Edmund Stoiber mit Freiwilligen aus der Teststation
+
Die Teststation am Schwankl-Eck ist ein voller Erfolg. Bayerns Ex-Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber machte sich selbst ein Bild vor Ort.

DLRG-Chef Klingel über die Arbeit

Berührende Begegnungen, ein Beitrag zur Freiheit und ein gemeinsames Ziel: Interview mit DLRG-Chef Klingel

  • vonDominik Stallein
    schließen

Die Welle der Hilfsbereitschaft ist riesig - der Bedarf auch: In Wolfratshausen schießen ehrenamtliche Teststationen aus dem Boden. Ein Interview.

Wolfratshausen – Seit dem 22. Dezember wird in der Loisachstadt getestet. Was einige wenige Ehrenamtliche kurz vor dem Weihnachtsfest anstießen, ist inzwischen ein riesiges Projekt: DLRG, Kulturverein, Caritas, Bürger für Bürger, Feuerwehr, Bergwacht, Werbekreis, Dr. Michael Lob und Dr. Jens Klein – die Liste an Helfern wird immer länger. Mehrere Tausend Abstriche haben die Freiwilligen schon durchgeführt. Demnächst wird die vierte Station eröffnet, auch diese unter Federführung der DLRG Schäftlarn-Wolfratshausen. Der Vorsitzende des Ortsverbands, Robert Klingel, erklärt im Interview mit unserem Volontär Dominik Stallein, wie viel Arbeit dahintersteckt, welche Geschichten man im Testzentrum erlebt – und welches große Ziel das Bündnis der Ehrenamtlichen eint.

Herr Klingel, die DLRG Schäftlarn-Wolfratshausen ist inzwischen an drei Teststationen beteiligt. Wie viele Stunden haben Sie in diese Aufgabe gesteckt?

Klingel: Das lässt sich nicht genau beziffern. Es war auf jeden Fall eine ganze Menge. Ob nun zu den Öffnungszeiten, zur Planung, dem Aufbau oder einfach im Hintergrund – es ist momentan schon sehr zeitintensiv. Für mich als DLRG-Mitglied ist das aber nicht so ein dramatischer Unterschied zu einem normalen Jahr. Wegen des Schwimmunterrichts oder der Wachsaison am Starnberger See sind wir es gewohnt, viele Stunden zu investieren. Das geht meinen Kameradinnen und Kameraden genauso. Und: Vieles von unserem Jahresprogramm fällt wegen der Pandemie aus. So nutzen wir die Zeit eben für etwas Sinnvolles, statt zu Hause rumzusitzen (lacht).

Wie organisiert man so ein Angebot, ohne dass Chaos ausbricht?

Klingel: Auch da hilft die Erfahrung aus der ehrenamtlichen Arbeit bei der DLRG. Wir haben bereits Tools, um zum Beispiel Einsatzpläne zu erstellen. Dazu kommen das Wissen und die Erfahrungen von den vielen anderen beteiligten Vereinen und Ehrenamtlichen. Alleine könnten wir das niemals stemmen, das ist uns aber bewusst. Es geht nur durch ein Miteinander und dadurch, dass jeder einbringt, was er geben kann. Der eine kennt sich mit Datenschutz aus, die andere erstellt ein Hygienekonzept, und noch jemand kann die Helfer medizinisch schulen oder programmiert eine Software für die Teststation.

Wie viel Personal ist inzwischen an Bord?

Klingel: Wenn man alle Aufgaben einrechnet, sind es sicherlich 80 Ehrenamtliche. Wahrscheinlich sogar 90. Tendenz steigend.

Wir sind ein total bunt zusammengewürfelter Haufen von komplett unterschiedlichen Charakteren.“

Robert Klingel

Verderben zu viele Köche nicht den Brei?

Klingel: Nein. Ich sehe das als besonderen Charme der Teststationen. Wir sind ein total bunt zusammengewürfelter Haufen von komplett unterschiedlichen Charakteren. Natürlich gibt es mal Themen, über die wir ein bisschen leidenschaftlicher diskutieren, und wir sind uns nicht bei allem zu 100 Prozent einig. Am Schluss haben wir aber – und das ist entscheidend – sehr viel gemeinsam erreicht. Denn was die vielen unterschiedlichen Gruppen vereint, ist dasselbe Ziel, das wir vor Augen haben.

