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„Die Nachfrage ist enorm“: Pater Josef Weber im Beichtraum der Basilika des Klosters Benediktbeuern.

Reinigung für die Seele

Beichten im angenehmen Sprechzimmer

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Der flüsternde Pfarrer hinter der vergitterten Trennwand. Davor der Sünder auf einer unkommoden Bank kauernd. So zeigen heutzutage höchstens noch Filmkomödien die Beichte, eines der sieben Sakramente der katholischen Kirche.

Bad Tölz-Wolfrashausen - Der moderne Beichtstuhl ist ein „Sprechzimmer, ein angenehmer Raum“, sagt P. Heiner Heim, Pfarrer der Pfarrei Benediktbeuern. Und auch die Beichte selbst hat sich gewandelt. Heim nennt sie „eine geistliche Lebensberatung“ und verweist an einen Kollegen. „Wenn Sie noch mehr wissen wollen, sprechen Sie mit Pater Josef Weber. Er ist ein ganz erfahrener Beichtvater.“

Also Anruf im Kloster Benediktbeuern. „Josef Weber, Grüß Gott,“, meldet sich eine wache, freundliche Stimme. Kurze Erklärung unseres Anliegens, und schon ist der 68-Jährige voll im Thema. Vor vier Jahren habe man im Kloster damit begonnen, jeden Samstag zwischen 10 und 11.30 Uhr sowie 15 und 16.30 Uhr in der Basilika Beichtgespräche anzubieten, „und die Nachfrage ist enorm. Die Menschen kommen aus dem gesamten Oberland zwischen Staffel- und Tegernsee.“ Sogar Touristen sind darunter, angelockt von der prachtvollen Klosteranlage, ein geistliches und kulturelles Zentrum von ordentlicher Strahlkraft.

Und die Themen solcher Gespräche? Darf Pater Weber natürlich nicht verraten – es gilt das Beichtgeheimnis. Nur so viel: „Die Menschen kommen mit bestimmten Anliegen, daraus ergeben sich sehr tiefe, persönliche Gespräche. Und oft erleben sie dabei eine Art Befreiung.“ Für den erfahrenen Geistlichen ist das „ein erfreulicher Wandel“, der dem Beichtsakrament „einen neuen Sinn“ gibt. „Das ist Seelsorge im ursprünglichsten Sinn.“

Wer mag, darf übrigens immer im klassischen Beichtstuhl Platz nehmen. Ältere Gläubige tun das noch. Die 30- bis 50-Jährigen würden das Beichtgespräch bevorzugen, sagt Pater Weber. So schlimm sei die Zwiesprache zwischen ihm und dem Gläubigen, und dazwischen lediglich ein Gitter, aber nicht, sagt der Seelsorger und muss ein bisschen lachen. „Früher haben vor allem die Männer vorher oft einen Schnaps getrunken. Das braucht’s nun wirklich nicht.“

Ob sich die Beichtthemen gegenüber früher gewandelt haben, kann Martin Kirchbichler nicht sagen, „dafür bin ich mit meinen 44 Jahren noch zu jung“. Münsings Pfarrer stellt aber ebenfalls fest, dass sich das Beichtverhalten ändert. „Es verlagert sich einiges raus aus den Pfarreien zu Veranstaltungen, wie sie beispielsweise Jugend 2000 anbietet.“ Die katholische Nachwuchsbewegung organisiert Prayer-Festivals und Weltjugendtage.

Selbstverständlich hat man aber auch in Münsing die Möglichkeit, sein Gewissen zu erleichtern – entweder klassisch im Beichtstuhl oder, die modernere Variante, während eines Gesprächs in der Sakristei. Was Pfarrer Kirchbichler aufgefallen ist: „Heuer hatten wir vor Ostern so viele Beichten wie seit vielen Jahren nicht mehr. Das haben mir übrigens Kollegen aus anderen Pfarreien bestätigt.“ Den Boom kann sich der 44-Jährige nicht erklären. „Offenbar war es den Leuten zu dieser Zeit ein großes Bedürfnis.“

Dekan Gerhard Beham kümmert sich seit vier Jahren als Pfarrer ums Seelenheil seiner Wolfratshauser Kirchengemeinde. Auch er macht einen Unterschied aus zwischen der Beichte früher und heute. „Die Quantität der Beichtgänger haben wir nicht mehr, aber die Qualität der Gespräche hat sich sehr gehoben.“ Wo sie die führen wollen – Holzbankerl oder Zimmer – ist den Gläubigen in St. Andreas selbst überlassen. Und was sind die Inhalte? „Es dreht sich viel um familiäre Themen und um Beziehungsprobleme“, verrät Beham. „Und auch ihre soziale Verantwortung innerhalb unserer Wohlstandsgesellschaft beschäftigt die Leute.“

Den Karfreitag als den Anlass für einen befreienden Dialog mit einem Seelsorger kann der Dekan bestätigen. In St. Andreas seien an diesem Tag beide Beichtstühle besetzt. In St. Michael in München, weiß Beham, sind es sogar deren neun. „Um die innere Ruhe zu finden, braucht es offenbar ab und an eine solche Reinigung.“

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