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„Die Leute gewöhnen sich dran“: Wirte ziehen verhalten positive Bilanz

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Von: Peter Borchers

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„Die Leute gewöhnen sich dran“: Wirte ziehen verhalten positive Bilanz
Betrieb mit familiärer Atmosphäre: (v. li.) Annalena, Josef, Felicitas, Franziska, Inge, Josef, Josef und Manuela Meyr vom Aufhofener Jägerwirt trotzen mit Optimismus der Corona-Krise. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Gut drei Wochen sind seit der Wiedereröffnung der Gastronomie inzwischen vergangen. Die erste Bilanz der hiesigen Wirte: verhalten positiv.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Vor gut drei Wochen durften die Wirte ihre Lokale wieder öffnen und Gäste empfangen – wenngleich unter Einhaltung strenger Hygieneregeln. So richtig in Fahrt kommen will die Gastronomie unter dem Masken- und Abstandszwang jedoch nicht. Andreas Binder, Chef des Tölzer Binderbräu, hat seinen Betrieb sogar wieder geschlossen. Es habe sich nicht rentiert, sagte er kürzlich gegenüber unserer Zeitung, außerdem lasse sich für ihn die „bayerische Wirtshausmentalität“ mit den vielen Vorschriften nicht transportieren.

Gastronomie: „Ein Drittel weniger Einnahmen“

So düster sieht Manuela Meyr, Chefin des Aufhofener Jägerwirts, die Lage nicht, obwohl „bei Weitem“ nicht so viele Gäste kämen wie vorher. Sie spricht von einem „Drittel weniger Einnahmen, obwohl wir nach der langen Durststrecke eigentlich ein Drittel mehr bräuchten“. Zwei große Vorteile spielen den Meyrs in der Corona-Krise allerdings in die Karten: Ihnen gehört der Gasthof, sie müssen also keine Pacht zahlen. Und sie haben jede Menge Platz. Die geforderten Abstände lassen sich in der Traditionswirtschaft mit ihrem riesigen Saal und den vielen Stuben spielend einhalten. Meyrs Eindruck ist dennoch: „Viele Menschen sind wohl noch vorsichtig“, würden den Weg in ein Restaurant scheuen. Die geänderten Bedingungen, unter denen ihr Team nun arbeitet, fasst sie charmant zusammen: „Jetzt müssen wir zwar weiter laufen, dafür aber nicht mehr so schnell.“

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Karin Schmid, Landhotel Klostermaier in Icking.

Meyrs Enthusiasmus, nach dem Ende des Lockdowns endlich wieder Wirtin sein zu dürfen, ist trotzdem durchs Telefon zu hören. „Wir können den Betrieb gut aufrecht erhalten. Es ist zwar für uns zurzeit nichts verdient, aber zumindest unsere 19 Festangestellte konnten komplett aus der Kurzarbeit zurückkehren.“ In den zweieinhalb Monaten zuvor war es Manuela Meyr vor allem deshalb „schlecht gegangen, weil ich nicht wusste, wie es mit meinen Leuten weitergeht“. In einem Unternehmen wie dem Jägerwirt, in dem das Personal quasi zur Familie gehört, ist es für die Gastronomin „das Wichtigste, dass meine Leute ihre Miete zahlen können und wieder Geld zum Leben haben“.

Angestellte können aus Kurzarbeit zurückkehren

Auffällig: Sowohl im Jägerwirt als auch im Ascholdinger Holzwirt und im Ickinger Landhotel Klostermaier brummt der Laden, sobald Sonne und Temperaturen eine Außengastronomie zulassen. „Wie’s Wetter ist, so ist’s Geschäft“, sagt Karin Schmid, Seniorchefin des sich ebenfalls im Familienbesitz befindenden Klostermaier, generell „möchte ich mich aber nicht beklagen“. Draußen zu sitzen, das würden sich die Leute eher trauen. Doch registriert Schmid ein leichtes Umdenken: Tags zuvor nämlich regnete es abscheulich, „und da war drinnen Betrieb wie früher“ – selbstverständlich mit gebührendem Abstand. Mittlerweile hat die Chefin einen Teil ihrer Angestellten aus der Kurzarbeit ins Haus zurückgeholt. „Ich glaube, die Gäste gewöhnen sich an die neuen Bedingungen, und es wird immer besser.“

Josef Lautenbacher ist skeptischer. Der Holzwirt vermisst „den Dampf, der früher da war“, und befürchtet, „dass es auch nicht mehr so wird, wie es mal war. Das ist mein Gefühl.“ Familienfeiern, große Hochzeiten – alles falle flach. „Der Betrieb ist auf Volldampf ausgelegt“, dürfe jedoch nur auf Sparflamme laufen. In Spitzenzeiten beschäftigte Lautenbacher inklusive Aushilfen „um die 50 Leut’“. Aktuell arbeitet er mit 12 oder 14. Immerhin hat der Holzwirt seine Festangestellten aus der Kurzarbeit zurückgeholt.

Der Ascholdinger würde sich für die Gastronomie weitere Lockerungen wünschen. Mit Mundschutz in einem Lokal zu sitzen, „das ist doch nicht das Boarische, das wir gewohnt sind“. In einem Baumarkt, „in dem man sich genauso anstecken kann, werden keine Personalien aufgenommen, wir aber müssen das.“ Bisweilen hat Lauterbach „den Eindruck, dass immer auf die Gastronomie eine Treibjagd gemacht wird“.

Wirt befürchtet, „dass es nicht mehr so wird, wie es mal war“

Giuseppe „Pino“ Tedesco hat wegen der Abstandsregel die Zahl der Plätze in seinem Ristorante Pinocchio am Münsinger Sportplatz von 240 auf 160 reduziert, „und die sind fast jeden Tag besetzt“. Bisweilen muss er – falls es regnet und draußen keine Bewirtung möglich ist – sogar Leute heimschicken. Tedesco hat das Lokal von der Gemeinde Münsing gepachtet und während der Lockdowns von ihr keine Hilfe bekommen. „Keiner hat mich gefragt, also habe ich Miete gezahlt.“

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Josef Lautenbacher, Gasthaus Holzwirt in Ascholding.

Dabei hatte es den Italiener doppelt hart getroffen. Seine Schwester erkrankte am Coronavirus, lag auf der Intensivstation. Nach Auskunft des Gesundheitsamts hätte er selbst arbeiten dürfen, entschied sich aber zu einer vierwöchigen Komplettschließung – und damit gegen Pizza und Pasta to go –, „bevor Gäste bei mir krank werden“. Tedesco schickte seine Mitarbeiter in Kurzarbeit, bezahlte sie aber weiterhin, „denn gute Leute zu bekommen, ist sehr schwer“.

Der Vollblutwirt ist dankbar, dass nun wieder offen ist. „Es ist schön zu Hause mit Frau und Kindern, aber irgendwann reicht es wieder“, sagt er und lacht. Damit Tedesco aus der Krise finanziell mit einem blauen Auge davon kommt, hat er mit seiner Bank vereinbart, die Kreditraten etwas zu senken. „Ansonsten vermeide ich es momentan, zu oft auf meinen Kontostand zu schauen.“

Traurig, aber wahr: Wegen Corona müssen heuer alle Abschlussfeiern abgesagt werden. Auch an Abistreich und Abschlussfahrt ist nicht zu denken.

peb

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