Die Freiwilligen opfern viele Stunden ihrer Freizeit. Woher kommt diese Welle der Hilfsbereitschaft?

Klingel: Das ist eine gute Frage. Es ist schon beeindruckend. Ich glaube, dass ein ganz großer Teil unseres Teams es leid war, darauf zu warten, dass es von irgendwo her eine Lösung für die Situation gibt. Wir wollten lieber selber aktiv etwas dazu beitragen. Dann hat sich das wunderbar entwickelt, es ging etwas vorwärts, und es herrschte gute Stimmung. Wir haben eine super Dynamik entwickelt. Das hat uns natürlich noch einmal interessanter für den einen oder anderen gemacht. Aber ich glaube, den einen ganz speziellen Grund, aus dem wir alle das machen, den gibt es nicht.

Wie kamen Sie persönlich dazu, anzupacken?

Klingel: Ich habe einen Post der DLRG Bayern auf der Facebook-Seite unserer Ortsgruppe geteilt. Das war ein Rundschreiben, in dem es um die Testaktion zu Weihnachten und die Pläne der DLRG ging. Daraufhin hat mich Peter Lobenstein (einer der Initiatoren und Grünen-Stadtrat; Anm. d. Red.) kontaktiert, und auf einmal saß ich mit im Boot, und wir haben gemeinsam mit dem Kulturverein, den Lobensteins und Dr. Klein die Teststation am Schwankl-Eck aufgebaut. Das war eigentlich ein Zufall – und ein riesiger Glücksfall, weil die ganzen Mitstreiter, die durch die Pandemie zusammengebracht wurden, so wunderbar funktionieren.

„Wolfratshausen tut hier etwas für Wolfratshausen“: Robert Klingel, Ortsvorsitzender der DLRG, betreibt zusammen mit rund 80 ehrenamtlichen Kräften mehrere Corona-Schnellteststationen in der Loisachstadt. Foto. Sabine Hermsdorf-Hiss

Geplant war die Teststation am Schwankl-Eck ursprünglich nur von Weihnachten bis zum Dreikönigstag.

Klingel: Ja, wir haben aber sehr schnell beschlossen, dass wir länger da sein müssen.

Wie haben Sie das bemerkt?

Klingel: Das Ziel dieser ersten Station und der Aktion um Weihnachten war, Angehörigen einen Besuch im Pflegeheim zu ermöglichen. Das wurde auch sehr gut angenommen, die Leute waren wirklich froh. Als wir auf die letzten Tage unserer Aktion zusteuerten, haben wir gemerkt, wie wichtig dieses Testangebot für viele Menschen ist. Einige, die uns fast täglich besucht haben, konnten sich einen täglichen Test beim Arzt, der damals noch viel gekostet hat, nicht leisten. Die hätten ihre Väter, Ehefrauen oder anderen Verwandten dann nicht mehr besuchen können. Manche hatten feuchte Augen, als wir am 6. Januar zum eigentlich letzten Mal getestet haben. Deshalb haben wir weitergemacht. Inzwischen braucht es die Schnelltests nicht nur für Altenheimbesuche, sondern auch im Einzelhandel, vielleicht in Zukunft beim Biergartenbesuch.

Sind die ehrenamtlichen Teststationen zusammen mit den Tests in Apotheken ausreichend?

Klingel: Das werden wir sehen. Ich glaube, dass es eher mehr Tests brauchen wird. Dass wir jetzt schon nach nicht einmal fünf Monaten so breit aufgestellt sind – inzwischen sind ja auch die Feuerwehr Weidach, die Bergwacht Wolfratshausen, Bürger für Bürger und viele weitere Helfer dabei – zeigt, wie wichtig dieses Angebot ist. Und mir persönlich ist es lieber, eine Teststation aufzubauen, in der wir später keinen einzigen Abstrich vornehmen müssen, als zu wenig Kapazitäten zu haben. Und ich gehe stark davon aus, dass wir weiterhin gebraucht werden.

Trotz der Impfkampagne?

Klingel: Wie viele Menschen sind denn bereits vollständig geimpft? Das wird noch einige Zeit dauern, bis wir soweit sind. Im Sommer soll es ein Flussfestival an der alten Floßlände geben – womöglich mit Tests. Die Gastronomen wollen ihre Außenbereiche öffnen – mit Tests. Und immer noch wollen viele Menschen auf Nummer sichergehen, bevor sie sich mit Verwandten oder Bekannten treffen. Die Nachfrage wird es weiterhin geben, da bin ich mir sicher.

