+
Tatwerkzeug Bolzenschneider: In Deutschland bewe gt sich die Zahl der gestohlenen Fahrräder auf konstant hohem Niveau: Zwischen 300 000 und 350 000 Bikes verschwinden jedes Jahr.

Fallzahlen unverändert hoch

Diebe lieben Fahrräder

  • schließen

Faszinierende Technik, umweltfreundliche Fortbewegung - kein Zweifel, der Fahrradmarkt boomt nicht zuletzt durch die E-Bikes. Das lockt auch allerhand schräge Vögel an.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Inspektionsleiter Franz Schöttl hat aktuelle Zahlen parat: Zwischen dem 1. Januar und dem 31. Mai dieses Jahres wechselten im Zuständigkeitsbereich der Geretsrieder Polizei 26 Fahrräder auf kriminelle Weise den Besitzer. Im gleichen Zeitraum des Vorjahrs hatten die Beamten 27 Radldiebstähle zu bearbeiten, zwischen Jahresanfang und Juni 2016 waren es nur zehn. Aufschluss auf eine Konjunktur des Radlklaus in der größten Stadt des Landkreises geben die Zahlen nicht: Ende 2017 waren es mit 75 Fällen zehn mehr als im Jahr darauf.

Auf die Frage, welche Täter aus welchen Motiven heraus einen fremden Drahtesel mitgehen lassen, gibt die Statistik keine Auskunft. Aus der Erfahrung heraus weiß Schöttl, dass die Beweggründe mannigfaltig sind: Der Gelegenheitsdieb „schnappt sich vor dem Wirtshaus ein Radl, um nach Hause zu fahren, und lässt es dann irgendwo stehen“. Dann gebe es die, „die ein Fahrrad direkt aus dem Keller klauen“. Mit organisierten Banden, die sich auf den Seriendiebstahl hochwertiger Bikes spezialisiert haben, haben die Geretsrieder Beamten bislang wenig zu tun gehabt.

Sepp Willibald schon. Vor einigen Jahren räumten Profis seinen Bikeladen „Do schau her“ in Wackersberg halb leer, während er selbst ein paar Meter entfernt mit Gästen seinen Geburtstag feierte. „Wir, aber auch die Nachbarn, haben nichts mitbekommen.“ Die Täter – wohl aus dem osteuropäischen Raum – wussten genau, was sie wollten: Sie klauten die hochwertigsten Bikes auch aus dem Schaufenster und ersetzten sie durch weniger teure aus dem Laden, damit der Einbruch nicht sofort auffällt. Einen Teil der Beute fand ein Bub Tage später versteckt in einem Wald. Auch das sei gängige Praxis, sagt Willibald. Denn: Wer mit nagelneuen Rädern im Auto ohne Rechnung durch die Gegend fährt, fällt auf. Nach ein paar Tagen im Wald aber lassen Flugrost und Schmutz nicht mehr vermuten, dass die Räder neu sind. Der Abtransport ist nun gefahrloser.

Was der Geretsrieder Polizei die Arbeit erleichtert: Sie muss keinen Bahnhof betreuen. Große Fahrradparkplätze wie in Wolfratshausen und Bad Tölz locken böse Buben an wie saftiger Zwetschgendatschi die Wespen. Auch wegen des S-Bahnhofs in der Stadt kümmert sich ein Beamter der Wolfratshauser Inspektion traditionell intensiver ums Thema Radlklau. Aktuell ist das Polizeihauptkommissar Helmut Heidl.

Bundesweit bewegt sich die Zahl gestohlener Räder auf konstant hohem Niveau: 300 000 bis 350 000 Bikes verschwinden jedes Jahr – und tauchen meist nie mehr auf. Diese Information ist einer Broschüre der Polizeilichen Kriminalprävention zu entnehmen. Insbesondere auf hochwertige, teure E-Bikes haben es Langfinger abgesehen. Interessant: Lokale Untersuchungen zeigen laut Polizei, „dass etwa jedes sechste gestohlene Fahrrad ungesichert abgestellt war, und dass der Diebstahl aus umschlossenen Räumen wie Garagen, Kellern und Verkaufsräumen nur einen sehr geringen Anteil darstellt“. Eine fehlende oder schlechte Sicherung begünstigen die Taten.

Bisweilen dürfen sich Radlbesitzer also nicht wundern, wenn ihr Carbon-Renner oder E-Bike weg ist. Popelige Schlösser für ein paar Euro fünfzig in der Stärke eines Kleinkind-Fingers fordern potenzielle Diebe geradezu heraus, statt sie abzuschrecken.

Auch interessant: Fahrradwerkstatt wieder geöffnet

Sepp Willibald bietet in seinem Geschäft natürlich auch Schlösser an. Er rät immer zu stabilen Falt- oder Bügelschlössern. Nun sind seine Kunden jedoch überwiegend in den Bergen unterwegs und scheuen oft das Gewicht solcher Sicherungen. Das kann bei knapp zwei Kilo liegen. Sie greifen daher lieber zu einem guten Kabelschloss. „Das ist immer noch besser als gar kein Schloss“, sagt Willibald, „es verhindert den Diebstahl im Vorbeigehen.“ Er selbst hat übrigens seine eigene Methode, um Dieben das Leben schwer zu machen – zumindest, wenn er mit dem Mountainbike unterwegs ist: Er baut das Vorderrad und wenn möglich auch den Sattel aus und versteckt alles an verschiedenen Orten. „Ich glaube kaum, dass ein Dieb nur auf dem Hinterradl und ohne zu sitzen den Berg runterfährt.“

peb

Lesen Sie auch: Erste Ladestation für E-Bikes eingeweiht

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Wolfratshausen: Galgenhumor im Schatten der Kaufhaus-Ruine
Mutmaßlich müssen die Wolfratshauser monatelang mit einer Ruine mitten in der Innenstadt leben. Ein Anblick und eine Aussicht, die viele schmerzt.
Wolfratshausen: Galgenhumor im Schatten der Kaufhaus-Ruine
Neubau im Zentrum: Trotz Klage hält Baugenossenschaft an Plänen fest
Trotz eingereichter Klage hält die Baugenossenschaft Geretsried an ihren Neubauplänen fest. Im November will sie mit dem Abriss des Altbestands beginnen.
Neubau im Zentrum: Trotz Klage hält Baugenossenschaft an Plänen fest
Geplantes Seniorenwohnstift in Ambach: Ostuferschützer greifen Gemeinde an
Der Streit um die Neubebauung das ehemaligen Wiedemann-Geländes am Ufer des Starnberger See geht weiter. Die Gegner befürchten ein „Luxuswohngebiet“. 
Geplantes Seniorenwohnstift in Ambach: Ostuferschützer greifen Gemeinde an
Lebensgefahr auf der Isar: Baum noch immer nicht geborgen - Fahrverbot bleibt bestehen
Der quer liegende Baumstamm in der Isar, der bereits mehrere Boote auf der Isar zum Kentern brachte, konnte noch immer nicht geborgen werden. Das Fahrverbot bleibt …
Lebensgefahr auf der Isar: Baum noch immer nicht geborgen - Fahrverbot bleibt bestehen

Kommentare