Floßfahrt in Wolfratshausen
+
Ein Bild aus unbeschwerten Tagen: In einer guten Saison verzeichnet der Flößereibetrieb Franz Seitner in Wolfratshausen 120 bis 140 Floßfahrten.

„Stehen mit dem Rücken zur Wand“

Corona-Pandemie setzt Flößereibetrieb schwer zu: Das sagt der Bürgermeister

  • Carl-Christian Eick
    vonCarl-Christian Eick
    schließen

Die Corona-Folgen setzen dem Flößereibetrieb Franz Seitner in Wolfratshausen schwer zu. Jetzt äußert sich Bürgermeister Klaus Heilinglechner zu dem Thema.

Wolfratshausen – Der Lockdown in Folge der Corona-Pandemie setzt dem Flößereibetrieb Franz Seitner wirtschaftlich dramatisch zu. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagte Flößertochter Monika Heidl-Seitner am vergangenen Sonntag im Gespräch mit unserer Zeitung (wir berichteten). „Aufgrund der außer der Norm liegenden Unternehmensform greifen die bisherigen staatlichen Corona-Hilfen nicht“, erklärte Rathauschef Klaus Heilinglechner am Mittwochabend in der Stadtratssitzung. Sollte auch die Saison 2021 komplett ausfallen „oder durch eine extreme Verkürzung wirtschaftlich nicht rentabel sein, stehen die Flößereibetriebe wie viele andere Saisonbetriebe vor großen existentiellen Problemen“, so der Bürgermeister.

Heidl-Seitner hat sich inzwischen nach eigenen Worten Hilfe suchend unter anderem an Ministerpräsident Markus Söder, Bayerns Finanz- und Heimatminister Albert Füracker sowie die Landtagsabgeordneten Martin Bachhuber, Hans Urban und Florian Streibl gewandt. „Die Stadt Wolfratshausen befürwortet diesen Vorstoß und wird dies im Rahmen ihrer Möglichkeiten fördern und unterstützen“, gab Heilinglechner in der Stadtratssitzung bekannt.

(der Bericht vom 8. Mörz) – Feucht-fröhliche Floßfahrten von Wolfratshausen nach München: Das ist gelebtes Brauchtum, beste Werbung für die internationale Flößerstadt und nicht zuletzt die wirtschaftliche Grundlage für drei Familienbetriebe im Landkreis. Monika Heidl-Seitner leitet das Büro des kleineren der zwei in Wolfratshausen ansässigen Betriebe.

Corona in Bayern: Zukunft der Flößerei Seitner „hängt an einem seidenen Faden“

Jetzt stellt die 51-Jährige fest: „Es ist fünf vor zwölf.“ Die Zukunft des Unternehmens, dessen Geschicke ihr Vater Franz Seitner (77) in Familientradition seit Anfang der 1980er-Jahre lenkt, „hängt an einem seidenen Faden“. Der Flößereibetrieb Franz Seitner, das sind neben dem Seniorchef und Tochter Monika noch ihr Bruder Anderl sowie – bei Hochbetrieb – ein Dutzend Mitarbeiter.

„Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“: Monika HeidlSeitner (51) leitet das Büro des Wolfratshauser Flößereibetriebs Franz Seitner.

Bekanntlich fesselte der Lockdown aufgrund des Coronavirus die Holzgefährte im vergangenen Jahr ans Ufer, gemeinsam sagten die drei Flößerfamilien die Saison 2020 komplett ab. Das bedeutet bis auf den heutigen Tag null Umsatz. Traditionell geht’s immer am 1. Mai los, doch Heidl-Seitner gibt sich keinen Illusionen hin.

Zwar sage ihr Bauchgefühl, dass angekündigte Impfstoff-Tsunamis und Millionen Schnelltests zur Entspannung der Lage beitragen werden, doch ihren Kopf kann die 51-Jährige natürlich nicht ausschalten. Rund 60 Menschen dicht an dicht auf einem Floß – Gaudi, Musik und ein Prosit der Gemütlichkeit: „Daran glaubt doch wohl im Moment niemand ernsthaft.“

Folgen der Corona-Pandemie: Null Umsatz für Flößereibetrieb in Saison 2020

Ihr Steuerberater hat ausgerechnet: „Mindestens 40 Flöße müssten heuer auf Minga fahren, dann wären die Kosten gedeckt – nur die Kosten und das auf Grundlage der Zahlen aus 2019“, betont Heidl-Seitner. Verdient hätte ihre Familie nach 40 Floßfahrten noch keinen einzigen Euro. Üblich seien in einer guten Saison 120 bis 140 Fahrten.

