50.000 Autos täglich auf B11: Wolfratshausen und Geretsried droht der Verkehrskollaps

Im Jahr 2035 werden laut Prognose täglich gut 50.000 Kfz über die B11 zwischen Wolfratshausen und Geretsried rollen. Jetzt wollen die Städte gegensteuern.
Wolfratshausen/Geretsried – Zu einer interkommunalen Sondersitzung haben sich die Stadträte aus Wolfratshausen und Geretsried am Donnerstag in der Loisachhalle getroffen. Das Schwerpunkthema war die Verkehrsbelastung. Schon heute rollen täglich „exorbitant“ mehr Fahrzeuge über die B11 als der Landesdurchschnitt für vergleichbare Strecken ausweist, berichtete Martin Herda. Der für den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen zuständige Abteilungsleiter im Staatlichen Bauamt Weilheim bezog sich auf ein aktuelles Verkehrsgutachten des Münchner Büros Obermeyer. Die Experten zählten im Herbst 2019 pro Tag durchschnittlich 37 000 Autos, Lkw und Motorräder auf der Bundesstraße zwischen den zwei Nachbarstädten. Laut Prognose werden es im Jahr 2035 gut 50 000 Fahrzeugbewegungen sein. Von der S-Bahn-Verlängerung – der erste Spatenstich steht in den Sternen – erwarten die Gutachter kaum Entlastung.
50.000 Autos täglich auf B11: Wolfratshausen und Geretsried droht der Verkehrskollaps
Auf keiner anderen Straße im Landkreis herrscht laut Herda so viel Verkehr wie auf der B11 zwischen Geretsried und Wolfratshausen. „Vergleichbar mit der A95“ im Abschnitt der Loisachstadt sei die Zahl der Pkw, Lkw und Motorräder. Zu einer Entspannung soll wie berichtet die Verlegung beziehungsweise der Ausbau der B11 auf Geretsrieder Flur beitragen. Dieses Projekt steht schon seit 2016 im Bundesverkehrswegeplan. Doch jüngst hatte Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) Geretsrieds Bürgermeister Michael Müller (CSU) zwar wissen lassen, dass ihm die Bedeutung der geplanten Infrastrukturmaßnahme „sehr wohl bewusst“ sei, aber: Ein Baubeginn vor der Fertigstellung der S7-Verlängerung sei „nicht realistisch“, zitierte Müller den Minister. Bereits Ende 2021 hatte Geretsried eine Resolution an Bund und Land formuliert, das Bauvorhaben unverzüglich in Angriff zu nehmen. Die Verlegung/der Ausbau der B11 müsse „mit der geplanten Verlängerung der S7 zeitlich und technisch koordiniert“ werden.

Müller betonte am Donnerstag, „dass wir die ganze B11/B11a ins Auge fassen müssen“. Zu diesem Schluss kommen zusammengefasst auch die Verkehrsgutachter des Büros Obermeyer und das Staatliche Bauamt Weilheim. Denn selbst für den Fall, dass die B11 auf Geretsrieder Flur ausgebaut würde – zwischen dem Bereich Buchberg bis zur Auffahrt auf die A95 bliebe Stand heute alles beim Alten. Auf Nachfrage des Wolfratshauser Stadtrats Dr. Patrick Lechner (FDP) antwortete Herda, dass die Verkehrsplaner bei ihrer Hochrechnung davon ausgehen, dass die S7-Verlängerung die Zahl von etwa 50 000 Kfz täglich nur um etwa zwei Prozent reduzieren würde. Das wären „rund 1200 Fahrzeuge“, so der Abteilungsleiter im Staatlichen Bauamt.
„Mehr als deutlich“: Zahlen zwingen laut Bürgermeister zum Handeln
Aufbauend auf den Ergebnissen einer Klausurtagung beider Stadträte schlugen Rathauschef Müller und sein Wolfratshauser Amtskollege Klaus Heilinglechner (Bürgervereinigung) den Gremien vor, ein interkommunales Verkehrskonzept auf den Weg zu bringen. Sprich: Pläne für den Ausbau der B11 im Wolfratshauser Süden sowie für den Ausbau des Autobahnzubringers zu schmieden. „Die Zahlen sind mehr als deutlich“, der Ausbau „dringend erforderlich“, so Heilinglechner. Stadtrat Volker Reeh (Geretsrieder Liste) sekundierte: „Schnellstmöglich“ müsse ein interkommunales Verkehrskonzept „vorangetrieben werden“.
