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Ohren zu und durch? Die Anwohner wollen sich mit dem Schienenlärm nicht abfinden und haben Unterschriften gesammelt. 

Bis zu 95 Dezibel

Anwohner unterschreiben gegen den Lärm der S7

Die S-Bahn in Wolfratshausen ist zu laut, dagegen haben rund Anwohner ihre Unterschrift geleistet. Deutsche Bahn reagiert. 

Wolfratshausen – Ab einem Dauerschallpegel von 60 Dezibel treten Stressreaktionen im Schlaf auf, ab 80 Dezibel kann die Gesundheit leiden. Die Schmerzgrenze liegt für den Menschen bei 130 Dezibel. Lärmeinwirkung von 150 Dezibel verursacht in Sekunden irreparable Schäden.

Ganz so laut ist die S-Bahn nicht, wenn sie den Bahnhof in Wolfratshausen erreicht. Die Zahlen, die Grünen-Stadtrat Rudi Seibt kürzlich ermittelt hat, sind trotzdem besorgniserregend: 95 Dezibel – ein Wert, mehr als doppelt so hoch wie der eines Presslufthammers – hat der Ingenieur an der Einfahrt gemessen.

Schlupfwellen sorgen für Lärm

Der Grund sind sogenannte Schlupfwellen, Unebenheiten der Schienen, die mit regelmäßiger Nutzung entstehen. Fährt ein Zug über diese Stellen, entsteht deutlich größerer Lärm als auf einem ebenen Schienenabschnitt. Rund 100 Anwohner wehren sich gegen den stetigen Lärm und reichten eine Unterschriftenliste bei der Deutschen Bahn ein. Ihre Forderung: Das Unternehmen soll die Schlupfwellen beseitigen und damit den Lautstärkepegel geringer halten.

In der offiziellen Lärmstatistik der Deutschen Bahn für Wolfratshausen sehen die Zahlen anders aus: Demnach liegen die höchsten Belastungswerte bei unter 75 Dezibel – und davon seien nur zehn Anwohner betroffen. Das bezweifelt Grünen-Stadtrat Rudi Seibt. „Mich haben viele Beschwerden von S-Bahn-Anwohnern erreicht, die den Lärm bemängelt haben“, sagt er. Es gehe den Wolfratshausern nicht um die übliche Geräuschkulisse bei der Einfahrt des Zuges, sondern konkret um die zusätzliche Belastung durch die Schlupfwellen.

Lesen Sie auch auf merkur.de: Bahn plant „Extraportion“ Lärmschutz gegen Güterzüge

Weil der Großkonzern trotz mehrmaliger Bitten keine Maßnahmen ergriffen hat – nicht einmal eine Rückmeldung haben die Beschwerdeführer nach Seibts Angaben bekommen –, machte sich der Grünen-Stadtrat selbst ans Werk. Er nahm zu verschiedenen Zeiten und an drei Orten Messungen am Gleis vor. Seibts Ergebnisse liegen in einem Bereich, der die Gesundheit gefährdet: zwischen 94 und 98 Dezibel, abhängig vom Tempo des Zuges. Seine Erkenntnisse legte Seibt dem Unternehmen in einem 21 Seiten umfassenden Gutachten vor.

Unternehmen hat eingelenkt

Die Deutsche Bahn lässt über ihre Pressestelle mitteilen, dass es „für Bestandsstrecken keinerlei Rechtsanspruch auf Schallschutz“ gebe. Die Linie der S 7 fällt in diese Kategorie. Dennoch habe die Bahn bis zum Jahr 2015 regelmäßige Schleifarbeiten an den Gleisen vorgenommen, um die Schlupfwellen zu beseitigen. Seitdem sei jedoch nichts mehr passiert, moniert Seibt.

Kommentar zum Bahnausbau in Erding auf merkur.de: „Jeder Meter Lärmschutz zählt“

Inzwischen hat das Unternehmen eingelenkt. In einem Schreiben an den Grünen-Stadtrat teilt die Bahn mit: In den Pfingstferien dieses Jahres sollen „Schienen und Schotter komplett erneuert werden“. Außerdem soll – etwas später – eine Konditionieranlage angebracht werden. Laut dem Schreiben der DB handelt es sich dabei um „ein Schienenschmiersystem, das sowohl den Lärmpegel als auch den Verschleiß der Schienen reduziert“. Die Bahn beruft sich in dieser Einschätzung auf wissenschaftliche Messergebnisse. Für die 100 Anwohner könnte dies eine Besserung bedeuten, da somit weniger Schlupfwellen entstehen. Mit hohen Dezibelzahlen müssen sie dann zwar immer noch leben, „An den normalen Lärm haben wir uns aber bereits gewöhnt“, sagt einer der Unterschriftensammler, der nicht namentlich genannt werden möchte.

Ganz neu ist der Termin für die Schleifarbeiten übrigens nicht: „Wir haben davon schon früher erfahren“, sagt der Anwohner, der rund 70 Meter von den Gleisen entfernt wohnt. „Die neue Anlage, die das Problem langfristig lösen soll, ist für uns auf jeden Fall ein Fortschritt.“

Dominik Stallein

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