Sie macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube: „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand.“ Der Tag, an dem Vater, Tochter und Sohn eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen haben, sei nicht mehr fern. „Die Rücklagen, für die unser Vater über 50 Jahre auf dem Floß gestanden hat, sind fast aufgebraucht.

Corona hat uns bisher einen hohen fünfstelligen Betrag gekostet. Verständlicherweise will mein Vater mit 77 aber keinen Kredit mehr aufnehmen, um uns dann einen verschuldeten Betrieb zu übergeben“, sagt die 51-Jährige. Im schlimmsten Fall „wird’s unseren Generationsbetrieb nicht mehr geben“.

Corona in Bayern: Dramatische Lage für Flößerei - „Stehen mit dem Rücken zur Wand“

Die Flößertochter räumt ein, dass aufgrund von Hochwasser mal kein Floß in Weidach ablegen kann – aber das sei kalkulierbar. „Solche Tage gibt’s immer, auch mal über ein, zwei Wochen.“ Doch ein Totalausfall?

„Nein, sogar im Zweiten Weltkrieg und in der unmittelbaren Nachkriegszeit sind Flöße nach München gefahren“, weiß sie aus Erzählungen ihres Vaters Franz. Nun aber drohe sogar die Absage der zweiten Saison in Folge. Es fehle „die Planungssicherheit für uns und unsere Kunden sowie die Möglichkeit, Hygienemaßnahmen auf unseren Flößen umzusetzen, ohne das Charakteristische einer Floßfahrt kaputtzumachen“.

Unbeschwerte Floßfahrt: Das Foto schoss 1963 der gebürtige Münchner Roland Preitnacher, der seit 1966 in Südafrika lebt. Vorne links Sebastian Seitner, der Großvater von Monika Heidl-Seitner.

Mit dem Thema Hygienekonzept habe sich die Familie intensiv befasst, musste jedoch immer wieder feststellen, dass vieles aus logistischen oder technischen Gründen nicht möglich ist. „Wir sind halt kein Ausflugsdampfer, auf dem man entsprechende Einbauten vornehmen kann.“ So habe zum Beispiel eine Firma aus Berlin ihre Hilfe angeboten: „Die wollten spezielle Plastikscheiben, also zahlreiche transparente Trennwände fest auf dem Floß installieren.

Corona in Bayern: Flößereibetrieb hält nach Rettungsmöglichkeit Ausschau - bisher ohne Erfolg

Versehen mit einer aufwendigen Kugellager-Konstruktion, die die Bewegung der Baumstämme auf dem Wasser ausgleicht.“ Was der findige Betrieb in der Bundeshauptstadt bis zu einem Telefongespräch mit Heidl-Seitner nicht wusste: Jedes Floß wird nach der Ankunft an der Zentrallände in München-Thalkirchen komplett auseinandergenommen und in Einzelteilen per Lkw zurück nach Wolfratshausen transportiert. Fest verbaute Plexiglasscheiben samt Kugellager-Konstruktionen „sind daher leider keine Option“.

Mit Adleraugen haben die Seitners nach einem Rettungsring Ausschau gehalten – bis dato ohne Erfolg. Das Dilemma: „Leider sind wir nur drei Familienbetriebe, die die Flößerei in dieser Form seit vielen Generationen ausüben“ sagt Heidl-Seitner. „Wir haben keinen großen Dachverband, der die Interessen seiner Mitglieder vertritt. Alle Entscheidungen müssen von uns selbst getroffen werden, wobei von den drei Floßmeistern alles aus dem Bauch heraus entschieden werden muss.“

Bei einem der zahlreichen Telefonate habe sie von der Regierung von Oberbayern erfahren, dass ein Flößereibetrieb „ein Exot“ sei. Das heiße übersetzt: „Nach wie vor fehlt es an einer konkreten Klassifizierung der Flößerei hinsichtlich der Hygienekonzepte beziehungsweise anderer gesetzlicher Vorgaben, die uns in einen genau definierten Bereich eingliedert.“ Schließlich habe man sich am Hygienekonzept für touristische Dienstleister orientiert, Stichwort „Fluss- und Seenschifffahrt im Ausflugsverkehr“.

Corona in Wolfratshausen: Dramatische Lage für Flößerei Seitner - Hilferuf an Politik bisher vergebens

Das Einzige, was die Politik über den Winter erreicht habe, sei, dass die Floßfahrten seit Januar auf der sogenannten. „Positivliste“ des bayerischen Gesundheitsministeriums erwähnt würden: „als verbotener Betrieb irgendwo zwischen Bordellbetrieben und Kältestudios“. Heidl-Seitner kann dem Ganzen nichts Komisches abgewinnen. „Wir sind händeringend auf der Suche nach einer Lösung, die den Fortbestand der Flößerei sichert. Wir haben als Einzelkämpfer mit zahlreichen Briefen an führende Politiker versucht, auf uns aufmerksam zu machen – leider vergebens.“ Außer tröstenden Worten und Hinweisen auf die bestehenden Finanzhilfen „kam leider wenig bis nichts zurück“.

