Traktor auf Feld
+
Die EU-Agrarreform ist beschlossene Sache. Hiesige Landwirte sehen dies mit gemischten Gefühlen.

„Herumgedoktere ohne Konzept“

Bauern im Landkreis sehen umfangreiche EU-Agrarreform nicht als großen Wurf

  • Volker Ufertinger
    vonVolker Ufertinger
    schließen

Die EU-Agrarreform ist beschlossene Sache. Hiesige Landwirte sehen dies mit gemischten Gefühlen. Der BBV-Kreisobmann fürchtet ein „Herumgedoktere ohne Konzept“.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Jahrelang haben die 27 EU-Staaten an einer Agrarreform gearbeitet. Ende Oktober war es so weit, und die deutsche Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner sprach hinterher selbstbewusst von einem „Meilenstein“. Europa stehe vor einem Systemwechsel. Um die Landwirtschaft in Europa grüner zu machen, werden in der neuen Förderperiode Öko--egelungen (Eco-Schemes) eingeführt, für die ein Landwirt öffentliche Gelder bekommt. Wofür die Landwirte konkret belohnt werden, muss noch ausgearbeitet werden.

Ein großer Wurf also? Der Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands (BBV), Peter Fichtner aus Bad Heilbrunn, hat da die allergrößten Zweifel. Die Landwirte, sagt er, seien eher zermürbt vom ewigen Hin und Her in der Agrarpolitik. Es fehle an Kontinuität, und das sei ein großes Problem. „Die sollen sich halt mal hinstellen und sagen, was sie eigentlich wollen“, so Fichtner. Er fürchtet ein „Herumgedoktere ohne jedes Konzept“.

Besonders traurig findet der BBV-Kreisobmann die Wortmeldung der bayerischen Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU), die sinngemäß gesagt hatte, dass sie beim Brüsseler Beschluss ein starkes Signal für die kleinen Bauern vermisst habe. „Da frage ich mich schon: Wann hat sie selbst denn so ein starkes Signal in Richtung Berlin gesandt?“ Freilich werde es einige Zeit dauern, bis für die bayerischen Bauern klar wird, was die Brüsseler Beschlüsse im Alltag bedeuten. „Aber was Besonderes wird das schon nicht sein“, vermutete Fichtner. Seiner Ansicht nach geht der Strukturwandel, sprich das Höfesterben, „ungebremst weiter“.

Auch Ruth-Maria Frech aus Icking ist ein wenig „verdrossen“, wenn sie das Wort Reform hört. Mit den Brüsseler Beschlüssen hat sich die BBV-Ortsvorsitzende von Icking-Dorfen-Wolfratshausen bislang nicht im Detail beschäftigt – und hat es eigentlich auch nicht vor. „Ich warte, bis ich Post vom Landwirtschaftsamt bekomme“, erklärt sie.

Grundsätzlich ist Frech misstrauisch. Nach ihrer Erfahrung will sich Deutschland immer gern besonders hervortun. Und wenn es in Brüssel jetzt heißt, dass die Landwirtschaft grüner werden muss, dann geht sie davon aus, dass Berlin noch „eins draufpackt“. Es bestehe die Gefahr, dass Bauern vor lauter Umweltschutz mehr und mehr zu Landschaftsgärtnern mutieren.

Vergessen dürfe man außerdem nicht, dass mehr Auflagen auch mit mehr Kontrollen verbunden sind. Dafür würden unter anderem Satellitenbilder verwendet. „Wenn ich irgendwo den Rand wegen der Artenvielfalt verbuschen lasse, kann es schon sein, dass die Subventionen gekürzt werden“, sagt Frech, „weil ich den Teil ja nicht bewirtschafte“. Auflagen gebe es jetzt schon so viele, dass man kaum hinterherkommt. „Mehr davon braucht kein Mensch.“

Ein bisschen mehr Verständnis für die Bemühungen aus Brüssel zeigt Kreisbäuerin Ursula Fiechtner aus Wackersberg. Sie verteidigt das Subventionswesen, das ja immer wieder infrage gestellt wird. „Da ist immer von Millionenbeträgen die Rede.“ Umgerechnet auf jeden Bundesbürger geht es aber nur um 30 Cent täglich. „Und die stellen sicher, dass hochwertige Lebensmittel vor Ort erzeugt werden.“

Auch wegen Corona gebe es unter den den Landwirten momentan kaum Diskussionen über das, was in Brüssel verhandelt worden ist. „Wir kommen halt nicht mehr zusammen“, sagt sie. „Da bleiben auch wichtige Themen auf der Strecke.“ 27 EU-Mitgliedsstaaten unter einen Hut zu bringen, sei sicher nicht leicht.

Mit dem Ruf nach der Förderung kleiner Bauern müsse man vorsichtig sein. „Es gibt ja in Europa noch viel kleinere als bei uns im Oberland“, so Fiechtner. Etwa Olivenbauern in Italien, die gerade mal über vier Hektar verfügen. Sie hofft, dass mit mehr Ökologie nicht gemeint ist, „alles verkommen und zuwachsen“ zu lassen. „Das kann es nicht sein.“

Hoffnung bei den Brüsseler Beschlüssen macht der Kreisbäuerin etwas anderes: Dass speziell junge Landwirte gefördert werden sollen. „Bislang ist es ja so, dass viele Junge sehen, dass es nicht besonders attraktiv ist, Bauer zu sein.“ Der Ertrag, speziell bei Milchbauern, sei verschwindend gering, die Bürokratie überbordend, und der Bevölkerung könne man es nicht recht machen. Deswegen findet sie es gut, wenn Europa Anreize schaffen will, etwa durch Hilfen bei der Diversifizierung, sprich beim Aufbau verschiedener Standbeine. Kurz: Fiechtner bleibt offen in der Frage, ob der Brüsseler Kompromiss etwas Gutes bringt. Sie sagt kurz und bündig: „Schau mer mal.“

vu

Auch interessant

Kommentare