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So berichtete unsere Zeitung damals.

iele Bürger waren damals extrem verunsichert

Die Auswirkungen des Atomunglücks Tschernobyl im Landkreis

Bad Tölz-Wolfratshausen – Am 26. April 1986 ereignete sich in Tschernobyl ein schweres Reaktorunglück. Allerdings dauerte es sehr lange, bis es verlässliche Informationen gab. Viele Bürger waren damals extrem verunsichert.

Dass sich ein Unglück von dieser Dimension ereignet hatte, hielten die russischen Machthaber so lange wie möglich geheim. Daher erreichten Nachrichten über die Explosion im Kernkraftwerk in Tschernobyl (Ukraine) erst nach und nach den Westen. Unsere Zeitung berichtet erstmals am 2. Mai 1986 über die Folgen der Katastrophe. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Strahlungswolke den Landkreis erreicht. Ein Sprecher des Gesundheitsamts gab Entwarnung: „Die Messwerte liegen erheblich unter der kritischen Marke“, sagte er. Eine beruhigende Wirkung hatte diese Aussage jedoch nicht. Wenige Tage später, am 6. Mai, berichtete der Isar-Loisachbote, dass „täglich hunderte von besorgten Landkreisbürgern“ im Landratsamt anriefen, um genaueres über die radioaktive Strahlenbelastung in Boden und Luft zu erfahren. Das Problem: Detaillierte Informationen waren zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt.

Vor allem Landwirte litten unter den dürftigen Informationen. Der Eglinger Grünen-Kreisrat Michael Gecks nahm die Sache daher selbst in die Hand. Er kontrollierte die radioaktive Belastung an seinen Schafen. Er ließ die Tiere weiden und übergab ihre Milch dem Institut für Energie und Umwelt. Die Messungen ergaben eine Konzentration von 4840 Becquerel (bg) pro Liter Milch. Der Grenzwert für Kuhmilch wurde von der Strahlenschutzkommission jedoch auf 500 bg/Liter festgelegt.

Gecks, damals noch Grünen-Mitglied, fühlte sich und seine Mitstreiter anfangs nicht ernst genommen. „Die meisten dachten, die Strahlenbelastung wäre harmlos“, erzählt der Eglinger. Vor allem die bayerische Landesregierung habe immer wieder verlauten lassen, dass die Folgen des Reaktorunglücks in Bayern kaum spürbar würden: „Man hat sich über die Menschen lustig gemacht, die an eine Bedrohung geglaubt haben.“ Er selbst traute den Beschwichtigungen nicht. Als der Isar-Loisachbote von Gecks Messergebnissen berichtete, wurden auch andere aktiv. „Das hat dann Kreise gezogen“, erinnert sich der Diplom-Ingenieur.

In den Folgetagen mehrten sich die Warnungen vor den Schäden. Der Jagdkreisverband empfahl, keine Wildinnereien zu verzehren. Die Geretsrieder Grünen forderten den Ausstieg aus der Atomenergie. Und der Geretsrieder Strahlenschutzexperte Dr. Helmut Pratzel stieg zu einer Instanz in dieser schwierigen Frage auf. Er riet Eltern, ihre Kinder von Spielplätzen fernzuhalten, weil er befürchtete, dass Sandkästen durch den Strahlenregen kontaminiert würden. Gartenbesitzern riet Pratzel, gemähtes Gras nicht auf dem heimischen Kompost zu entsorgen. Die radioaktiven Stoffe, die in dem Gras enthalten sind, würden darüber nämlich wieder in den Boden gelangen.

Nicht jeder hörte auf ihn. Die Kleingärtner etwa, die in der Geretsrieder Jeschkenstraße ihre Beete pflegten, ließen sich von dem Reaktorunglück nicht aus der Ruhe bringen. Sie bewirtschafteten ihre Gemüsegärten fleißig weiter.

Gudrun Leeb ließ das Unglück in der Ukraine nicht kalt. Sie gründete den Verein OWOK (Ost-West-Ost-Kontakt), um den Kindern, die der Strahlenbelastung ungeschützt ausgeliefert waren, zu helfen. In den 25 Jahren, in denen der Verein bestand, ermöglichte Leeb über 2000 Kindern aus Weißrussland Erholungsurlaube in der Region. Die Heranwachsenden hatten unter verheerenden gesundheitlichen Spätfolgen der Katastrophe zu leiden. „Einige litten an Leukämie, Epilepsie oder einem geschwächten Immunsystem“, sagt Leeb.

Noch heute kann man die Folgen der Reaktorkatastrophe im Landkreis belegen. Aleksander Szumilas, Pressesprecher des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, erklärt auf Nachfrage unserer Zeitung: „Vor allem in Wildschweinefleisch und in Wildpilzen stellen wir noch heute eine radioaktive Belastung fest.“ Gesundheitliche Bedenken müsse man beim Verzehr von Wild jedoch nicht haben. „Wildbret gehört wegen der niedrigen Verzehrsmenge zu den Lebensmitteln mit geringer Bedeutung“, sagt Szumilas. „Auch beim einmaligen Verzehr einer extrem hoch belasteten Probe fällt die Strahlenbelastung für einen Verbraucher im Verhältnis zur jährlichen Strahlenbelastung gering aus.“

von Dominik Stallein

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