Klares Votum für interkommunales Verkehrskonzept
„Die Städte Wolfratshausen und Geretsried bekräftigen den Willen für eine gemeinsame Verkehrsentwicklung für die beiden Städte.“ So lautet die Präambel des Beschlusses, den die jeweiligen Stadtratsgremien am Donnerstagabend in der Loisachhalle fassten. Und weiter: „Die beiden Stadträte begrüßen die Information des Staatlichen Bauamts Weilheim für eine Verbesserung der verkehrlichen Erschließung der Bundesstraßen B11 und B11a für den Raum Wolfratshausen Süd und Geretsried/Gelting. Die Gremien beschließen, diese nun angestoßene Entwicklung des Staatlichen Bauamts durch ein gemeinsames Verkehrskonzept zu begleiten. Mittel für die fachliche und personelle Begleitung des Prozesses werden in den beiden Haushalten 2023 bereitgestellt.“
Der Geretsrieder Stadtrat stimmte dem Beschlussvorschlag am Donnerstag einhellig zu. Von den Wolfratshauser Mandatsträgern sagten inklusive Bürgermeister elf Ja, nicht einverstanden waren Dr. Patrick Lechner (FDP) und Dr. Hans Schmidt (Grüne). (cce)
Der Wolfratshauser Stadtrat Dr. Hans Schmidt (Grüne) war anderer Ansicht. Er vertraue der Verkehrsprognose der Experten nicht blind, noch immer seien die Rahmenbedingungen für solche Gutachten „sehr autofreundlich“ gestaltet. Mit dem Ausbau der B11 wäre Schmidt einverstanden, wenn Busspuren angelegt würden. Wer Autostraßen baue, „zieht Verkehr an“ und reduziere die Zahl der Kfz nicht, so der Grünen-Vertreter.
CSU-Rätin traut der „Irrsinns-Prognose“ nicht - und plädiert für Radschnellwege
Ähnlich äußerte sich die Wolfratshauser CSU-Stadträtin Renate Tilke. Auch sie betrachte die „Irrsinns-Prognose“ sehr skeptisch. Ein „vier-, sechs- oder achtspuriger Ausbau der B11“ komme für sie nicht in Frage. Bevor man neue Straßen baue, „sollte man erst mal bei Radschnellwegen ansetzen“, sagte Tilke und wies auf den Bau solcher Extraspuren in der Landeshauptstadt München hin.
„Das ist eine sehr idealistische Sichtweise“, konterte Bürgermeister Müller. Auch den Vorwurf Tilkes, dass in Geretsried fleißig Wohnraum geschaffen werde und die Nachbarstadt unter dem zusätzlichen Verkehr ächze, ließ Müller so nicht stehen: Die prognostizierte Verkehrszunahme – unter anderem dem Bevölkerungswachstum geschuldet – „ist kein Geretsrieder Thema, sondern ein Thema für die Region“. Tilkes Sicht der Dinge sei „sehr eindimensional“ attestierte Müller seiner Parteifreundin. Sowohl der Geretsrieder als auch der Wolfratshauser Rathauschef betonten aber: Bei der Erstellung eines gemeinsamen Verkehrskonzept würden ÖPNV und Fahrrad nicht außer Acht gelassen.
Im Jahr 2035 das Fünffache des landesweit durchschnittlichen Verkehrsaufkommens
„Wenn wir das heute nicht machen, dann weiß ich es nicht“, warb Fritz Meixner (SPD) bei seinen Wolfratshauser Amtskollegen um Zustimmung für den Beschlussvorschlag. Josef Praller (Bürgervereinigung) stellte fest: Laut Verkehrsprognose „hätten wir 2035 das Fünffache des landesweit durchschnittlichen Verkehrsaufkommens – wir müssen reagieren“. (cce)
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