Wie gefährlich ist ein Joint?

Cannabis legalisieren? So diskutiert der Landkreis 

Kiffen an sich ist in Deutschland nicht verboten. Dem Betäubungsmittelgesetz zufolge ist aber THC, also der Wirkstoff in Cannabis, verboten. Man darf also auch die entsprechende Hanfpflanze, die diesen Wirkstoff enthält, nicht anbauen, kaufen, verkaufen, vertreiben oder besitzen. Ausnahmen in engen Grenzen gibt es bei medizinischen Gründen.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter fordert eine Entkriminalisierung von Cannabis. Im Landkreis ist die Freigabe des Rauschgifts umstritten. 

Bad Tölz-Wolfratshausen – Der Polizeipräsident für Oberbayern Süd hat sich positioniert. „Ganz klar Nein“, sagt Robert Kopp zu einer Freigabe von Cannabis. Das Argument der Befürworter, die Verfolgung von Kiffern verbrauche zu viele Ressourcen, die man an anderer Stelle vernünftiger einsetzen könnte, lässt er nicht gelten. „Gesundheitsgefährdende Straftaten dürfen nicht legalisiert werden, nur weil sie den Sicherheitsbehörden Aufwände bereiten.“

Robert Kremer ist bei der Geretsrieder Polizei für Betäubungsmittel-Kriminalität zuständig. „Wir sind sicher nicht unterbeschäftigt“, sagt er zur aktuellen Lage. Eine klassische Drogenszene gebe es in der größten Stadt des Landkreises aber nicht. „Es gibt Händler und Konsumenten, die sich persönlich kennen und Freundeskreise, in denen Betäubungsmittel konsumiert und gehandelt werden“, weiß Kremer. Er hält eine Freigabe von Cannabis für falsch. „Das ist aber nur meine persönliche Meinung“, fügt er hinzu.

Der Geretsrieder Polizeihauptkommissar sieht bei einer Freigabe besonders eine Gefahr: „Wenn Marihuana legalisiert wird, haben wir dieselbe Situation wie bei Alkohol und Zigaretten.“ Sprich: Wenn Jugendliche mit Cannabis erwischt werden, könne die Polizei die Betäubungsmittel lediglich abnehmen, „aber es gäbe keine rechtlichen Folgen für die Besitzer“, sagt Kremer.

Amtsgericht-Direktorin ist strikt gegen Legalisierung

Im Moment ist das anders: Der Besitz von Cannabis fällt unter das Betäubungsmittelgesetz. Verstöße dagegen können laut Andrea Titz, Direktorin des Amtsgerichts Wolfratshausen, mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden. Die Juristin ist strikt gegen eine Legalisierung. „Das ist in meinen Augen nicht der richtige Weg. Durch eine solche Entscheidung würden die Gefahren des Cannabis nicht mehr angemessen gewürdigt.“

Die Amtsgerichtsdirektorin sieht in dem Rauschgift eine Einstiegsdroge. „Viele Jugendliche kommen durch den ersten Joint mit Betäubungsmitteln in Berührung.“ Wer Cannabis konsumiert, könne danach eine „Neugier auf andere Drogen“ entwickeln. „Das Kiffen kann Brücken in der Einstellung zum Rauschgift einreißen“, sagt Titz. Sie hält Gras „nicht für so harmlos, wie es oftmals dargestellt wird“. Experten warnen immer wieder davor, dass der Konsum von Haschisch in manchen Fällen Psychosen auslösen kann. Titz teilt diese Meinung: „Das darf man nicht verharmlosen.“ Gerade „exzessiver Konsum“ könne schwerwiegende Langzeitfolgen für die Kiffer nach sich ziehen. Titz hatte als Richterin am Landgericht Traunstein immer wieder Betreuungs- und Unterbringungsverfahren zu leiten und bekam dabei die Auswirkungen der Droge hautnah zu sehen.

„Das Cannabis hat sich verändert“

In diesem Punkt pflichtet der Leiter des Caritas-Suchtzentrums in Bad Tölz, Herbert Peters, bei. Besonders eine aktuelle Entwicklung hält er für sehr gefährlich: „Das Cannabis hat sich verändert. Es gibt immer häufiger gentechnisch veränderte und synthetische Cannabinoide auf dem Markt.“ Die seien „bis zu 20 Mal stärker als herkömmliches Cannabis“. Die halluzinogene Wirkung der Droge würde dadurch verändert und dramatisch verstärkt.

Nicht nur mögliche psychische Folgen würden die Droge gefährlich machen. „Auch wenn Cannabis keine körperlichen Schäden anrichtet, können Konsumenten darunter leiden“, sagt Peters. „Eine Wirkung der Droge ist, dass man keine Lust mehr auf Leistung hat. Die schulischen und beruflichen Aussichten – gerade bei Jugendlichen – gehen teilweise stark zurück.“ Außerdem – auch wenn das in Kifferkreisen immer wieder abgestritten wird – könne die Droge süchtig machen. „Wer Cannabis regelmäßig zur Entspannung nutzt – zum Beispiel einen Joint nach der Arbeit raucht – kann eine psychische Abhängigkeit entwickeln.“

Als klassische Einstiegsdroge sieht der Suchtberater Marihuana dagegen nicht: „Die ersten Drogenkontakte machen die meisten mit Nikotin oder Alkohol.“ Bevor Jugendliche zum Joint greifen, hätten sie im Normalfall bereits Zigaretten geraucht. Einen Vorteil hätte die Legalisierung in Peters Augen: Nach der derzeitigen Gesetzeslage drohen auch Jugendlichen, die Cannabis ausprobieren, strafrechtliche Konsequenzen. Das seien aber „größtenteils keine Kriminelle“, sondern Heranwachsende, die lediglich „gegen gesellschaftliche Konventionen rebellieren wollen“.

Koch: Entkriminalisierung birgt Vorteile

Auch die Grüne Jugend Bad Tölz-Wolfratshausen sieht ein Problem in der Kriminalisierung von Jugendlichen. Die Gruppierung hat in der Vergangenheit immer wieder mit Aktionen auf das Thema aufmerksam gemacht. Sprecher Lukas Koch erklärt: „Wenn man sich die Drogenpolitik in Deutschland ansieht, muss man sich fragen, nach welchen Maßstäben hier geregelt wird.“ So seien Alkohol und Nikotin zwar „deutlich gefährlicher“, aber frei zugänglich. Eine Entkriminalisierung birgt laut Koch einige Vorteile: „Wenn Cannabis an offiziellen Stellen verkauft wird, kann man ausschließen, dass es veränderte Drogen sind, die konsumiert werden.“ Zudem würde man Konsumenten davon abhalten, in kriminelle Strukturen abzurutschen, wenn Cannabis im Handel erhältlich wäre. „Nach einer Legalisierung wäre Graskonsum kein Tabu-Thema mehr“, sagt Koch. Dann könne man – ähnlich wie es mit Alkohol und Nikotin passiert – Aufklärungsarbeit an Schulen betreiben, um junge Menschen über die Risiken zu informieren.

„Eine Entkriminalisierung wäre ein Beitrag zum Jugendschutz“, sagt Koch. Denn: „Heute ist es möglich, als 14-Jähriger genauso an Gras zu kommen wie mit 30 Jahren.“ Bei einer Legalisierung würde eine Verkaufsgrenze von vermutlich 18 oder 21 Jahren gelten. „Damit wäre es für Jugendliche schwieriger, an die Droge zu gelangen.“

Dominik Stallein 

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