Ein Mann lehnt auf einem Auto.
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Ist einer von hunderten Opfern des Hagelschlags: Der schwarze Volvo des Wolfratshausers Stefan Buntscheck ist von Beulen übersät. Am Montag wurde der Pkw von einem Sachverständigen begutachtet.

Mehrere Schadensstützpunkte

Nach schwerem Hagelgewitter: „Schäden sind heftig“ - Tausende Autos verbeult

  • Carl-Christian Eick
    VonCarl-Christian Eick
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Tausende Autos hat das Hagelgewitter in Wolfratshausen und Umgebung beschädigt. Gutachter haben alle Hände voll zu tun, es sind mehrere Schadenstützpunkte eingerichtet worden.

Wolfratshausen – Vor fast genau einer Woche wütete ein extremes Hagelgewitter über dem Nordlandkreis, vor allem über Wolfratshausen und Geretsried. Die golfball-großen Eisklumpen, die aus den dunklen Wolken krachten, haben in der Region mutmaßlich 15.000 Pkw beschädigt.

Nach Hagel-Gewitter in Wolfratshausen: Drei Schadenstützpunkte eingerichtet - „Folgen eines Großschadensereignisses“

Das schätzt Jochen Haug, Schadenvorstand der Allianz Versicherungs AG. Aus diesem Grund sind allein in Wolfratshausen drei Schadenstützpunkte eingerichtet worden. Eines an der Pfaffenrieder Straße 9, im Merkur-Gebäude im Gewerbegebiet. „Ja“, sagt Gerhard Schimanski, Gründer und Geschäftsführer des in Ulm beheimateten Hagelschadenzentrums, „wir sprechen hier über die Folgen eines Großschadensereignisses.“

Kfz-Meister Schimanski (66) ist ein alter Hase im Hagelgeschäft. 4000 bis 6000 zerbeulte Autos repariert sein Team in Deutschland durchschnittlich im Jahr. In Wolfratshausen hat er 35 Mitarbeiter zusammengezogen, die voraussichtlich mehrere Wochen beschäftigt sein werden. Schimanski und seine Ehefrau Daniela (44) arbeiten als Dienstleister für nahezu alle namhaften Versicherungsunternehmen.

Hagelschäden nach Gewitter: 35 Kfz-Angestellte für mehrere Wochen in Wolfratshausen beschäftigt

Diese vermitteln ihren Kunden nach Eingang der Schadensmeldung einen Termin in einem der drei Schadenzentren in der Flößerstadt. Dort wird jedes Fahrzeug von einem Gutachter akribisch unter die Lupe genommen, in 15 Boxen in der ehemaligen Merkur-Druckerei arbeiten Sachverständige wie Markus Ansorg von der VHV Versicherung.

„Als erstes schauen wir uns das Auto ganz genau an“, erklärt Ansorg. Dabei hilft ein sogenannter Dellenreflektor, der jede noch so kleine Beule sichtbar macht. Motorhaube, Dach und Heckpartie – alles wird akribisch fotografiert. „Wir zählen jede Delle“, sagt Ansorg. Allein auf dem Dach des Land-Rover-Jeeps, den einer seiner Kollegen gerade inspiziert, sind es 110. Zwei davon „tennisball-groß, sogar der Lack ist abgeplatzt“. Der graue Golf mit WOR-Kennzeichen ist dagegen mit einem blauen Auge davon gekommen. Etwa 40 Beulen zählt der Gutachter zwischen A- und C-Säule des Volkswagens.

Wolfratshausen: 110 Beulen auf dem Dach eines Land Rover

Zudem wird protokolliert „wo genau das Auto zum Zeitpunkt des Unwetters gestanden hat“. Ansorg gibt alle ermittelten Daten in seinen Laptop ein, ein Kalkulationsprogramm berechnet die Gesamtschadenssumme. „Manchen Leuten geht’s nicht so gut, wenn sie erfahren, wie schwer es ihr Auto erwischt hat“, sagt der 42-Jährige. Wer sein Auto liebt, „hat auch mal Tränchen in den Augen – Männer genau wie Frauen“. Ansorg und seine Sachverständigenkollegen haben übrigens das letzte Wort. Feilschen und Flehen sind zwecklos, der Gutachter setzt aufgrund eines verbindlichen Regelwerks die Schadenssumme fest – Punkt.

