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Weiße Fahnen wehten am Donnerstag auch am Wolfratshauser Rathaus. 

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren...

Gedenken an den Todesmarsch: Wehende Mahnungen im ganzen Landkreis

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Einige Bürger hatten dazu aufgerufen, an den Tag der Befreiung mit weißen Fahnen zu erinnern. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. 

Bad Tölz-Wolfratshausen – Zunächst musste man ein wenig Ausschau halten nach den weißen Fahnen. Aber dann entdeckte man doch zahlreiche. Überall im Nordlandkreis verteilt hängten geschichtsbewusste Bürger am Donnerstag die Symbole aus den Fenstern ihrer Häuser oder drapierten sie auf den Balkonen.

Zur Erinnerung an das Kriegsende: weiße Fahnen wehen an Fenstern und Häusern

Dr. Sybille Krafft, Vorsitzende des Historischen Vereins Wolfratshausen und des Vereins Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald, sowie Assunta Tammelleo, Vorsitzende des Kulturvereins Isar-Loisach (KIL), hatten dazu aufgerufen, mit den Fahnen, Laken oder Tüchern an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren zu erinnern, wir berichteten

Dr. Sybille Krafft in ihrem Wohnhaus im Ickinger Ortsteil Holzen.

 

Das wichtige Datum des Tags der Befreiung solle auch in der Corona-Krise nicht vergessen werden, so die Historikerin Krafft. An ihrem Haus in Holzen (Gemeinde Icking) wehten gleich drei an Besenstielen befestigte weiße Tücher aus verschiedenen Fenstern. 

Corona-Krise: Tag der Befreiung soll nicht vergessen werden 

Fast alle Nachbarn in der Allee schlossen sich der Aktion an. In dem Weiler verlief der Einmarsch der Alliierten am 30. April 1945, wie in Wolfratshausen, ohne Blutvergießen. Das beweist ein Zeitungsausschnitt, den Krafft auf einem Tischchen in ihrem Vorgarten ausgelegt hat. 

Sechs schwere amerikanische Panzer, dahinter eine Kolonne Lkw mit über dem Führerhaus aufgepflanzten Maschinengewehren sowie einige Jeeps und Mannschaftsfahrzeuge rollten laut dem Ickinger Zeitzeugen Otmar Teusner, der damals als Zehnjähriger mit seiner Mutter im Flüchtlingslager von Holzen lebte, über den Kiesweg.

Einmarsch der Alliierten am 30. April 1945

Die Fahrzeuge standen dann aufgereiht vor der Schule. Das große Aufgebot rührte womöglich daher, dass sich in Gut Holzen noch eine deutsche Einheit befand, die sich beim Auftauchen der Amerikaner aber rechtzeitig absetzen konnte. Von ihren Waffen mussten die GIs keinen Gebrauch machen.

Dass der Nordlandkreis und insbesondere Wolfratshausen vor weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen verschont blieben, ist dem mutigen Handeln von Major Karl Luber zu verdanken. Der Stadtkommandant des Bataillons der Landesschützen von Wolfratshausen war den herannahenden amerikanischen Panzern mutig entgegengetreten und hatte ihnen erklärt: „Hier wird nicht gekämpft. Ich übergebe Ihnen hiermit den Markt Wolfratshausen.“

Nordlandkreis von weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen verschont

Zuvor hatte der Major die Mesnerswitwe Karolina Engelhardt und den Mesner Ignaz Leeb vor dem Tod bewahrt. Die beiden hatten am Turm der katholischen Sankt-Andreas-Kirche eine weiße Fahne als Zeichen der Kapitulation gehisst – eine lebensgefährliche Aktion, denn fanatische „SS“-Mitglieder, die zu diesem Zeitpunkt immer noch an den Endsieg glaubten, wollten die beiden noch am selben Tag hinrichten. Luber brachte das Fahnenschwenkerpaar in der Knabenschule, dem späteren Isar-Kaufhaus, zu deren Sicherheit in Schutzhaft unter.

Auch am Geretsrieder Rathaus wehte eine weiße Fahne. 

Stadtpfarrer bringt weißes Banner am Pfarrzentrum an

In Erinnerung an dieses Ereignis brachte Stadtpfarrer Gerhard Beham am Donnerstagmorgen ein weißes Banner, zwar nicht am Turm, aber am Pfarrzentrum von St. Andreas, an. Sein evangelischer Kollege von der Kirche Sankt Michael, Florian Gruber, ließ eine eigens vom Kulturverein Isar-Loisach genähte Fahne aus dem Kirchturmfenster flattern. „Ich finde dieses Friedenszeichen in Zeiten, in denen man wegen der Corona-Pandemie keine andere Form der Würdigung finden kann, eine sehr gute Idee“, sagt Gruber.

Weiße Stoffbahnen und eine „Peace“-Fahne

Pfarrerin Elke Eilert von St. Michael folgte dem Beispiel an ihrem Privathaus in Waldram. Der evangelische Pfarrer Georg Bücheler aus Geretsried bestückte die Petrus- und die Versöhnungskirche mit weißen Stoffbahnen, ebenfalls vom KIL genäht. Eine regenbogenfarbene „Peace“-Fahne befestigte Mechthild Felsch in Münsing an der Schwabbrucker Straße neben einer weißen Fahne an ihrem Balkongeländer. 

Der Waldramer Kirchturm mit weißer Fahne.

„Die hat mich schon auf vielen Demos begleitet, zuletzt gegen die AfD in Geretsried“, erzählt Felsch. Sie selbst habe das Kriegsende nicht miterlebt, aber ihr verstorbener Ehemann Bernhard sei im zerbombten Hamburg aufgewachsen. 

Fahnen als „gute Alternative zu Veranstaltungen“

Mechthild Felsch ist Mitglied im Badehaus-Verein und auch sonst ehrenamtlich und politisch sehr aktiv. „Mir ist es wichtig, an die Befreiung vom April 1945 zu erinnern. Die Fahnen sind da eine gute Alternative zu Veranstaltungen“, sagt sie.

Bis Sonntag will der Geretsrieder Martin Bruckner seine Fahne am Isardamm hängen lassen. „Geretsried war zwar nicht direkt vom Einmarsch der Amerikaner betroffen. Aber mich beeindruckt der Mut des Majors Luber in Wolfratshausen“, sagt Bruckner. Aus einem Fenster des Geretsrieder Rathauses wehte deshalb ebenso wie aus dem Wolfratshauser Rathaus eine weiße Flagge.

Tammelleo mit Gedenkaktion zufrieden

Tammelleo zeigte sich am Donnerstagabend zufrieden mit dem Ergebnis der kontrovers diskutierten Gedenkaktion. Der Verein habe von überall her – aus Egling, Dietramszell, Icking und Königsdorf – Fotos von Teilnehmern bekommen. Sie seien auf der Homepage des KIL veröffentlicht. Manche hätten ihre persönlichen Geschichten dazu geschrieben. So habe eine Frau aus Farchet einen Kissenbezug rausgehängt. Darin sei sie als Baby auf der Flucht eingewickelt gewesen.

Thankirchen stand vor 75 Jahren hingegen in Flammen – weil SS-Truppen in einem aussichtslosen Gefecht das Vorrücken der US-Amerikaner aufhalten wollten.

tal

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