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„Ein großes Tohuwabohu“

Angestellte (22) soll 5400 Euro unterschlagen haben

Die Anschuldigung war massiv: Einen Tag, bevor sie für zwei Wochen in den Urlaub geflogen war, soll eine Mitarbeiterin eines Hörgerätegeschäfts in Wolfratshausen 5400 Euro aus der Kasse genommen haben.

Wolfratshausen –  In der Verhandlung am Amtsgericht wurde die 22 Jahre alte Hörgeräteakustikerin vom Vorwurf der veruntreuenden Unterschlagung freigesprochen.

Am 12. November 2015 soll die im Kreis Miesbach lebende Angeklagte im Kassensystem der Firma eingetragen haben, 5400 Euro bei der Bank einzuzahlen. Jedenfalls wurde der Eintrag im Computer unter ihrem Kürzel getätigt. Dem Konto wurde der Betrag jedoch nie gutgeschrieben. Die dafür erforderliche Kundenkarte ist bis heute verschwunden.

Außerdem beschuldigt die Geschäftsführung die ehemalige Angestellte, die nur wenige Monate in der Wolfratshause Filiale tätig war, bereits Mitte Oktober desselben Jahres 195 Euro aus der Kasse genommen zu haben. Dazu soll sie eine Warenrückgabe und die entsprechende Auszahlung an den Kunden fingiert haben. Wieder diente ihr Kürzel als Beweis. Auf die Fehlbeträge war man erst aufmerksam geworden, nachdem die Mitarbeiterin gekündigt und das Unternehmen bereits verlassen hatte.

Angeklagte weist Vorwürfe entschieden zurück

Die Angeklagte wies beide Vorwürfe von sich. „Ich habe das nicht gemacht“, erklärte die 22-Jährige entschieden. Zwar konnte sie nicht abstreiten, dass bei beiden Vorgängen ihr Namenskürzel verwendet worden war. Aber das habe jede andere Kollegin genauso nutzen können.

Computer womöglich nicht genug geschützt

Tatsächlich musste der Filialleiter einräumen, dass im Tatzeitraum die Computer womöglich nicht genug geschützt waren. Zwar sei für die Anmeldung ein persönliches Passwort erforderlich gewesen. Wenn eine Mitarbeiterin sich aber nicht abgemeldet habe, sei ihr Konto für den Rest des Tages für jedermann zugänglich gewesen. „Es war immer Vertrauenssache“, sagte der Geschäftsführer.

Das dies etwas blauäugig war, belegt ein weiterer dubioser Vorfall: Anfang September 2015 hatte eine andere Mitarbeiterin 2400 Euro zur Bankeinzahlung entnommen. Zwei oder drei Wochen später wurde das Geld wieder in die Kasse zurückgelegt – nun aber unter dem Kürzel der Angeklagten und mit dem Vermerk „Geld einzahlen nicht geschafft“.

Chaotische Kassenführung schuld?

Am Ende der Beweisaufnahmen erschien dem Gericht die Handhabung der Ein- und Auszahlungen in der Filiale, gelinde gesagt, etwas chaotisch. „Da war wohl ein großes Tohuwabohu, was Kassenführung und -prüfung angeht“, schlussfolgerte Richter Helmut Berger aus den Schilderungen des Filialleiters, der sich teilweise schwer tat, das Kassensystem zu erklären. Tägliche Abrechnungen gab es nicht, Bankeinzahlungen erfolgten nach Gutdünken, „wenn zu viel Bargeld in der Kasse war“ und ausschließlich auf Anweisung des Filialleiters. Der legte zwar am zweiten Verhandlungstag umfangreiche Buchungslisten und Kontoauszüge vor, hatte auf viel Fragen des Gerichts jedoch keine oder nur unbefriedigende Antworten, die letztlich in der saloppen Aussage mündeten: „Nix Genaues weiß man nicht.“

Richter spricht Angeklagte frei

Richter Helmut Berger folgte den Anträgen von Staatsanwaltschaft („ein anderer Täter ist nicht ausgeschlossen“) und Verteidigung. Er sprach die Angeklagte frei. „Wer ist so dumm und bucht mit seinem Kürzel einen Betrag aus und zahlt dann nicht ein? Die Spur führt doch automatisch zu ihr“, begründete der Amtsrichter seine Zweifel an der Schuld der Angeklagten.

Von Rudi Stallein

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