Eindringlicher Appell: Kai Zorn hat Stunden vor der Flut im Internet eindringlich vor dem aufziehenden Unwetter gewarnt – im Gegensatz zu den meisten Meteorologen.
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Eindringlicher Appell: Kai Zorn hat Stunden vor der Flut im Internet eindringlich vor dem aufziehenden Unwetter gewarnt – im Gegensatz zu den meisten Meteorologen.

Meteorologe Kai Zorn betreibt einen erfolgreichen YouTube-Kanal

Bad Tölz-Wolfratshausen: Der Mann, der vor der Flut warnte

  • Volker Ufertinger
    VonVolker Ufertinger
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Kai Zorn hat es kommen sehen. Anders als die meisten Meteorologen hat der Tölzer die Menschen Stunden vor der großen Flut im Westen Deutschlands eindringlich gewarnt, sich in Sicherheit zu bringen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Auf seinem YouTube-Kanal sagte der 47-Jährige wörtlich: „Es wird kein herkömmliches Hochwasser werden. Die Sturzflut kommt in Minuten, da hast du gar keine Chance. Es ist lokal lebensgefährlich. Rette sich, wer kann.“ Er behielt Recht – leider.

Meteorologe warnte eindringlich vor Sturzflut - 70.000 Abonnenten auf YouTube

Zorn will daraus keine große Sache machen. Den Rat eines Freunds, die Sendung der Bild-Zeitung zu schicken und groß rauszukommen, hat er abgelehnt. Er will sich einfach nur mit dem Wetter beschäftigen und sein Wissen mit seinen 70 000 Abonnenten teilen. „Ich bin damit wahnsinnig glücklich“, sagt er. Seit Juni vergangenen Jahres geht er auf seinem YouTube-Kanal auf Sendung, manchmal auch zwei Mal am Tag. Im ersten Stock seines Hauses hat er eine Kamera aufgestellt und den Raum mit Wintermänteln ausgelegt, damit es nicht hallt.

Die Sturzflut kommt in Minuten, da hast du gar keine Chance.

Meteorologe Kai Zorn

Stellt sich die Frage, wie Zorn es geschafft hat, die Katastrophe punktgenau vorherzusagen. Das Zauberwort heißt: Synoptik. Der Ellbacher liest nicht, wie die meisten Meteorologen, einfach ein Modell ab. Er vergleicht die verschiedenen Modelle und wendet sie auf die lokalen Gegebenheiten an.

Kai Zorn mit Wetter-Videos auf YouTube: Sein Erfolg hat zwei Gründe

Schon als Kind las er Fachbücher über Meteorologie, bis er schließlich in einer privaten Wetterfirma ausgebildet wurde, die Antenne Bayern belieferte. „Mein Mentor Christian König hat mich geradezu gedrillt“, sagt er. Er musste lernen, die Temperatur auf ein halbes Grad und die Schneefallgrenze auf zehn Meter genau vorherzusagen. „Dafür bin ich heute wahnsinnig dankbar.“

Video: Soforthilfen im Berchtesgadener Land

Sein Erfolg hat für ihn zwei Gründe. Zum einen nimmt er sich richtig Zeit, seine Clips dauern teilweise zehn Minuten. „Als ich angefangen habe, ausführlicher zu erklären, habe ich gemerkt, wie die Zugriffszahlen nach oben gehen“, erzählt er. Offenbar wollen die Menschen wirklich gründlich informiert werden. Und: Er verzichtet auf den ständigen Alarmismus der öffentlich-rechtlichen Sender in Sachen Klimawandel. Im Gegenteil. Zorn erklärt beharrlich, dass Extreme immer schon zum Wetter gehört haben.

Extreme Wetterlagen auch im Mittelalter

Ob es den Klimawandel gibt, darüber will er sich nicht äußern. Es ist in der Branche und in der ganzen Gesellschaft ein extrem heikles Thema. „Ich bin kein Klimatologe“, sagt er nur. Er verweist aber darauf, dass es in der Vergangenheit auch über längere Zeit hinweg weit extremere Wetterlagen gegeben hat als derzeit.

Etwa 1342 das berüchtigte Magdalenenhochwasser, die schlimmste Überschwemmung des zweiten Jahrtausends in Mitteleuropa, als auch die großen Flüsse über die Ufer traten und alle Brücken wegrissen. Oder der extreme Dürre- und Hitzesommer 1540, als es im Mittel sieben Grad heißer und in ganz Europa die Wälder lichterloh brannten. Zum Vergleich: Der Sommer 2003 war 3,4 Grad wärmer.

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Man sieht schon: Zorns Ansatz ist eher historischer Art. „Aus den Chroniken der vergangenen 1000 Jahre ergeben sich die Rahmenbedingungen zwischen Dürre und Flut, zwischen Kälte und Hitze.“ Verglichen mit Katastrophen der Vergangenheit leben die Menschen nach seiner Ansicht „noch im Schlaraffenland“. Sorgen macht ihm eher die zerstörte Natur, sprich die versiegelten Flächen und die bereinigte Flur. „Hochwasser wie das vor zwei Wochen im Westen Deutschlands legen die menschlichen Fehler gnadenlos offen.“

Wetter-Experte rät: Mehr im Einklang mit der Natur leben

Die Lösung für die Zukunft lautet für den Ellbacher: Die Menschen sollten grundsätzlich wieder mehr im Einklang mit der Natur leben. Was seine Branche angeht, würde er sich wünschen, dass sie sich stärker an den gut dokumentierten Eckdaten der Extrem-Ereignisse orientiert. Dazu sei eine Gemeinschaft aus Experten – vor allem Heimatpflegern und ortskundigen Chronisten – nötig. Schmunzelnd fügt er hinzu: „Ich glaube nicht, dass wir es noch erleben, dass der Kalvarienberg in Tölz, wie vor rund 800 Jahren, wieder Weinanbaugebiet wird.“

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