Die Schäden sind schon heftig.“

Markus Ansorg, Sachverständiger der VHV Versicherung

Welche Frage wird Schimanski am häufigsten gestellt? „Ob man wirklich alle Dellen verschwinden lassen kann.“ Seine Antwort: „Ja, man kann alles reparieren.“ Entscheidend sei in diesem Kontext aber die Einschränkung: „Sofern eine Reparatur noch wirtschaftlich ist.“ Ist es ein komplett hoffnungsloser Fall beziehungsweise ein sehr betagtes Vehikel, würden die Halter finanziell entschädigt – und das Auto rollt weiter als geschundener Zeitzeuge des Hagelunwetters vom 21./22. Juni 2021 über die Straßen.

Schimanski blickt auf 30 Jahre Erfahrung zurück. Für die Region Wolfratshausen sei das Geschehene durchaus ein Großschadensereignis, urteilt der 66-Jährige. Verglichen mit den Folgen anderer Hagelgewitter stuft er den Eishagel als „mittleres Ereignis“ ein. Die Autos, die am Montag in der Halle an der Pfaffenrieder Straße von ihren Besitzern vorgeführt wurden, „hatten alle Schäden über 5000 Euro“. In einem Fall – an dem völlig zerbeulten schwarzen Volvo-SUV sind Front- und Heckscheibe zerschlagen – schätzt Schimanski die Reparaturkosten auf mehr als 20.000 Euro. Der Starkregen, der in der Nacht auf Dienstag dem Hagelschlag folgte, hatte den SUV zu allem Überfluss geflutet.

Nach Unwetter in Region Wolfratshausen: Sachverständiger bilanziert - „Schäden sind schon heftig“

„Die Schäden sind schon heftig“, bilanziert Sachverständiger Ansorg gegen Mittag. Auf einer Skala zwischen 1 und 10 würde er mit Blick auf die Unwetternacht „eine 6 geben“. Das Epizentrum sei „ganz klar Wolfratshausen“ gewesen. Noch sei nicht abzusehen, wie viele Pkw summa summarum beschädigt worden sind, doch Ansorg und seine Gutachterkollegen gehen davon aus, dass sie mindestens in den nächsten vier, fünf Wochen in der Loisachstadt gebraucht werden.

Beulen-Guru Schimanski ist Pragmatiker. „Da sind einige schöne Schäden für uns dabei“, blickt er durch die Brille des Handwerkers und schmunzelt. „Da gibt’s einige kleine Dellen“, deren Beseitigung für sein Spezialistenteam Tagesgeschäft ist, „aber hier gibt’s auch sehr anspruchsvolle Schäden.“ Beulen, die auch für ausgewiesene Fachmänner eine Herausforderung darstellen.

Hagelschaden nach Unwetter: Die ganz schweren Fälle müssen in die Unfallklinik

Der Chef des Hagelschadenzentrums veranschaulicht das, was seine Mitarbeiter tun, so: „Es gibt Allgemeinärzte und es gibt uns, die Fachärzte.“ Den automobilen Patienten, dem nicht mehr zu helfen sei, gebe es quasi nicht. „Die ganz, ganz schweren Fälle bringen wir mit einem Transporter zu uns nach Ulm.“ Der Hauptsitz des Unternehmens „ist so etwas wie bei Ihnen hier das Unfallkrankenhaus Murnau.“ Übrigens: Pkw-Schäden, die durch Sturm, Hagel oder Überschwemmung verursacht wurden, sind sowohl über die Teil- als auch die Vollkaskoversicherung gedeckt – abzüglich einer eventuellen Selbstbeteiligung.

Aus der Ruhe bringen lässt sich der 66-Jährige auf jeden Fall nicht. Ganz egal, welche Fragen von Auto-Besitzern, Gutachtern, Dellen-Drückern oder Scheibenwechslern auf ihn einprasseln: Schimanski bleibt höflich und gelassen, für jedes Problem gibt’s eine Lösung. Nicht zu vergessen: Er hat eine starke Frau an seiner Seite, die nicht nur die im Halbstundentakt eintreffenden Pkw in die riesige Industriehalle und anschließend in eine der 15 Gutachterboxen dirigiert.

Sie sorgt parallel dafür, dass keiner der vielen Helfer in den kommenden Wochen vom Fleisch fällt. Nach zwei, drei Telefonaten mit dem Gasthaus Humplbräu in Wolfratshausen lächelt Daniela Schimanski zufrieden. „Läuft, auch die Verpflegung ist gesichert.“ (cce)

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