„Wir sind ein kleiner Familienbetrieb, wir haben hier keinen Spezialisten, der rund um die Uhr recherchiert, wer uns in welcher Form unter die Arme greifen kann oder welcher Topf für uns in Frage kommt. Als Laie liest man sich durch alle Veröffentlichungen, vergleicht, spricht mit seinem Steuerberater – und resigniert.“ Die 51-Jährige fragt sich: „Was nutzen uns Stundungen oder Ratenzahlungen im Steuerwesen, wenn auf lange Zeit kein einziger Cent reinkommt? Es ist auch egal, wie die Hilfen heißen.“

„Es kann doch nicht sein, dass Saisonbetriebe wie wir mit dem Rücken zur Wand stehen, weil wir nicht in die Norm passen“

Novemberhilfe, Dezemberhilfe, Überbrückungshilfe eins bis drei: „Sicherlich sehr hilfreich, wenn man keinen Saisonbetrieb hat, dessen einzige Einnahmequelle in den Monaten Mai bis September liegt. Da nützen die ganzen Hilfen nichts, wenn man durchs Raster fällt und seine laufenden Kosten nicht geltend machen kann.“

Heidl-Seitner redet sich langsam in Rage: „Es kann doch nicht sein, dass Saisonbetriebe wie wir mit dem Rücken zur Wand stehen, weil wir nicht in die Norm passen und unsere Einkünfte zwangsläufig auf die ,falschen Monate‘ im Jahr beschränkt sind. Kein Familienbetrieb kann zwei Jahre ohne jegliches Einkommen überstehen. Ich denke auch an andere kleine Familienbetriebe, die durch alle Raster fallen wie Skilifte oder bewirtschaftete Berghütten.“

Sie gibt zu bedenken: „Es sind so viele kleine Unternehmen, die für Bayern stehen und Bayern zu dem machen, was es in puncto Tradition, Kultur und Tourismus darstellt. Es kann nicht sein, dass genau diese Betriebe, die viele Touristen und Einheimische mit Bayern verbinden und eben stark nach Saisonen ausgerichtet sind, nach dem Aufbrauchen sämtlicher Rücklagen vor dem Aus stehen – nur weil die staatlichen Hilfen starr auf ,normale‘ Betriebe ausgerichtet sind.“

Floßfahrten in Corona-Zeiten: Flößereibetrieb Seitner gibt Hoffnung auf Saison 2021 nicht auf

Es bleibt das Prinzip Hoffnung. Hoffnung auf eine Saison 2021, die mindestens besagte 40 Fahrten zulässt. Und die Hoffnung, dass irgendjemand in der Stadt, im Landkreis, vor allem aber Landes- und Bundespolitiker die Notlage der Flößereibetriebe nicht nur bedauernd zur Kenntnis nehmen, „sondern handeln und eine Lösung in den bestehenden Regularien zur Corona-Hilfe finden“, die das Überleben des Jahrhunderte alten Handwerks absichern.

„Wir sind nicht die Lufthansa oder TUI“, sagt Heidl-Seitner. Doch die drei Flößereibetriebe im Landkreis seien ein „Aushängeschild für den Tourismus in der Region“ und Arbeitgeber. Von Ehrentiteln wie „Internationale Flößerstadt“, von polierten Messingplaketten auf dem Wolfratshauser „Walk of Fame“ oder der Tatsache, dass die Passagierfloßfahrten auf Isar und Loisach 2020 als Kulturform im bayerischen Landesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes eingetragen worden sind, „können die Betriebe nichts abbeißen.“

Wie ihr Bruder Anderl, der seit 30 Jahren die Isar hinabfährt, hat auch Monika Heidl-Seitner ein zweites Standbein. Sie arbeitet im Wolfratshauser Rathaus. Doch mit der Flößerei ist sie verwachsen, seit sie denken kann. Dass diese Familientradition endet, will sich die 51-Jährige nicht ausmalen. „Doch wenn es keine Reserven mehr gibt, dann gibt es keine Reserven mehr – dann muss man das Ruder aus der Hand legen und zur Reißleine greifen.“

In Bayern werden die Corona-Regeln gelockert - die Gastronomie bleibt zu. Wirte im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen sind enttäuscht und fordern Planungssicherheit. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen Wolfratshausen-Geretsried-Newsletter.

(cce)

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare