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Unter die Lupe genommen: Dieter Langnickel (li.) und Emanuel Rüff schauen sich einige Marken ganz genau an.

Kein Platz für den Kanzler

Briefmarkensammeln: Zwei Experten über ihr Hobby

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Wolfratshausen - Briefmarkensammeln ist aus der Mode gekommen, gerade bei Jugendlichen. Warum eigentlich? Redakteur Patrick Staar unterhielt sich am Rande eines Vereinsabends mit zwei Briefmarken-Experten.

„Kommst Du mit zu mir? Ich zeig Dir meine Briefmarkensammlung.“ In den 1950er-Jahren hatte man gute Chancen, mit diesem Spruch die Angebetete in die eigene Wohnung zu locken. Heute würde man höchstens verwunderte Blicke ernten. Aber begeisterte Sammler gibt es immer noch: Der frühere Berufssoldat Dieter Langnickel (82) ist beim Briefmarken-Sammler-Verein „Isaria“ für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Student Emanuel Rüff (23) ist Geschäftsführer des Wolfratshauser Vereins.

Was macht am Briefmarkensammeln Spaß?

Rüff: Es ist was Schönes, sich Stück für Stück eine Sammlung aufzubauen. Ich finde, man lernt über Briefmarken wahnsinnig viel über die Zeit und die Gesellschaft, in der sie rausgegeben wurde. Was war würdig, auf eine Briefmarke zu kommen? Das verändert sich im Laufe der Zeit.

Was hat sich denn verändert?

Rüff: Schauen Sie sich nur mal die bayerischen Marken aus dem Jahr 1871 an: Da war fast nur der Regent drauf. Und heute? Nirgends ist mehr der Bundeskanzler oder Bundespräsident zu sehen. In England ist das anders. Da gibt es Marken mit der Queen. Die Aussagekraft über die gesellschaftlichen Verhältnisse – das finde ich faszinierend.

Briefmarkensammeln gilt nicht wirklich als cooles Hobby. Warum?

Rüff: Ich weiß, dass es so ist, aber ich kann es nicht nachvollziehen. Vielleicht, weil es nichts mit Bewegung zu tun hat. Vielleicht ist es zu langweilig, weil zu wenig passiert.

Braucht man eine spezielle Persönlichkeitsstruktur, um Briefmarken zu sammeln?

Rüff: Man braucht schon Geduld und Ausdauer. Man muss ein ordentlicher Mensch sein, sonst landen die Briefmarken in 1000 Schuhschachteln, und man verliert die Übersicht.

Wie sind Sie zum Briefmarkensammeln gekommen?

Langnickel: Das war 1947, während der Schulzeit. Ich habe mich draußen immer gerne aufgehalten. Im Haus gegenüber saß ein Mädchen auf der Fensterbank. Sie hatte eine Schuhschachtel und hat da rumsortiert. Ich habe gefragt: „Was machst denn du da?“ Sie hat gesagt, dass sie von ihrer Oma aus Polen Briefmarken bekommen hat: „Schau mal, wie schön die sind.“ Ich habe die Briefmarken angeschaut – und der Funke war übergesprungen. Mit dem knappen Taschengeld, das ich hatte, bin ich zur Post gegangen und habe alle Briefmarken gekauft, die noch vorrätig waren.

Viele verlieren in der Jugend das Interesse am Briefmarkensammeln.

Langnickel: Ich war in meiner Jugend auch eher daran interessiert, ein gescheites Fahrrad zu bekommen. 1949/50 war das nicht so ganz einfach. Ich habe reihenweise Marken gegen Ersatzteile eingetauscht, damit ich mir dieses Fahrrad zusammenbauen und die fünf Kilometer in die Schule fahren konnte. Ich war damals einer der wenigen Schüler, die ein Fahrrad hatten.

Wie viele Alben besitzen Sie?

Langnickel: Es füllt ganze Schrankzeilen. Wenn man sie nebeneinander aufstellt, sind es so ungefähr fünf Meter.

Rüff: Bei mir dürften es ungefähr zwei Regalmeter sein.

Wie viel Geld stecken Sie in Ihr Hobby?

Langnickel: Unterschiedlich. In manchem Monat sind es so um die 100 Euro. 14 bis 16 Euro für die Neuheiten sind es immer. Außerdem kaufe ich Briefmarken für meine laufende Korrespondenz. Ich bin jemand, der noch Briefe und Postkarten schreibt.