Macht Ihnen die Arbeit Spaß?

Klingel: Auf jeden Fall. Wir standen schon bei minus zehn Grad an der Teststation. Wenn uns die Sache da keinen Spaß machen würde, hätten wir wohl kaum durchgehalten.

Was bereitet Ihnen denn an der Aufgabe Freude?

Klingel: Man merkt eine riesige Dankbarkeit. Als zum ersten Mal ein Besucher mit Brotzeit am Schwankl-Eck stand und ein anderer Kaffee für alle vorbeigebracht hat, da haben wir gemerkt: Wir sind auf der richtigen Spur, wir helfen den Menschen wirklich. Der Landrat hat uns besucht. Die Stadtverwaltung hat uns Osterlämmer vorbeigebracht. Das war für uns eine tolle Bestätigung. An der Teststation erlebt man auch immer wieder schöne und ganz persönliche Momente.

Welche zum Beispiel?

Klingel: Ein Mann kam mehrmals die Woche, um sich testen zu lassen, weil er seine Frau im Heim besuchen wollte. Irgendwann stand er in der Tür und meinte: „Heute brauche ich keinen Test mehr, ich wollte mich aber nochmals bedanken.“ Seine Frau war am Tag zuvor verstorben. Danach haben wir ihn lange nicht mehr gesehen – bis er vor ein paar Tagen wieder kam, weil er ein paar Einkäufe erledigen wollte, weil er wieder raus wollte in die Welt. Das war sehr berührend. Und unsere Freitags-Crew weiß inzwischen: Es gibt eine Frau, die kommt immer freitags, immer kurz vor Schluss. Und so lange die am Freitag nicht da war, wird nicht zugesperrt. Das weiß sie inzwischen auch. Es sind so kleine Geschichten, die dieses Ehrenamt besonders machen. Etwas Besonderes ist es vielleicht auch für die Menschen, die zu uns kommen. Sie werden von Menschen getestet, die sie zum Teil kennen. Wolfratshausen tut hier etwas für Wolfratshausen.

Gibt es etwas, das Sie in den vergangenen Monaten gelernt haben?

Klingel: Dass man solche Dinge nur gemeinsam mit anderen auf die Beine stellen kann. Wir als DLRG alleine hätten das niemals geschafft. Die anderen Beteiligten wären auf eigene Faust wahrscheinlich auch nicht so erfolgreich. Das ist eine Lehre aus der Situation: Man kann unglaublich viel schaffen, was man am Anfang nicht für möglich gehalten hätte, wenn man es zusammen macht. Wenn man mit einer Idee und mit vereinten Kräften auf ein Ziel hinarbeitet.

Welches Ziel eint Sie denn?

Klingel: Wir können dem Handel helfen, weil seine Kunden getestet sind. Wir können der Gastronomie vielleicht helfen, zumindest die Außenbereiche wieder zu öffnen. Und wir können dazu beitragen, dass die Menschen wieder etwas mehr Freiheit haben. Das ganz große Ziel, die Idee dahinter ist natürlich, aus eigener Kraft einen Schritt aus diesem ganzen Corona-Schlamassel rauszumachen.

Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Klingel: Unser größter Wunsch als DLRG wurde schon erfüllt, als der Stadtrat das neue Lehrschwimmbecken in die Schulplanung integriert hat. Da haben viele von uns vor Freude einen Luftsprung gemacht, von dem sie jetzt noch nicht gelandet sind. Was die Teststationen betrifft, würde ich mir eigentlich nur wünschen, dass dieses Miteinander und die gute Kommunikation mit der Stadt beibehalten werden. Wir haben einen riesigen Vertrauensvorschuss bekommen, als erst der Bürgermeister und später der Landrat die Idee mitgetragen haben. Wäre das schiefgelaufen, wäre es ihnen auf die Füße gefallen. Das war mutig, und hat uns natürlich angespornt, die Sache so gut zu machen, wie es möglich ist.

Wolfratshausen-Geretsried-Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser brandneuer Wolfratshausen-Geretsried-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Melden Sie sich hier an.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare