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Manchen Bürgern treibt es den Blutdruck hoch. Der Ärztliche Bereitschaftsdienst in den Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen und Miesbach soll zusammengelegt werden.

Kassenärztliche Vereinigung will Standorte reduzieren 

Bereitschaftsdienst steht auf der Kippe

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Gibt es ab Oktober 2018 keine Bereitschaftsärzte mehr im Nordlandkreis? Die Gefahr ist sehr konkret, die Kassenärztliche Vereinigung will nur noch einen Standort haben, nämlich in Bad Tölz. Jetzt formiert sich Widerstand gegen die Pläne.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Bereitschaftsärzte sind wichtig. Für alle Erkrankungen, die die Behandlung eines niedergelassenen Arztes in dessen Praxis erfordern, deren Behandlung aber nicht bis zur nächsten Öffnung der Praxis warten kann, ist der Ärztliche Bereitschaftsdienst zuständig. Wer also beispielsweise nachts Fieber oder Schüttelfrost bekommt, ruft die zentrale (und kostenlose) Nummer 11 61 17 an. Der Patient wird dann entweder in die nächste Bereitschaftspraxis vermittelt, bekommt einen Hausbesuch – oder der Notarzt kommt vorbei.

Bislang ist der Landkreis mit Bereitschaftsärzten relativ gut bestückt. Es gibt jeweils einen im Norden, einen in Geretsried und einen Süden. „Das hat ausgezeichnet funktioniert“, sagt Dr. Klaus Röttger aus Wolfratshausen. In allen drei Bereichen wechseln sich die Ärzte ab. Mittwoch und Freitag von 13 bis 8 Uhr des Folgetags, an den anderen Werktagen von 18 bis 8 Uhr des Folgetags sowie an Wochenenden und Feiertagen durchgehend: Das sind die Zeiten, zu denen die Mediziner standby stehen und bei akuten Fällen Hilfe leisteten.

Landkreise Miesbach und Bad Tölz-Wolfratshausen könnten zusammengelegt werden

Genau diese Versorgung steht jetzt auf der Kippe. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB), die die ambulante medizinische Versorgung im Freistaat sicherzustellen hat, trägt sich mit dem Gedanken, die Landkreise Miesbach und Bad Tölz-Wolfratshausen ab 30. Oktober 2018 zusammenzulegen. Nur die Standorte Bad Tölz und Agatharied würden bei der Fusion übrig bleiben.

„Den Kerngedanken der Kassenärztlichen Vereinigung kann ich gut nachvollziehen“, sagt Klaus Röttger, der für die Mediziner im Nordlandkreis spricht. Denn: Der Bereitschaftsdienst war in der Vergangenheit in weniger dicht besiedelten Gebieten in Bayern ein ernstes Niederlassungshindernis. „Während in den Großstädten die Dienstbelastung für den Einzelnen seit jeher eher gering ausfällt, waren in ländlichen Regionen kleine Dienstgruppen mit wenigen Mitgliedern praktisch im Dauereinsatz“, schreibt die KVB. „Jedes zweite Wochenende Bereitschaftsdienst zu haben, ist weder erstrebenswert, noch ist es mit einer regulären Lebens- und Freizeitgestaltung vereinbar.“

Vorschlag: Wechselnder Bereitschaftsdienst

Ausnahmen bei den bayernweiten Fusionen soll es freilich geben. Nämlich dann, wenn die Fahrt zur nächsten Praxis eine halbe Stunde überschreitet. Um genau so eine Ausnahme handelt es sich nach Meinung von Klaus Röttger im Nordlandkreis. „Diese halbe Stunde ist nur gewährleistet, wenn man ein Auto hat, und auch das nur bei normalen Witterungsbedingungen“, sagt er. Deshalb hat er der KVB den Vorschlag unterbreitet, einen wechselnden Bereitschaftsdienst im Landkreis einzuführen, zeitweise in Bad Tölz, zeitweise an der Kreisklinik Wolfratshausen. Ähnlich wie bei den Apotheken solle auch über die Zeitung bekannt gemacht werden, welcher von beiden Standorten besetzt ist. „Bisher ist mein Vorschlag aber abgelehnt worden.“

Landrat Josef Niedermaier sagt: „Ich bin hin und hergerissen.“ Ihn erreichen zu diesem Thema derzeit viele Mails, und er kann gut verstehen, dass eine gewisse Unruhe herrscht. Auf der anderen Seite sieht er die Politik nicht unbedingt in der Pflicht, sich in die Debatte einzumischen. „Man muss schon auch sehen, dass das ein Projekt der Ärzte ist.“ In Deutschland gelte das Selbstverwaltungsrecht der Berufsgenossenschaften, da bilden Mediziner keine Ausnahme. Niedermaier würde sich sehr wohl zu Wort melden, wenn er erkennen könnte, dass der Landkreis durch die Reform deutlich schlechter gestellt wird als andere Landkreise. Das sei aber nicht der Fall – so stehe nach den derzeitigen Plänen auch Weilheim ohne Bereitschaftsärzte da.

Auch weist der Landrat darauf hin, dass niemand im Nordlandkreis im akuten Krankheitsfall nach Tölz fahren muss. „Die Landkreisgrenzen haben da keine Gültigkeit.“ Das heißt: Wenn jemand außerhalb der Sprechzeiten Fieber oder Schüttelfrost bekommt und er ruft wie bisher die 11 61 17 an, ist es sehr wahrscheinlich, dass er in Richtung München verwiesen wird, etwa nach Pullach oder Solln. Es wird also auch für den Nordlandkreis im bayernweiten Vergleich relativ kurze Wege geben – wenn auch nicht mehr ganz so kurze wie bislang.

Unterschriftenliste in Icking

Die erste Kommune, die gegen die Pläne zur Umstrukturierung des Ärztlichen Bereitschaftsdiensts aufbegehrt, ist Icking. „Für mich ist nicht nachvollziehbar, warum der Standort unserer Kreisklinik in Wolfratshausen nicht berücksichtigt wird“, sagt Bürgermeisterin Margit Menrad. Die Folgen für die Bürger werden ihrer Ansicht nach drastisch sein: „Die Ickinger werden deutlich länger warten müssen, bis ein Bereitschaftsarzt ins Haus kommt.“ Auch würde die Notfallambulanz in Wolfratshausen noch mehr belastet als bislang, so Menrad. Sie hat im Rathaus eine Unterschriftenliste auslegen lassen. Darauf können Bürger der Forderung Nachdruck verleihen, dass es weiterhin Bereitschaftsärzte im Nordlandkreis gibt. yvi/vu

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