit dem zeitlichen Abstand von drei Jahrzehnten könnte man fast vergessen, wie schwierig die ersten Jahre waren. Eine funktionierende Verwaltung etwa musste erst aufgebaut werden, im Osten fing man bei Null an. Und genau dabei leistete das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen den Kollegen im Osten Hilfe – Aufbauhilfe im wahrsten Sinne des Wortes.

Ein Ickinger FDP-Politiker ergriff die Initiative

Zunächst war Bautzen im Gespräch. Der verstorbene Hans Assa von Polenz, FDP-Politiker aus Icking, warb im Kreistag dafür, sich des Landkreises anzunehmen – er selbst hatte dort Verwandte, die von Polenz waren alter sächsischer Adel. Doch Bautzen war weit weg, und einen schlechten Ruf hatte es wegen des berüchtigten DDR-Gefängnisses obendrein. So fiel die Wahl auf den Landkreis Auerbach, zwischen Hof und Chemnitz gelegen. Heute gibt es ihn nicht mehr, er ging schon 1996 im Vogtlandkreis auf.

Damals gab es einen regen Austausch von Führungskräften zwischen Bad Tölz und Auerbach. Ihre Erfahrungen brachten vor allem die Fachbereichsleiter ein, etwa Klaus Köhler, Chef des Kreisausländeramts, Robert Renner, Leiter des Sozialamts, und Bernd Angermann vom Abfallreferat. Einer, der damals schon dabei war und heute noch im Landratsamt tätig ist, ist Hans Gey (55), einst Sachbearbeiter in der Sozialverwaltung, jetzt Controller. „Ich war zwei bis drei Mal drüben“, erinnert er sich. „Immer etwa eine Woche oder 14 Tage.“

Für 14 Tage in den Osten

Die Leute, die Gey in das komplexe Thema Verwaltung einzuführen hatte, waren sämtlich ungelernt. Die einstige Verwaltung aus DDR-Zeiten war diskreditiert, jetzt mussten neue Kräfte ran. „Bei uns waren das in erster Linie Krankenschwestern“, erzählt Gey. „Ich kann mich erinnern, dass da eine große Aufbruchstimmung war und sie alle sehr lernwillig gewesen sind.“ Abends, wenn man beisammen saß, bekam er auch Einblicke in den einstigen DDR-Alltag. Unter anderem erinnert er sich an den Begriff „SKL“. Er stand für „Suchen-Kaufen-Lagern“ und bezog sich auf Autoteile.

Meistens hatte Gey Kontakt mit der Basis der Auerbacher Verwaltung. Bei den höher gestellten Beamten kam es immer wieder vor, dass sie plötzlich nicht mehr dabei waren. Teils, weil ihnen Spitzeltätigkeit nachgewiesen werden konnte. Das betraf sogar den Landrat von Auerbach, Wilfried Eichler, der laut Gauck-Behörde inoffizieller Mitarbeiter der Stasi gewesen sein soll. Darüber stolperte er 1995.

Man wollte ja nicht der Besserwessi sein

Auch Bernd Angermann war regelmäßig in Auerbach zu Gast. Für den langjährigen Geschäftsführer der WGV Quarzbichl hatte das Ganze einen besonderen Reiz, weil er in Kulmbach aufgewachsen war, in Sichtweite des Eisernen Vorhangs. Die Zusammenarbeit mit den ostdeutschen Kollegen empfand er als Herausforderung. „Es war eine Gratwanderung. Ich wollte ja nicht der Besserwessi sein, sondern helfen“, erzählte er unserer Zeitung einmal.

Irgendwann ist der Kontakt im Sande verlaufen

Hans Gey, Controller im Landratsamt

Dabei lauerten viele Gefahren auf die unerfahrene Verwaltung. Besonders in Form von Glücksrittern aus dem Westen, die jede Schwäche ausnutzten. Daher der Rat Angermanns: „Leute, macht’s keine langfristigen Verträge.“ Schwierigkeiten gab es offenbar auch wegen der anfangs miserablen Infrastruktur. Angeblich konnte im dortigen Landratsamt nur ein Mitarbeiter die Telefonanlage bedienen. Und wenn derjenige nicht da war, ging eben nix.

Auerbach heute: Eine moderne Kommune

Die Zeiten sind lange vorbei. Heute präsentiert sich die Drei-Türme-Stadt – markant der Schlossturm, St. Laurentius und Heilig Kreuz – als moderne Kommune. Der Online-Auftritt jedenfalls kann sich sehen lassen. Partnerstädte sind Grevenbroich, Buchenbach und Strzegom in Polen. Nicht aber Bad Tölz, das hat sich nicht ergeben. „Der Kontakt ist irgendwann im Sande verlaufen“, erinnert sich Hans Gey.

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