Ein Plakat vor der Kreisklinik Wolfratshausen.
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Der Patient Kreisklinik Wolfratshausen scheint dem Tode geweiht: Zu diesem Schluss kommen die Unternehmensberater der in Berlin ansässigen Vicondo Healthcare GmbH. Ob die Vorschläge aus dem Vicondo-Gutachten, das nur ein kleiner Personenkreis kennt, umgesetzt werden, entscheiden die Kreisräte.

Nach Bekanntwerden des Vicondo-Gutachtens

„Auflösung“ der Kreisklinik Wolfratshausen: Der Widerstand wächst

  • Carl-Christian Eick
    vonCarl-Christian Eick
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Die mögliche „Auflösung“ der Kreisklinik Wolfratshausen mitten in der Corona-Pandemie schlägt hohe Wellen. Der Widerstand wächst parteiübergreifend.

Wolfratshausen – Die Kreisklinik soll in einen „intersektoralen Gesundheitscampus“ umgebaut werden und sich auf ambulante Behandlungen konzentrieren. Das ist, auf einen einfachen Nenner gebracht, der Vorschlag der Vicondo Healthcare GmbH (wir berichteten). Die Berliner Unternehmensberatung hatte vom Kreisausschuss den Auftrag erhalten, ein Konzept zur umfassenden Gesundheitsversorgung im Landkreis zu erarbeiten. Die Expertise, die unserer Zeitung vorliegt, schlägt hohe Wellen. In Wolfratshausen formiert sich Widerstand.

„Mit Entsetzen“ hat die Ortsvorsitzende der Wolfratshauser CSU, Claudia Drexl-Weile, zur Kenntnis genommen, dass der Kreisklinik die „Auflösung“ drohe. „Wir werden alles zum Erhalt der Kreisklinik tun“, kündigt die CSU-Chefin an – ein Bürgerbegehren schließt sie nicht aus. Drexl-Weile hat sich bereits mit umliegenden CSU-Ortsverbänden – darunter Geretsried, Egling, Dietramszell und Icking – in Verbindung gesetzt. Erste Solidaritätsbekundungen hat sie bereits erhalten. „Das ist aber keine Sache der CSU“, betont sie. Gemeinderäte, Stadträte, Rathauschefs und Bürger müssten jetzt gemeinsam dafür kämpfen, „dass die Kreisklinik in ihrer bisherigen Betriebsform beibehalten wird“. Den „perfekten Lösungsvorschlag“ kann Drexl-Weile nicht präsentieren. Aber für sie steht fest: „Gesundheit hat Vorrang vor Wirtschaftlichkeit. Das hat uns die Corona-Pandemie gezeigt.“

Ex-Kreisrat Gerhard Hasreiter macht Vorschlag

30 Jahre war der Geretsrieder CSU-Politiker Gerhard Hasreiter Kreisrat, saß viele Jahre im Aufsichtsrat der Kreisklinik und lenkt seit 18 Jahren die Geschicke des Vereins „Freunde der Kreisklinik Wolfratshausen“. Der Vorschlag der Vicondo GmbH sei „unfassbar“, sagt Hasreiter gegenüber unserer Zeitung. Die Kreisklinik sei „gut aufgestellt“ und verfüge über ein hervorragendes Ärzteteam. Das alles mehr oder minder zugunsten der privaten Asklepios-Stadtklinik in Bad Tölz aufzugeben, ist für den Geretsrieder keine Option.

Die Berliner Unternehmensberater sind zu dem Schluss gekommen, dass die Kreisklinik wie in den vergangenen Jahren weiter rote Zahlen schreiben wird. Im schlimmsten Fall rechnet Vicondo für das Jahr 2025 mit 6,5 Millionen Euro Defizit – im „Basis-Szenario“ mit knapp fünf Millionen Euro Verlust. Hasreiter kennt andere, deutlich niedrigere Prognosen, weiß aber, dass kommunale Kliniken häufig Zuschussbetriebe sind. „Das gilt für 50 Prozent der Krankenhäuser in Bayern.“ Und trotzdem hielten die Träger, das heißt, Landkreise oder Städte, an den Kliniken fest. „Denen ist die Daseinsvorsorge offenbar das Geld wert“, so der Geretsrieder. Der Vorschlag des Ex-Kreisrats: „Eine Bestandssicherung der Kreisklinik bis 2025, dann sehen wir weiter.“ Denn angesichts der Corona-Pandemie seien sämtliche wirtschaftlichen Vorhersagen nur Kaffeesatzleserei. Natürlich müsse die Klinik hinsichtlich ihrer Wirtschaftlichkeit ihre Hausaufgaben machen. „Aber sie ist auf einem guten Weg“, betont der Vorsitzende des Vereins der Klinik-Freunde.

