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Bücherverbrennung: Internationale Autoren und Schüler erinnern - Am Ende steht ein Funken Hoffnung

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Von: Peter Herrmann

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Realschüler aus Geretsried
Erinnerung an die Bücherverbrennung und Solidarität mit der Ukraine: Die Realschüler aus Geretsried nahmen an der Veranstaltung teil. © Hans Lippert

Der Badehaus- und der Historische Verein Wolfratshausen erinnern an die Bücherverbrennung in der Loisachhalle. Dabei kamen verfolgte Autoren zu Wort. 

Wolfratshausen – Leise Geigentöne und das Lied „Maikäfer flieg“ eröffneten am Dienstagabend in der Loisachhalle die Gedenkveranstaltung zur Bücherverbrennung, die der Badehaus- und der Historische Verein in Zusammenarbeit mit der Stadt organisiert hatten. Die selbst auferlegte Vorgabe, aktuelle politische Bezüge zu den Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten vor 89 Jahren zu knüpfen, erfüllten nicht nur verfolgte Schriftsteller und Künstler der Gegenwart. Es waren auch die Filmeinspielungen, Tänze und Gesänge von verschiedenen Schulen, die die rund 400 Besucher beeindruckten. Während ein junges Mädchen schnell platzende Seifenblasen in den Saal pustete, sang Hörfunksprecher Jürgen Jung den Satz „Ukrainerland ist abgebrannt“: ein starkes optisches und akustisches Zeichen für geplatzte Friedensträume.

Bücherverbrennung: Internationale Autoren und Schüler erinnern - Am Ende steht ein Funken Hoffnung

Angesichts des straffen Programms hielt sich BadehausVorsitzende Dr. Sybille Krafft nicht mit langen historischen und politischen Betrachtungen auf, sondern überließ zunächst der Realschule Geretsried die Bühne. Die von Gabriele Rau geleitete Chorklasse interpretierte das bekannte Lied „You raise me up“ schwungvoll und reckte danach Friedenstafeln in die Höhe.

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Das war eine Steilvorlage für die aus der Ukraine geflüchtete Lehrerin Oksana Semenova und ihre Tochter Darina: Nachdem die Mutter einen Textauszug aus dem Werk der bekannten ukrainischen Schriftstellerin Oksana Sabuschko vorgelesen hatte, spielte ihre Tochter auf der Bandura – einer ukrainischen Lautenzither – zwei Volkslieder. Das gefiel auch dem Schirmherrn Dr. Wolfgang Heubisch. Der Vize-Präsident des bayerischen Landtags kam auf die Bühne, um die deutsche Übersetzung eines Textes von Sabuschko zu lesen.

Heubisch und Semenova mit ihrer Tochter
Oksana Semenova und Tochter Darina lesen ukrainische Werke - Wolfgang Heubisch, Vize-Präsident des bayerischen Landtags lauschte. © Hans Lippert

Realschule bereitet Video für Gedenken an Bücherverbrennung vor

Die zehnte Klasse der Wolfratshauser Isar-Loisach-Realschule stellte daraufhin mit Videoeinspielungen die bereits 1921 in England gegründete Schriftstellervereinigung PEN vor. Im Rahmen des Programms „Writers in Exile“ vergibt die Organisation Stipendien, damit verfolgte Autoren im Ausland leben und schreiben können. Dazu gehört auch Yirgalem Fisseha Mebrahtu aus Eritrea. Sie berichtete in ihrem Kurzbeitrag über ihre schmerzhaften Gefängnisaufenthalte in dem erst seit 1993 unabhängigen afrikanischen Staat. Nicht minder bedrückend sind die Verhältnisse in Nordkorea, das in einer vom Journalistenverband herausgegebenen Rangliste der Pressefreiheit den 180. und letzten Platz belegt. Jae-Hyun Yo, ein mittlerweile in Bairawies lebender Freund des nordkoreanischen Künstlers Sun Mu, berichtete über dessen Flucht aus der Diktatur.

„Tod der Sprache wäre Tod der Gefühle“, sagt kurdischer Schriftsteller

Nach einem Tanzbeitrag der siebten Klasse der Wolfratshauser Mittelschule und einem von Pauline Bittner geführten Interview mit der iranischen Exilautorin Ayeda Alavie gönnten die Veranstalter den Besuchern eine halbstündige Pause, um das Gehörte und Gesehene zu verarbeiten. Der 2017 von Flüchtlingen in München gegründete Syrische Friedenschor leitete danach über zur Krisenregion Kurdistan. Das Schriftsteller-Ehepaar Anisa Jafari Mehr und Jihar Jahan Fard erinnerte an Flugzeugangriffe der türkischen Besatzer und vielfältige Entbehrungen. Das Schreiben von Büchern hilft ihnen dabei, das Erlebte zu verarbeiten. „Der Tod der Sprache wäre der Tod der Gefühle“, betonte Fard. Mit Bildern erregt die afghanische Fotografin Roya Heydari Aufsehen. Da keine Ausreisegenehmigung aus ihrem Exil in Paris vorlag, erklärte Badehaus-Vizevorsitzender Jonathan Coenen ihre Fotos.

Badehaus- und Historischer Verein organisieren Gedenken an Bücherverbrennung: „Ein unfassbar bereichernder Abend“

Es folgten kämpferische Reden der türkischen Autorin Nazli Karabiyikoglu, die 2013 die gewaltsame Niederschlagung von Protesten im Istanbuler Gezi-Park hautnah miterlebt hatte, sowie eine Videoeinspielung der weißrussischen Schriftstellerin Volha Hapeyeva. Zwischendurch zeigten Jugendliche der Beruflichen Oberschule Bad Tölz eine Multimedia-Performance zum Thema Verfolgung. Geretsrieder Gymnasiasten präsentierten ein Online-Interview mit dem syrischen Rapper Amer Wakka.

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Dazu passte die englische Lesung der aus Uganda stammenden Autorin Stella Nyanzi, die im Stile einer Poetry Slammerin die Missstände in ihrer Heimat anprangerte. „Hier in Deutschland ist zwar vieles besser, aber ich vermisse das Leben in Afrika“, räumte sie ein. Nachdem die Besucher so vieles über Leid, Unrecht und Vertreibung erfahren hatten, fand der Syrische Friedenschor einen mutmachenden Abschluss. Gemeinsam mit dem Publikum und allen Beteiligten sangen die Musiker die Europa-Hymne „Freude schöner Götterfunken“. Dritte Bürgermeisterin Annette Heinloth dürfte es nach dieser Vielfalt an Eindrücken wie vielen Besuchern gegangen sein. „Für mich war es ein unfassbarer bereichernder Abend“, lobte sie alle Mitwirkenden.

Der Erlös aus dem Verkauf von Tickets, Speisen und Getränken kommt dem Erinnerungsort Badehaus in Waldram zugute.

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