Ein Richter bei der Arbeit
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Ein Richter bei der Arbeit: Ein Arzt aus dem Raum Wolfratshausen musste sich am Landgericht verantworten (Symbolfoto).

LANDGERICHT

Bub erleidet schweren Geburtsschaden: Mutter verklagt Arzt auf Schmerzensgeld

  • Angela Walser
    vonAngela Walser
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Eine Mutter verklagt einen Arzt aus dem Raum Wolfratshausen auf Schmerzensgeld. Ihr Sohn hat einen schweren Geburtsschaden erlitten und ist seitdem körperlich und geistig behindert.

Bad Tölz-Wolfratshausen/München – Hätte der schwere Geburtsschaden bei Michael (Name geändert) verhindert werden können? Mit dieser Frage musste sich jetzt eine Zivilkammer am Landgericht München II beschäftigen. Michaels Mutter hat ihren Gynäkologen aus dem Raum Wolfratshausen auf 180.000 Euro Schmerzensgeld verklagt.

Der heute acht Jahre alte Bub ist körperlich behindert und auch geistig eingeschränkt. Eigentlich, so hieß es vor Gericht, hätte der Arzt anhand der Vorsorge-Untersuchungen erkennen müssen, dass sich das Baby nicht normal entwickelt. Doch ein ums andere Mal soll der Mediziner die folgende Untersuchung abgewartet und die Werte gerade noch als in Ordnung eingestuft haben. Dabei waren sie längst pathologisch, also krankhaft.

Irgendwann im September 2012 ließ sich die Diagnose eines zu kleinen Kindes nicht mehr schön reden. Es drohte die massive Unterversorgung. Zu diesem Zeitpunkt war es schon längst zu einer Umverteilung des Blutes auf das Gehirn als sensibelstes Organ gekommen. Als die Mutter auch noch schwächer werdende Kindesbewegungen spürte, schrillten alle Alarmglocken. Michael wurde vor dem eigentlichen Geburtstermin geholt.

Die erste Zeit war für die Mutter mehr als belastend. „Nachts musste ich jede Stunde aufstehen und ihm etwas Milch geben, damit er nicht dehydriert“, berichtete die Förderlehrerin aus Bad Tölz vor Gericht. Noch heute verlaufen Essen und Trinken nicht komplikationslos. Ihr Bub verschlucke sich oft, er müsse in Ruhe essen und sich konzentrieren. „Dann geht das schon.“ Michael sei ein außergewöhnlich dünnes und kleines Kind. Aktuell misst der Achtjährige 1,10 Meter und wiegt 15 Kilo. Er besucht die zweite Klasse der Pfennigparade in München. Er sei das Schlusslicht der Klasse, aber ein sehr freundliches Kind. Seine Epilepsie sei mittlerweile gut eingestellt.

Auf Rückfragen des Vorsitzenden Richters bestätigte die Mutter, dass sich der Bub darüber bewusst sei, anders zu sein. Über die Orthesen, die er Tag und Nacht tragen müsse, wolle er jetzt stets einen Strumpf ziehen, damit man die Stützschienen nicht sieht. Als besonders schlimm empfinde er, dass ihn sein drei Jahre jüngerer Bruder mittlerweile überflügelt.

Ein Gutachter kam zu der Ansicht, dass der Gynäkologe früher etwas hätte unternehmen müssen. „Der gesamte Verlauf entwickelte sich in eine ungünstige Richtung“, so der Sachverständige. Ob eine frühzeitige Anbindung an ein Perinatalzentrum den schweren Krankheitsverlauf des Buben verhindert hätte, wollte er indes nicht unterschreiben. Eventuell sei das Gehirn des Kindes schon früher geschädigt worden, sagte er.

Das Gericht unterbreitete beiden Seiten einen Vergleichsvorschlag. Beim Schmerzensgeld – 110 000 Euro inklusive Zinsen – herrschte Einigkeit. Noch ungeklärt ist die Übernahme von materiellen und nicht vorhersehbar immateriellen Schäden. Dafür bedarf es noch eines pädriatrischen Gutachtens. Unter anderem sagt der Gynäkologe, dass die Epilepsie, die erstmals mit zwei Jahren auftrat, und eventuell auch die Verhaltensstörungen nicht auf den Behandlungsfehler zurückzuführen seien. Bis 12. Januar können beide Seiten ihre Stellungnahmen abgeben. Dann wird weiter beraten. wal

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