Gesundheit ist kein Gut, mit dem Finanzinvestoren spielen dürfen.“ 

Justyna Czajka und Dr. Hans Schmidt, Sprecher des Wolfratshauser Ortsverbands Bündnis 90/Die Grünen

Das Ergebnis des internen Gutachtens, das unserer Zeitung vorliegt, hat auch die Wolfratshauser Grünen auf den Plan gerufen. „Natürlich sollten alle Potenziale zur Verbesserung der Finanzsituation der Kreisklinik gehoben werden“, erklären die Sprecher des Ortsverbands, Justyna Czajka und Dr. Hans Schmidt, in einer Pressemitteilung – „aber unter der Bedingung, dass diese in öffentlicher Hand bleibt und die Akutversorgung und die notärztliche Versorgung der Bevölkerung im Nordlandkreis gesichert ist.“ Czajka und Schmidt erinnern daran, dass die Grünen bereits 1999 gegen die Privatisierung der Tölzer Klinik gekämpft hätten. Vergeblich. „Nun gibt es starke Bestrebungen im Landkreis, auch die Kreisklinik zu privatisieren“, weil sie nicht „rentabel“ sei, „weil sie auf Zuschüsse der öffentlichen Hand angewiesen ist“. Aber: „Gesundheit ist und bleibt ein öffentliches Gut, das nicht in die Hände von privaten Finanzinvestoren gehört, die Gewinne erwirtschaften wollen“, so die beiden Grünen.

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Czajka und Schmidt führen den Hamburger Asklepios-Konzern als schlechtes Beispiel an: „Die privatisierte Tölzer Asklepios-Klinik hat die Geburtshilfe abgestoßen, weil sie keine Profite abgeworfen hat. Sie hat 2017 über Nacht die geriatrische Fachklinik in Lenggries geschlossen, mehr als 100 Beschäftigte waren betroffen.“ Nun solle in der Loisachstadt „die Daseinsvorsorge der Kostenoptimierung geopfert werden“. Die Grünen-Sprecher stellen sich die Frage, was sich der Auftraggeber, der Landkreis, von der Expertise der Unternehmensberatung Vicondo Healthcare GmbH versprochen hat? „Doch nur Argumente gegenüber der Öffentlichkeit, dass das Defizit der Kreisklinik keine andere Wahl lässt, als verschiedene Varianten der Privatisierung beziehungsweise des drastischen Abbaus der Gesundheitsversorgung im Nordlandkreis.“

Die Grünen fordern „alle politischen Kräfte im Landkreis dazu auf, die Tendenz zur Privatisierung der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung umzukehren.“ Die Gesundheit sei kein Gut, „mit dem Finanzinvestoren spielen dürfen“.

Bürgermeister lädt Stellvertreter zu Gespräch ein

Wie berichtet will der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Kreisklinik, Landrat Josef Niedermaier, die Vicondo-Studie und die Handlungsvorschläge der Berliner an diesem Mittwoch in einem Pressegespräch im Landratsamt in Bad Tölz erläutern. Er wolle diesem Termin nicht vorgreifen, so Bürgermeister Klaus Heilinglechner am Dienstag auf Nachfrage unserer Zeitung. Er kündigt aber ein zeitnahes Statement an. Für Mittwochabend hat Heilinglechner seine Stellvertreter Günther Eibl und Annette Heinloth sowie die Sprecher der Stadtratsfraktionen zu einer Beratung eingeladen. Der Wolfratshauser Rathauschef kennt das Gutachten im Detail. Ihm ist nur so viel zu entlocken: Die Kreisklinik „ist eine sehr wichtige Einrichtung“, die rund 400 Mitarbeiter „leisten eine hervorragende Arbeit“. (cce)

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