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Ausgelastet: Dank der guten Konjunktur können sich viele Handwerker derzeit vor Anfragen kaum retten. 

Boom stellt Kommunen vor Probleme

Wer bauen will, braucht Geduld

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Die Handwerksbetriebe sind so ausgelastet, dass viele Bauprojekte teurer und langwieriger werden als geplant.  

Bad Tölz-Wolfratshausen – Zwei Ausschreibungen liegen aktuell auf dem Schreibtisch von Kreishandwerksmeister Martin Heimgreiter. Der Baubeginn wäre sofort – da kann der Waakirchner Schreiner kein Angebot abgeben. „Früher hätten wir uns darüber gefreut, heute sind wir auf drei, vier Monate ausgebucht“, sagt er. Nur einen Puffer für Stammkunden lässt er sich offen. Dank des Negativzinses wird in Neubauten investiert. Für Heimgreiter und seine Kollegen ist es gut.

Für Bauherren wird das allerdings immer mehr zum Problem. Als die sogenannte Tapsi-Kreuzung in Wolfratshausen erneuert wurde, gab nur ein einziges Unternehmen ein Angebot ab. Die Asphaltierungsarbeiten wurden mit fast einer halbe Millionen Euro teurer als erwartet. Gerechnet hatte das Staatliche Bauamt Weilheim mit 319.000 Euro. Die Ampel war aber derart veraltet, dass man das teurere Angebot akzeptierte. Andernfalls hätte das Bauamt die Ausschreibung zurückziehen und die gesamte Maßnahme verschieben müssen.

Gehwegsanierung muss hintenanstehen

Generell könne die Behörde nicht klagen, sagt Bauleiter Martin Glück. Aber „Maßnahmen übers Wochenende mit Nachtarbeit stellen die Firmen häufig vor Probleme“. Solche würden zwar zunehmen, meist seien die Ausschreibungen des Bauamts aber so große Sachen, dass für die in Frage kommenden Firmen nur Baustellen auf der Autobahn interessanter seien.

Die Sanierung eines Gehwegs muss da allerdings hintenanstehen, wie die Stadt Bad Tölz vergangenes Jahr zu spüren bekam. „Wir wollten den Gehweg an der Dietramszeller Straße erneuern“, berichtet Kämmerer Hermann Forster. Von sieben angeschriebenen Firmen gab allerdings keine ein Angebot ab. Erst bei der zweiten Ausschreibung ein halbes Jahr später bekam die Stadt vergleichbare Offerten. Die zeitliche Verzögerung sei allerdings ärgerlich, sagt Forster. „Wir machen die Maßnahme ja nicht nur, weil man beschäftigt werden will.“ Hinzu komme die jährliche Preissteigerung.

Zehn bis 15 Prozent über der Kostenschätzung

Und nicht nur die. Dass ein Angebot unter dem Schätzpreis liegt, „haben wir schon länger nicht erlebt“, sagt Margit Menrad, Gemeindeoberhaupt in Icking. Das bestätigt der Bad Heilbrunner Bürgermeister. „Wir bekommen schon mit, dass die Angebote meist zehn bis 15 Prozent über unseren Kostenschätzungen liegen“, sagt Thomas Gründl. Zudem sei der Rücklauf von Ausschreibungen bei Weitem nicht so wie früher. In der Gemeinde hängt derzeit die Unterführung für den neuen Supermarkt in der Warteschleife. Erst war der Beton nicht lieferbar – auch eine Konsequenz des Baubooms –, dann wurde man sich nicht einig mit der Firma. „Die neue Ausschreibung läuft jetzt bis Februar. Wir hoffen, dass wir eine Firma bekommen“, so Gründl.

Apropos Supermarkt. Auch in Icking verzögert sich der Neubau des Rewe, weil viele Bauunternehmen nicht zum geplanten Termin fertig sein können. „Größtenteils sind die Arbeiten vergeben“, sagt Investor Josef Reichenberger. Der Supermarkt solle eigentlich im zweiten Quartal 2018 stehen. „Jetzt hoffen wir Ende drittes, spätestens im vierten Quartal fertig zu sein.“

Erfolg der Ausschreibung hängt von der Saison ab

Kreishandwerksmeister Martin Heimgreiter würde sich wünschen, dass die Ausschreiber auf die gegebene Situation reagieren und mehr Zeit zwischen Angebotsabgabe und Ausführung lassen würden. Dass der Erfolg einer Ausschreibung von der Saison abhängt, stellt Bauleiter Martin Glück immer wieder fest. „Anfang des Jahres versucht jeder, Sicherheit zu bekommen“, sagt er. Unterm Jahr werde es schwieriger und teurer. Wenn die Kapazitäten eigentlich schon erschöpft sind, gehe es den Firmen darum, das Maximale herauszuholen. „Wir versuchen, möglichst früh dran zu sein“, sagt Glück. Alle Ausschreibungen im Februar und März abzuwickeln, sei aber einfach nicht möglich.

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