Die Arbeit auf dem Feld war und ist noch heute nur eine von vielen Aufgaben einer Bäuerin.

Kreisbäuerin sucht Anekdoten und Geschichten

BHs auf der Straße: Landfrauen sorgen seit 70 Jahren für Aufsehen

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Es war ein langer Weg zu Anerkennung, inzwischen gelten die Landfrauen des Bayerischen Bauernverbands aber als größter Frauenverband Bayerns. Zum 70-jährigen Geburtstag sucht Kreisbäuerin Ursula Fiechtner nach Erinnerungen und Anekdoten.

Maria Baur Erste Landesbäuerin von 1948 bis 1963

Bad Tölz-Wolfratshausen– „Wir Landfrauen – engagiert, modern, aktiv“, so sehen sich die Bäuerinnen im Landkreis heute selbstbewusst. Bis sie für sich so selbst einstanden, war es ein langer Weg. Vor 70 Jahren, am 7. Mai 1948, gründete sich die erste Landfrauen-Abteilung als Untergruppe des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) – und stand vor einem Berg an Aufgaben. Um mehr über die Anfänge im Landkreis herauszufinden, ist Kreisbäuerin Ursula Fiechtner, seit 2007 im Amt, auf der Suche nach Geschichten und Anekdoten rund um den Start der Landfrauen-Abteilung. Sie bittet anlässlich des anstehenden Geburtstags gerade die älteren Landfrauen um Unterstützung.

Erste Landesbäuerin war Maria Baur. Ihre Aufgabe war alles andere als leicht. Eines ihrer wichtigsten Anliegen: die Landflucht der jungen Frauen abzuwenden. „Wegzug in die Städte, die anstrengende Arbeit und fehlende Ausbildung waren die Gründe, warum immer weniger Mädchen Bäuerinnen werden wollten“, berichtet Fiechtner. Zudem sei das Bild einer Landfrau als das „einer Frau, die ihre traditionelle Lebensart beibehalten soll“ in den Köpfen zementiert gewesen. „Keineswegs sollte eine Bäuerin flott gekleidet oder in elegantem Schuhwerk daherkommen.“

Viele Bauersfamilien kämpften vor 70 Jahren mit den Folgen des Krieges: Söhne, Brüder und Ehemänner waren gefallen oder kehrten als Kriegsversehrte zurück. „Viele Frauen bekamen gar nicht mit, dass es nun ein Landfrauenreferat gab“, sagt Fiechtner. „Zudem galten Frauenversammlungen als höchst ungewöhnlich.“ Die Treffen fanden meistens in den guten Stuben der Ortsbäuerinnen statt. Das war auch der Tatsache geschuldet, dass die meisten Frauen gar keinen Führerschein besaßen. Einladungen wurden mündlich überbracht – und stießen nicht immer auf große Freude bei den Ehemännern und der älteren Generation. „Ach, bringst schon wieder an Zettl zum Furtgehn“ – so wurden die Ortsbäuerinnen oft begrüßt, wenn sie den Hof betraten. Denn als Arbeitskraft waren die Frauen unabkömmlich. Zeit für Bildung? Das ging gar nicht. Die Themen der Frauen waren und bleiben jedoch aktuell: gegenseitige Hilfe in Notlagen, Brauchtumspflege, Gesundheitsoffensiven, Weiterbildung, Geburtshilfe, politisches und soziales Engagement, Einstieg in den Erzeuger-Verbraucher-Dialog. Fiechtner: „Die Liste ist unendlich lang.“

Ursula Fiechtner Kreisbäuerin seit 2007

Und dann war da noch die Sache mit der Gleichberechtigung. „120 Geschäftsführer, Mitarbeiter des BBV und der Generalsekretär führten lebhafte Diskussionen, ob die Frauen selbst ihr Wahlrecht ausüben sollten, um ihre Vertreterin zu bestimmen, oder dies den Männern überlassen bleibt“, berichtet die Kreisbäuerin. Doch ein Umdenken ließ sich nicht mehr aufhalten. So hieß es 1975 in einem Verbandsrundschreiben: „Die Landfrauen erweisen sich immer mehr als wertvolle Stütze unseres gesamten Verbandes. Sie sind auf dem Weg, eine gleichgewertete Stellung zu erringen.“ Heute gelten die Landfrauen – seit einigen Jahren umbenannt in „Menschen im ländlichen Raum“ – mit 6500 Orts-, 72 Kreis-, sieben Bezirks- und einer Landesbäuerin als größter Frauenverband Bayerns.

Auch um die hiesigen Orts- und Kreisbäuerinnen ranken sich viele Geschichten: Wie wurden sie mit den Schwierigkeiten ihrer Zeit fertig? Wie fanden sie in einer bis dato von Männern dominierten Welt ihren Platz? „Die Schwiegermutter der jetzigen Jachenauer Ortsbäuerin Resi Tiefenbrunner besaß als eine der wenigen Frauen in den 1960er, 70er Jahren einen Führerschein. Also chauffierte sie die damalige Ortsbäuerin zu den Sitzungen und Veranstaltungen“, sagt Fiechtner. Noch eine Anekdote fällt ihr ein: Das Malheur bei der Kleiderspende auf dem Weg nach Südtirol. Die ehemalige Zweite Kreisbäuerin, Maria Walser, hat Fiechtner erzählt, „dass bei einem Transport mit Gebrauchtkleidern auf der Bundesstraße 472 ein Sack aufplatzte und sich BHs und Unterwäsche über die Fahrbahn ergossen“.

Fiechtner bittet die Bäuerinnen, weitere Erinnerungen und Anekdoten, aber auch Berichte von Fahrten, Bilder und Zeitungsausschnitte an sie weiterzuleiten. „Wir wählen die kuriosesten und informativsten Geschichten aus und präsentieren diese als gesammeltes Werk.“ Natürlich soll sich keine der Frauen diese Arbeit umsonst machen: „Die Einsender werden auf dem Baiernrainer Dorffest mit Preisen belohnt.“

sh

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