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Hat nur wenige Bienenvölker verloren: Georg Kellner, Chef des Imkervereins Bad Tölz.

„Druck nimmt zu“

Bienensterben: Imker im Landkreis kämpfen mit der Varroamilbe

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„Stirbt die biene, stirbt der Mensch.“ Der oft zitierte Satz ist zwar reißerisch, aber laut Experten nicht unwahr. Die Imker im Landkreis kämpfen seit Jahren gegen die Varroamilbe.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Der Vergleich ist legitim: Was die Pest-Pandemie im Mittelalter anrichtete mit Millionen von Toten unter den Menschen, wiederholt sich seit Mitte der 1970er-Jahre unter den Bienen. Nur ist nicht das Bakterium Yersinia pestis fürs massenhafte Sterben der Insekten in Herbst und Winter verantwortlich, sondern eine winzige Milbe – Varroa destructor. Der Name des Spinnentierchens ist Programm: Es kann ganze Völker der für ein gesundes Ökosystem so wichtigen Bestäuber zerstören. 

Das funktioniert so: Die Bienenlarven, angezapft von den Parasiten, verlieren an Gewicht, sind nach dem Schlüpfen kleiner als gesunde Tiere, leben kürzer, lernen schlechter und kehren oft nicht in den Stock zurück. In den brutfreien Wintermonaten sitzen die Varroamilben dann wie Zecken auf der Biene und saugen. „Dabei übertragen sie auch Viren. Die sind für Krankheitsbilder wie deformierte Flügel verantwortlich“, sagt Georg Kellner.

Massensterben: Millionen Bienen wurden dahingerafft

Seit 1967 hält der Chef des Imkervereins Bad Tölz eigene Bienenvölker. Zehn Jahre später wurde die Milbe erstmals in Deutschland nachgewiesen – und hat seitdem viele Millionen der nützlichen Hautflügler dahingerafft. Auch Stöcke Kellners – er hält Bienen an vier Standorten – waren vom Massensterben betroffen. Aktuell ist der 74-Jährige entspannter, er hat seine „Völker ganz gut durch den Winter gebracht“. Und obwohl das Frühjahr „kalt, nass und damit katastrophal“ gewesen sei und er seine Bienen habe füttern müssen, „war ihre Tracht Mitte Juli überraschend gut“. Was nicht heißt, dass Kellner Entwarnung in Sachen Varrroose gibt: „Ich habe nur wenige Völker verloren, andere Kollegen hatten Totalverluste.“

Der Feind schlummert also weiterhin in der Biene, auch weil der Mensch – anders als mit den Antibiotika gegen das Pestbazillus – kein Mittel gefunden hat, das Varroa destructor ausrottet, gleichzeitig aber unschädlich für Flora und Fauna ist. Das anfangs verwendete Perizin fand sich später im Bienenwachs wieder. Weil es auch im Honig landen könnte, verzichten verantwortungsvolle Imker auf seine Verwendung. Zudem haben einige Milbenpopulationen Resistenzen entwickelt. Kellner und seine Kollegen nutzen natürliche Mittel wie Thymol, Ameisen-, Milch- und Oxalsäure, letztere wird aus dem Sauerklee gewonnen. Wenn Imker rasch handeln, können sie befallene Völker damit retten. Killen lässt sich der Schädling so nicht. Die erste Behandlungsstufe mit Ameisensäure „habe ich heuer schon hinter mir“, sagt Kellner. Man müsse behutsam vorgehen, „denn der Grad des Befalls ist ganz unterschiedlich“.

Ohne Bestäuber kann Weltbevölkerung nicht ernährt werden

Tobias Deißer bestätigt das. Am Abend zuvor erst hat sich der Wolfratshauser Imker mit seinen Vereinskollegen ausgetauscht. Er selbst, der Stöcke in Aufhofen stehen hat, verlor im Winter von seinen gut 20 Völkern nur eins an die Milbe. In Königsdorf aber, das zum Einzugsbereich des Wolfratshauser Vereins gehört, „hat es viele Völker derbröselt“. Der Ertrag sei trotz des nasskalten Frühjahrs bisher sehr gut gewesen. „Blütenhonig fiel zwar kaum an, aber die Waldtracht war gut.“ Allerdings sieht der 35-Jährige dunklere Wolken aufziehen. „Der Varroadruck nimmt zu.“ Deißer rät seinen Kollegen, jetzt genau zu kontrollieren und so früh wie nötig mit der Behandlung zu beginnen. Er selbst arbeitet mit Langzeitverdunstern im Stock. In seinen Augen ist das „weniger stressig für die Bienen“ als die sogenannte Schwammtuch-Methode, bei der über Nacht eine größere Menge Säure zum Einsatz kommt. Im Herbst dann sollen Thymolstreifen eine Re-Invasion der Milbe verhindern. Danach folgt die Behandlung der Wintertraube im Stock mit Oxalsäure.

„Stirbt die Biene, stirbt der Mensch“ – dieser Satz geistert oft durch die Medien. Der Wackersberger Kellner hält ihn für reißerisch, sagt aber auch: „Ohne diese Bestäuber würde die Weltbevölkerung auf Dauer nicht ernährt werden können.“ Er wie sein Wolfratshauser Kollege wünschen sich für die Biene wieder mehr Lebensraum mit ganzjährigen und vielfältigen Blütenangeboten. „Dazu brauchen wir die Landwirte“, sagt Tobias Deißer, „es geht nur miteinander.“

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