Rüff: Ich gebe ungefähr 150 Euro pro Jahr aus. Auch ich bin ein Mensch, der sehr viel schreibt. Das ist vielleicht auch die Sache, die mich beim Briefmarkensammeln gehalten hat.

Wie beurteilt Ihre Frau Ihr Hobby?

Langnickel: Meine Frau war von Anfang an dabei. Sie hat Motive gesammelt. Die Ostblockländer haben Marken mit Märchenbildern herausgebracht, mit Schiffs- und Eisenbahnmotiven, mit Blumen und Tieren. Ich selbst habe eine Motiv-Sammlung mit Gemälden von europäischen Malern. Ich hab’ alleine drei Bände mit Marken von Dürer. Wunderbar.

Ist es Zufall, dass an der Versammlung keine Frauen teilnehmen?

Langnickel: Die Frau, die sonst da ist, ist leider erkrankt.

Rüff: (lacht) Ja, unsere Quoten-Frau. In unserem Mitgliedsverzeichnis gibt es nur eine einzige Frau.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Langnickel: Frauen hatten schon früher andere Interessen. Sie haben es aber akzeptiert, dass ein Mann Briefmarken sammelt. Es ist ein ruhiges Hobby, und die Männer gehen nicht in die Wirtschaft.

Gibt es Marken in Ihrer Sammlung, auf die Sie stolz sind?

Rüff: Für mich als Jungsammler ist es schön zu sehen, was ich an Anfangswerten in der Bundesrepublik habe. Das sind Marken, die teilweise mit mehreren hundert Euro im Katalog stehen.

Gibt es eine Briefmarken-Geschichte, die Sie besonders mögen?

Rüff: Ich kannte ein Ehepaar, bei dem der Mann politisch sehr „braun“ eingestellt war. Beide haben Briefmarken gesammelt. Die Frau, die heute fast 100 Jahre alt ist, fand das gar nicht gut. Ihr stiller Protest war, dass sie Briefmarken aus Israel gesammelt hat.

Langnickel: Ich mag die Geschichte von der „Gscheidle-Marke“. Es handelte sich um eine Briefmarke, die zu den Olympischen Spielen 1980 in Russland rauskommen sollte. Die Olympiade wurde aber vom Westen boykottiert. Die Marke wurde deshalb kurzfristig zurückgezogen und kam nicht an den Postschalter. Zu dieser Zeit wurde dem Postminister vor dem Erscheinen immer ein Bogen mit Marken überreicht. Dieser Bogen ist im Schreibtisch von Herrn und Frau Gscheidle gelandet. Frau Gscheidle hat nicht gecheckt, dass die Briefmarken ungültig sind und gar nicht verwendet werden dürfen. Sie hat damit unter anderem eine Karte an ihre Krankenkasse frankiert.

Was ist eine „Gscheidle-Marke“ heute wert?

Langnickel: Eine davon wurde 2008 für 85 000 Euro versteigert.

Angenommen jemand findet eine Briefmarken-Sammlung in seinem Schrank. Was macht er dann?

Langnickel: (lacht) Zu uns kommen.

Rüff: Es kommen viele Leute zu uns, die nicht wissen, was sie mit einer Sammlung machen sollen und was sie wert ist. Für die sind wir eine kostenlose Schätzstelle. Das ist nicht unbedingt in unserem Interesse. Andere verschenken ihre Sammlung.

Gibt es für Sie eine Traum-Marke, die Sie gerne besitzen würden?

Langnickel: Meine Sammlung der Bundesrepublik Deutschland seit 1949 ist komplett – sowohl gestempelt als auch ungestempelt. Die Sammlung komplett zu haben, das war mein Traum. Den habe ich erreicht.

Rüff: So weit bin ich noch nicht. Bei mir fehlen die teuren Marken. Wenn es eine Traum-Marke gibt, dann hätte ich gerne einen schönen „Schwarzen Einser“. Das war die erste Briefmarke des Königreichs Bayern und die erste im heutigen Deutschland herausgegebene Marke. Sie dürfte ungefähr 2000 Euro wert sein.

Ist es schwierig, junge Briefmarken-Sammler zu gewinnen?

Rüff: Ja. In unserem Zeitalter werden weniger Briefe geschrieben. Wenn man keine Briefe schreibt und keine Briefe bekommt, kriegt man keinen Zugang zu den Marken. Vielleicht ändert sich das wieder durch den Trend zur Entschleunigung.

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