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Borkenkäfer

„Der Wald ist nicht parteiisch“

Borkenkäfer: Enorme Schäden für Waldbesitzer und Gesellschaft

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Selten hat sich der Borkenkäfer heftiger durch die Wälder des Landkreises gefressen als in diesem Jahr. Die Schäden im Landkreis sind nicht nur für die Waldbesitzer enorm, sondern für die ganze Gesellschaft.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Selten hat sich der Borkenkäfer heftiger durch die Wälder des Landkreises gefressen als in diesem Jahr. Gleich dreimal sorgte der Rindenbrüter, der sich im Klimawandel mit seinen steigenden Temperaturen pudelwohl fühlt, heuer für Nachkommen. „Es war ein extremes Jahr“, sagt Michael Lechner, „wir hatten einen viel zu warmen und trockenen Winter und ein zu trockenes Frühjahr. Optimal für den Käfer.“

„Wir stehen vor der größten Herausforderung der vergangenen 150 Jahre“

Michael Lechner ist Vorsitzender der WBV Holzkirchen.

Der Chef der Waldbesitzervereinigung (WBV) Holzkirchen, in deren Zuständigkeitsbereich der Altlandkreis Bad Tölz fällt, spricht von einem finanziellen Schaden von etwa 200 000 Euro für seine Waldbauern. Und dabei hat ein Teil von ihnen noch Glück: Betroffen sind hauptsächlich die von Fichten dominierten Wälder nördlich von Holzkirchen, durch die sich der Käfer fräste. Auf den wasserspeichernden Böden des Südens hält sich die Fichte wacker gegen die Krabbeltiere – noch. Er habe kürzlich einen Vortrag von Dr. Ralf Petercord in Freising besucht, berichtet Lechner. Der Experte der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft habe dort ein „Endzeitszenario für die Fichte“ entworfen. Falls die Erwärmung des Klimas so fortschreite, werde der Käfer früher oder später wohl auch die Bestände im Süden heimsuchen. „Wir stehen“, sagt Holzkirchens WBV-Chef, „vor der größten Herausforderung der vergangenen 150 Jahre.“

Lechners Wolfratshauser Pendant Johann Killer widerspricht nicht. Er und seine Kollegen haben jüngst die Schäden im Einzugsbereich der WBV Wolfratshausen grob überschlagen. 70 000 Kubikmeter Holz habe der Käfer angegriffen, das mache einen Schaden von 140 000 Euro aus – „das ist aber nur die halbe Wahrheit“: Rechne man den Preisverfall auf dem überschwemmten Markt plus die Kosten für Ersatzpflanzungen dazu, „liegen wir bei Einbußen von 30 bis 35 Euro pro Festmeter“. Für die WBV bedeutet das einen Gesamtverlust, „der an die 300 000 Euro geht“.

„Politik und Jagd müssen begleiten und helfen“

Der finanzielle Ausfall der Waldbauern ist die eine Seite, der Schaden für die gesamte Gesellschaft die andere. Ein gesunder Forst ist wichtig für die Qualität von Wasser, Boden und Luft, er dient zur Erholung und – im Bergland – als Schutzwall gegen Erosion und Lawinen. Lechner und Killer sind sich darin einig, dass man jetzt – da „der Klimawandel bei uns voll angekommen ist“ – den Umbau des Waldes vorantreiben müsse. Dazu braucht es Fantasie. Killer kann sich künftig Mischwälder mit Fichten, Tannen, Buchen, Eichen, Lärchen und sogar mit den vor der Eiszeit bereits in Europa heimischen Douglasien vorstellen. „Es ist zwar schon einiges passiert, so ist es auch nicht. Aber wir müssen die Wälder weiterhin gezielt nach unseren einmalig guten Standortkarten anbauen beziehungsweise verjüngen.“ Das gehe nur mit Unterstützung, pflichtet Michael Lechner seinem Kollegen bei. „Politik und Jagd müssen uns begleiten und helfen.“

Johann Killer ist Chef der WBV Wolfratshausen.

Der Staat hat den Hilferuf offenbar gehört. Forstminister Helmut Brunner möchte mit der „Offensive Waldumbau 2030“ die Neustrukturierung der bayerischen Forste in klimatolerante Mischwälder beschleunigen. „Dazu gibt es einen Kabinettsbeschluss“, bestätigt Christian Webert, Bereichsleiter Forsten im Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Holzkirchen.

Künftig 40 Millionen Euro für Waldförderung

Johann Killer, auch Präsidiumsmitglied im Bayerischen Waldbesitzerverband, erzählt von einem guten Dialog mit Brunner. Sofern der Landtag dem Beschluss des Ministerrats zustimmt, wird der Freistaat die bisher 20 Millionen Euro für die jährliche Waldförderung auf 40 Millionen erhöhen. Das Forstpersonal, das das Land bis 2019 ursprünglich abbauen wollte, soll nun sogar aufgestockt werden. Die Waldbesitzer wären laut Killer damit zufrieden, auch weil sie bisher nicht mit staatlicher Hilfe verwöhnt wurden: „Damit können wir den Waldumbau anschieben.“ Dafür werben möchte der Altkirchner an Ort und Stelle: Ende Oktober lotst er Politiker in einen Forst bei Otterfing. Eingeladen sind nicht nur Regierende, sondern Parlamentarier aller Couleur. Denn: „Der Wald ist nicht parteiisch.“

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