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Die Magie der fünf Ringe: Wie Olympia 1972 Bad Tölz-Wolfratshausen bewegte

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Von: Volker Ufertinger

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Ein Landkreis in Vorfreude: Die Olympische Fackel ging im Oberland von Hand zu Hand – für viele eine unvergessliche Erinnerung. Unser Foto zeigt (v.li.) Erich Rühmer, Alois Auer und Wolf-Peter Schulte vom TSV Schäftlarn.
Ein Landkreis in Vorfreude: Die Olympische Fackel ging im Oberland von Hand zu Hand – für viele eine unvergessliche Erinnerung. Unser Foto zeigt (v.li.) Erich Rühmer, Alois Auer und Wolf-Peter Schulte vom TSV Schäftlarn. © Privat

Die Olympischen Spiele 1972 beschäftigten nicht nur die München. Auch für Bad Tölz-Wolfratshausen waren sie ein Mega-Ereignis. Eine neue Serie erinnert daran.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Anfang Februar 1972 richtete der Frauenbund Wolfratshausen im Pfarrheim seinen Faschingsabend aus. Höhepunkt: Der Einzug der Nationen mit Fahnen, Waldi und Zeltdach-Modell, den Symbolen der bevorstehenden Olympischen Spielen in München. „Ein grandioses Schauspiel“, schrieb damals unsere Zeitung. Man sieht schon: Die Spiele beschäftigten die Menschen, auch in Wolfratshausen.

In Deutschland liegt in dieser Zeit Aufbruch in der Luft – und vielleicht sogar ein bisschen Revolution. Die 1968er Bewegung wirkt nach, und zwar vor allem in der Umwelt-, Friedens- und Frauenbewegung. In Angst und Schrecken versetzt die Republik der RAF-Terrorismus, niemand weiß, was noch alles kommt. Bundeskanzler Willy Brandt hat seit dem Misstrauensvotum vom April keine Mehrheit mehr im Parlament. Es finden nur deswegen keine Neuwahlen statt, weil man während der Spiele Ruhe haben will.

Bad Tölz-Wolfratshausen: Olympia 1972 war Mega-Ereignis im Landkreis

Mit dem sportlichen Großereignis will Deutschland die Nazi-Spiele von 1936 vergessen machen. Im Ausland erinnert man sich nur zu gut daran, welch pompöses Theater Hitler in Berlin hatte aufführen lassen, wie er Friedfertigkeit vorgaukelte, obwohl er damals schon längst den Krieg plante. Deutschland soll und will sich als geläuterte und gereifte Demokratie präsentieren. Von Willy Brandt stammt der berühmte Satz: „Widerlegen wir die These, dass es den freundliche Deutschen nur in Ausnahmefällen gibt.“

Lesestoff: Mit einer Sonderbeilage stimmte unsere Zeitung die Leser auf die Spiele ein.
Lesestoff: Mit einer Sonderbeilage stimmte unsere Zeitung die Leser auf die Spiele ein.  © Sabine Hermsdorf-Hiss

Auch im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen brechen neue Zeiten an. Thema Nummer eins ist die Gebietsreform. Der heutige Landkreis bildet sich überhaupt erst aus den Altlandkreisen Bad Tölz und Wolfratshausen, und welche Gemeinde sich mit welcher anderen Gemeinde zusammentut, wird hitzig diskutiert. Doch Olympia ist ebenfalls allgegenwärtig. Die geplanten „heiteren Spiele“ helfen nämlich, Infrastruktur-Projekte wie die A95, die zunächst bis nach Penzberg reicht, sowie die S-Bahn nach Wolfratshausen zu realisieren. Die langen Genehmigungszeiten von heute sind unbekannt, es wird einfach gemacht.

Fackellauf zu Olympia 72 führte quer durch den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen

Der Landkreis freut sich auf die Spiele. Auch wegen des Fackellaufs, der quer hindurchführt. Am 25. August um 6.50 Uhr wird die Fackel übernommen, um 17.15 Uhr wird sie in Baierbrunn übergeben. Die Stationen: Kochel – Bichl – Bad Tölz – Waakirchen – Rottach – Gmund – Warngau – Holzkirchen – Ascholding – Geretsried – Wolfratshausen – Schäftlarn – Baierbrunn. Dutzende von Vereinen, hunderte von Läufern sind beteiligt, für jeden Einzelnen eine unvergessliche Erinnerung. Jeder darf sein Trikot mit Olympia-Emblem und seine Fackel behalten. Etwas Besonderes ereignet sich, als die Fackelläufer durch Geretsried kommen. Denn dort, bei Tyczka, wurde das olympische Feuer maßgeblich mitentwickelt. „Die Fackel erreicht ihren Geburtsort“, titelte unserer Zeitung damals.

Auch als Austragungsort dient der Landkreis. Das Mannschaftszeitfahren der Männer findet am 29. August statt, und zwar auf der neuen A95, mit Start und Ziel in Schorn. Am 7. September folgt das Straßenrennen der Männer, von Grünwald aus, über die neue Dürnsteiner Brücke, die eben wegen der Spiele komplett erneuert wurde, aus Holz wurde Beton. In beiden Fällen werden Dopingsünder überführt, mit der Unsitte unerlaubter Leistungssteigerung fängt es damals an, im Kampf der Systeme zwischen West und Ost war fast jedes Mittel recht. Königsdorf hatte bereits den Zuschlag für den Bau der Regattastrecke im dortigen Filz, wird jedoch im letzten Moment von Oberschleißheim übervorteilt.

Viele Menschen in Bad Tölz-Wolfratshausen verbinden mit Olympia 72 etwas Unvergessliches

Die Heiterkeit der Spiele endet abrupt am 5. September: Die palästinensische Terrororganisation „Schwarzer September“ nimmt elf israelische Sportler als Geiseln. Nach einem dilettantischen Befreiungsversuch durch die deutsche Polizei sind alle Israelis tot. Die Bestürzung ist auch zwischen Isar und Loisach groß. Sollen die Spiele fortgesetzt werden? Der frisch gewählte Landrat Dr. Otmar Huber findet: Ja. „Man darf sich nicht von ein paar Desperados das Gesetz des Handelns aufzwingen lassen“, sagt er. „Sonst werden Sportler aus aller Welt um die Früchte jahrelanger, harter Arbeit gebracht.“ Das IOC sieht das genauso, berühmt-berüchtigt wurde der Satz: „The games must go on.“

In einer Serie blicken wir auf die Zeit zurück. Wir erzählen die Geschichten von Menschen, die mit Olympia etwas Unvergessliches verbinden. Für die Generation 50 plus dürften die Spiele zu den prägenden Jugendeindrücken gehört haben. Es waren spannende Zeiten – wir holen sie in unserer Serie zurück.

Landrat Huber sagte „Ja zu Olympia“

Manchmal wird so getan, als hätte die reine Begeisterung über Olympia in München geherrscht. Doch dem war nicht so, es gab auch Skeptiker. Speziell auf dem Land betrachtete man genau, wie viel Geld nach München floss. Der neue Landrat Dr. Otmar Huber etwa beklagte öfters die „finanzielle Schwerpunktbildung, die München zwangsläufig ausgelöst hat.“ Dass am Land gespart werde, könne man leicht am Zustand der Straßen erkennen. Dennoch sagte er in einem Interview mit unserer Zeitung klar Ja zu den Spielen: „Olympia 1972 bedeutete einen ungeheuren Impuls für unseren gesamten Sport. Und allein die Werbung für das ganze Fremdenverkehrsgebiet ist unbezahlbar.“ 

vu

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