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„Nur Steine und Schotter“ gab’s im heutigen Waldram, als Annemarie Korntheuer, geborene Brustmann, mit ihren Eltern Ende der 1950er-Jahre ins damalige Föhrenwald zog. 

Mit dem Ortsteil erwachsen geworden

60 Jahre Waldram: Das erzählt ein Kind der ersten Stunde

Mit fünf Jahren zog Annemarie Korntheuer nach Föhrenwald, das heutige Waldram. An den Ortsteil aus ihren Kindertagen erinnert heute nur noch wenig. Waldram feiert in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag. Ein Rundgang durch die Heimat, deren Aufbau die heute 65-Jährige hautnah miterlebt hat.

Wolfratshausen – Für die fünfjährige Annemarie Korntheuer, geborene Brustmann, ist in der neuen Heimat alles ungewohnt. Aus Teisendorf zog es ihre Familie Ende der 1950er-Jahre nach Föhrenwald. „Das Einzige, was damals stand, waren Reihenhäuser“, erinnert sich die 65-Jährige bei einem Spaziergang durch das heutige Waldram. Grünflächen findet die Familie bei ihrer Ankunft seinerzeit nicht, „nur Steine und Schotter“. Und um die Siedlung herum? „Ganz viel Wald und die Isar.“

Zusammen mit sechs Geschwistern und ihren Eltern lebte Korntheuer in einem Reihenhaus an der Bettingerstraße. Ein Kulturschock der positiven Art für das Mädchen: „Jeder hatte sein eigenes Zimmer, jeder konnte in seinem eigenen Bett schlafen. Wir hatten viel Platz.“ Mit ihren Armen macht sie eine ausladende Geste, um die Größe zu verdeutlichen. Sie muss lächeln, wenn sie sich an die Anfangszeit erinnert. Das Haus, das ihre Familie bezog, stammte aus dem Zweiten Weltkrieg – wie das gesamte Areal um Korntheuers Elternhaus herum. 1939 baute das Nazi-Regime an dieser Stelle eine Mustersiedlung. Nach Kriegsende richtete die US-Armee ein Camp für heimatlose Holocaust-Überlebende ein. 1955 kaufte und renovierte das Katholische Siedlungs- und Wohnungsbauwerk die Häuser und vergab sie an kinderreiche, katholische, heimatvertriebene Familien – Familien wie die Brustmanns.

„Das war eine unglaubliche Gemeinschaft“

Für die junge Annemarie war das ein Glücksfall: „Um uns herum haben lauter Familien gelebt, also auch viele Kinder, die in meinem Alter waren.“ Schnell bildete sich ein Freundeskreis. „Jeder kannte jeden. Das war eine unglaubliche Gemeinschaft“. Nicht nur in Korntheuers Altersklasse schweißte die neue Heimat die Menschen zusammen. „Alle, die hier herkamen, hatten nichts und mussten ihre Talente einbringen, um über die Runden zu kommen.“ Die starke katholische Ausprägung Waldrams tat ihr Übriges: „Am Sonntag hat sich der ganze Ort in der Kirche getroffen.“ Aus Nachbarn wurden Freunde. Die Kirche gibt’s schon lange nicht mehr – 2001 fiel der Kirchturm. Heute steht dort die Aula des Seminars St. Matthias. Was die Zeit dagegen überdauerte, ist die Freundschaft unter den Anwohnern.

Zusammen mit den neu gewonnen Weggefährten verbrachte das Mädchen seine Zeit vor allem im Wald der Isarauen. „Wir haben mit alten, ausrangierten Autoreifen in der Isar schwimmen gelernt“, erzählt Annemarie Korntheuer. Der Wald, der den Fluss säumte, „war unser Spielplatz“. Zuhause kümmerte sie sich mit ihrer Mutter um den Gemüsegarten mit Gurken, Kohlrabi, Salat, Tomaten und – wenn noch Platz im Garten blieb – sogar Kartoffeln. „Einen eigenen Garten hatten damals alle Häuser im Umkreis“, erinnert sie sich. Vor der Haustüre gab’s zudem einen kleinen Blumengarten. „Die Familien kamen aus bäuerlichen Verhältnissen, das haben sie so eben zuhause ausgelebt.“

In Waldram war immer was los

Den Garten gibt es am Haus an der Bettingerstraße noch heute, auch wenn er anders gestaltet ist als früher. „Moderner“, findet Korntheuer, als sie an dem Gartentor des Grundstückes lehnt. Auch die Fassade und das – für den Ortsteil typische – Spitzdach wurden erneuert. Wenige Meter von Korntheuers Zuhause entfernt, besuchte sie als junges Mädchen die alte Schule des Ortsteils. Auch dieses Gebäude gibt es heute nicht mehr. Als Korntheuer in die dritte Klasse kam, zog die Einrichtung um. Noch näher, in Sichtweite des Elternhauses, liegt das, was die 65-Jährige als „Zentrum Waldrams“ bezeichnet: Das Spätberufenenseminar, das es heute noch gibt. „Als junge Mädchen war das für uns natürlich spannend.“ Genau genommen sollten die Seminaristen „keinen Kontakt zu den Waldramern haben“, erinnert sie sich. Schließlich werden die jungen Studenten in Waldram auf eine spätere – dem Zölibat verpflichtete – Priesterlaufbahn vorbereitet. Zusammen mit einigen der Seminaristen waren die jungen Waldramerinnen dennoch unterwegs. „Sie haben uns einmal sogar mit in die Oper genommen“, berichtet Korntheuer.

Um kulturelle Veranstaltungen besuchen zu können, mussten die Waldramer nicht unbedingt weit. „Hier war immer etwas los: Ein Volksfest, wo heute das Umspannwerk steht, Faschingsbälle im Saal des Seminars, Tanzkreise, das Adventssingen in der Kirche, das es heute noch gibt, und, und.“

„Ein Großteil meiner Familie lebt heute noch hier“

Heute lebt die Mutter von vier Kindern und Großmutter von sieben Enkeln längst nicht mehr in Waldram. Als sie 17 Jahre alt war, begann sie eine Ausbildung als Kindergärtnerin in Rottenbuch im Landkreis Weilheim-Schongau. Korntheuer verließ den Wolfratshauser Ortsteil – und zog nicht wieder zurück. Mittlerweile lebt sie mit ihrem Mann in Bolzwang, einem Ortsteil von Münsing. Trotzdem gibt es ständige Berührungspunkte mit ihrer alten Heimat. Beim Rundgang grüßen viele Passanten und Korntheuer grüßt zurück. Man kennt sich. „Ein Großteil meiner Familie lebt auch noch hier“, sagt die Seniorin. Größtenteils wohnen die Verwandschaft an Straßen, die es längst noch nicht gab, als Familie Brustmann nach Föhrenwald zog. Aus Föhrenwald wurde Waldram und aus dem fünfjährigen Mädchen eine 65-Jährige, die den Aufbau eines Ortsteils hautnah miterlebt hat.

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