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Pusteblumen kann nicht jedes Mädchen genießen. Viele Kinder leiden unter einer Pollenallergie.

Von der Neurodermitis zum Asthma

Allergien zählen zu den häufigsten Erkrankungen von Kindern 

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Ein juckender Ausschlag bei Babys oder gerötete Augen bei Kindern sind oft erste Anzeichen: Allergien zählen zu den häufigsten Erkrankungen von Mädchen und Buben.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Schnupfennasen sind im Wartezimmer einer Kinderarztpraxis das ganze Jahr über keine Seltenheit. Im Frühjahr kommen aber immer mehr Kinder dazu, die nicht nur an Niesattacken und Schnupfen leiden, sondern auch an geröteten, tränenden Augen. Für Dr. Kathrin Steins ist das ein deutlicher Hinweis, dass eine Pollenallergie hinter den Beschwerden stecken könnte. „Das fängt schon bei Zwei- oder Dreijährigen an“, weiß die Kinderallergologin und -pneumologin vom Zentrum für Kinder und Jugendmedizin Oberland in Geretsried und Wolfratshausen.

Aktuelle Ergebnisse der bundesweiten Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) belegen: Bei etwa zehn Prozent der bis 17-Jährigen wurde Heuschnupfen diagnostiziert. Jungen sind etwas häufiger betroffen als Mädchen. Vier Prozent waren schon einmal an Asthma erkrankt, das sich oft aus einer allergischen Erkrankung der Atemwege entwickelt.

„Bei Säuglingen äußert sich eine Allergie dagegen meistens über die Haut“, erklärt Steins. Ihre jüngsten Patienten mit Neurodermitis sind erst vier Wochen alt. In der Regel ist ein Nahrungsmittel an dem juckenden Hautausschlag schuld – beispielsweise Kuhmilch. Denn anders als mit Allergieauslösern aus der Luft kommt das Baby mit Nahrungsmittelbestandteilen bereits vor der Geburt durch das mütterliche Blut in Kontakt. Später nimmt es sie über das Stillen oder sogar durch Hautkontakt mit der Mutter auf. Dadurch kommt es zur sogenannten Sensibilisierung: Das Immunsystem des Kindes ordnet eine Substanz fälschlicherweise als feindlichen Angreifer ein und rüstet sich zum Angriff. Beim nächsten Kontakt entwickelt es dann heftige Abwehrreaktionen – zum Beispiel in Form von Neurodermitis oder später als Heuschnupfen oder Asthma, erläutert die Allergiespezialistin.

Um dem Auslöser einer Allergie auf die Spur zu kommen, verwendet sie überwiegend Pricktests. Dabei werden die potenziellen Übeltäter durch einen kleinen Kratzer in die Haut gebracht. Bilden sich juckende Quaddeln, spricht das für eine allergische Reaktion. Kennt man den Verursacher, kann man ihn meiden oder die Beschwerden durch Tabletten, Nasensprays, Augentropfen oder Salben lindern.

Empfehlung: Hyposensibilisierung

Für Kinder ab etwa fünf Jahren empfiehlt Steins eine Hyposensibilisierung. Das Ziel: Durch die kontrollierte Zufuhr des Allergens in langsam steigenden Mengen soll das Immunsystem lernen, dass die vermeintlich schädliche Substanz in Wirklichkeit keine Gefahr für den Körper bedeutet. Das geschieht mithilfe von monatlichen Spritzen oder täglich einzunehmenden Tabletten oder Tropfen. „Nach drei Jahren ist ein Großteil der Kinder beschwerdefrei“, so die Erfahrung der Kinderärztin. Außerdem sinkt die Gefahr, dass zu den bekannten Allergieauslösern im Laufe der Zeit noch andere hinzukommen.

Auch die Wahrscheinlichkeit eines sogenannten „Etagenwechsels“ ist nach einer Hyposensibilisierung deutlich geringer, betont Steins: Es entwickelt sich also bei weniger Kindern aus dem Heuschnupfen ein Asthma. Diese Überempfindlichkeit der Bronchien, die mit Husten, Luftnot und Pfeifgeräuschen beim Atmen einhergeht, ist deutlich belastender fürs Kind und schwieriger zu therapieren als ein „gewöhnlicher“ Heuschnupfen.

Für besonders schwere Fälle von Asthma oder Neurodermitis bietet die Fachklinik Gaißach Reha-Maßnahmen an. Neben der Allergiediagnostik sowie der Untersuchung der Leistungsfähigkeit und der Lungenfunktion setzt man hier auf ein multidisziplinäres Therapiekonzept mit Asthmaschulung und Sportprogrammen. „Eine stationäre Behandlung ist aber nur in Ausnahmefällen nötig“, sagt Professor Carl-Peter Bauer, Medizinischer Direktor des Zentrums für chronische Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen. Wichtig ist aus seiner Sicht, dass die vorbeugenden Asthmamedikamente in der Heuschnupfensaison konsequent angewendet werden. Kinder ab etwa acht Jahren lernen auch schon, die Dosis anhand der Vorhersagen des Pollenwarndiensts unter Aufsicht der Eltern anzupassen.

Bei Therapie kann Allergie verschwinden

Denn Fachärzte sind sich einig: Je besser Allergien bei Kindern therapiert werden, desto größer sind die Chancen, dass sie sich mit dem Erwachsenwerden bessern oder ganz verschwinden. Das gilt ganz besonders für die Neurodermitis von Säuglingen. Oft „vergisst“ der Körper die zugrunde liegende Nahrungsmittelallergie bis zum Kindergartenalter wieder, erklärt Steins. In anderen Fällen geht der „Marsch des Allergikers“, wie die Experten es nennen, allerdings weiter – vom juckenden Ekzem über den Heuschnupfen zum Asthma.

cw

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