Bürger verärgert

Keine Corona-Erstimpfungen wegen Impfstoffmangel - Landrat bitter enttäuscht: „Verspielen jedes Vertrauen“

  • vonPeter Borchers
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Die Nachricht hat eingeschlagen: Zu wenig Impfstoff - in den nächsten zwei Wochen gibt es im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen keine neuen Erstimpfungen. Der Landrat äußerst sich bitter enttäuscht.

  • In den kommenden 14 Tagen wird es im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen keine Corona-Erstimpfungen geben.
  • Landrat Josef Niedermaier befürchtet einen Vertrauensverlust.
  • In den beiden Impfzentren könnten 600 Personen täglich geimpft werden - wenn genügend Vakzin da wäre.
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Bad Tölz-Wolfratshausen – In den nächsten 14 Tagen werden im Landkreis keine Erstimpfungen möglich sein. Der Grund: Es steht nicht ausreichend Vakzin zur Verfügung. Diese am Montag vom Landratsamt in Bad Tölz verbreitete Nachricht sorgt für Verärgerung. Leser unserer Zeitung melden sich per E-Mail, bitten um eine aufklärende Berichterstattung.

Impfstoffmangel: 14 Tage keine Corona-Erstimpfungen in Bad Tölz-Wolfratshausen - Telefon von Landrat steht nicht mehr still

Die Politik verspreche einen „Impf-turbo“, schreibt ein verständnisloser Geretsrieder, „und dann kommt so eine Pressemitteilung“. Auch in der Behörde selbst, verriet deren Chef Josef Niedermaier am Dienstag auf Nachfrage, „steht das Telefon nicht mehr still“.

Und der Landrat, dem seine Verärgerung und Enttäuschung über die bisher schleppende und pannenbelastete Impfkampagne deutlich anzuhören ist, zeigt Verständnis für die Verstimmung der Bürger. „Viele warten auf die Impfung. So verspielen wir jedes Vertrauen.“ An die hohe Politik gewandt, ergänzt er: „Wenn ich Unsicherheiten habe, darf ich mich nicht so aufplustern.“

„Haben alles verimpft was wir an Vorrat hatten, denn es hieß ja: Nachschub kommt.“ Landrat Josef Niedermaier

Corona-Impfung in Bayern: Vorerst keine Impfungen in Bad Tölz-Wolfratshausen - Landrat verärgert

In dieser Hinsicht habe sich nach dem Führungswechsel im bayerischen Gesundheitsministerium – am 8. Januar hatte Klaus Holetschek Melanie Huml abgelöst – wenig verbessert. „Man hört zwar mehr von ihm, und er ist ansprechbar“, sagt Niedermaier über Holetschek, aber in der Abwicklung habe sich kaum etwas geändert. „Er hat uns am 11. Februar ein Papier geschickt mit der klaren Ansage: ,Jetzt wird Gas gegeben, zur Not auch 24/7.‘

Sprich: Es soll rund um die Uhr geimpft werden.“ Die Frage von Christian Bernreiter, Deggendorfer Landrat und Chef des Bayerischen Landkreistags, ob genügend Impfstoff bereitstehe, habe Holetschek mit einem Ja beantwortet. Sein Bauchgefühl allerdings sei damals schon ein anderes gewesen, erinnert sich Niedermaier. „Ich will kein Besserwisser sein“, so der Landrat, Holetscheks Job sei schwierig, „ich möchte ihn nicht machen“. Aber es diene der Seriosität der Politik, „nicht so auf den Putz zu hauen“.

Corona-Impfung: „Haben auf Geheiß der Politik alles verimpft, was wir an Vorrat hatten, es hieß ja: ‚Nachschub kommt‘“

Im Tölzer Landratsamt hat man alles getan, was von oben verlangt wurde. „Wir sind bereit, könnten in unseren beiden Zentren pro Tag 600 Leute impfen.“ Ziel seien bis zu 1000 Impfungen. „Wir haben auf Geheiß der Politik alles verimpft, was wir an Vorrat hatten, denn es hieß ja: ,Nachschub kommt‘.“

Jetzt werde der Landkreis für seinen Fleiß bestraft, „weil wir mit den uns zugeteilten Liefermengen gerade so die hohe Zahl anstehender Zweitimpfungen abdecken können“. Dafür stünden die nächsten Tage „etwa 1000 Dosen“ bereit. Während der kommenden Wartezeit möchte der 57-Jährige jedoch nicht untätig bleiben, „die Kapazitäten in den Impfzentren nochmals erhöhen“.

Impfstoffmangel: Lehrer auf Priorisierungsliste nach oben gerückt - auch sie können vorerst nicht geimpft werden

Auf die Zuteilung der Impfdosen habe sein Haus keinen Einfluss, betont der Landrat. Das, so ergänzt Florian Streidl von der Führungsgruppe Katastrophenschutz im Landratsamt – er sitzt während des Telefonats neben Niedermaier –, „läuft ausschließlich über die Regierung von Oberbayern“. Dort säßen „die Eliten“, die die Vakzine nach dem Bevölkerungsproporz an die Landkreise ausgeben.

„Erst hat man die Lehrer heißgemacht aufs Impfen. Jetzt wollen sie – und müssen zwei Wochen warten.“ 

Landrat Josef Niedermaier

Lehrer und Kinderbetreuer, mittlerweile auf der Priorisierungsliste nach oben gerückt, müssen sich neben den über 80-Jährigen ebenfalls in Geduld üben. Das sei auch so eine Sache, schimpft Niedermaier, „erst hat man die Lehrer heißgemacht aufs Impfen. Jetzt wollen sie – und müssen zwei Wochen warten.“

Oder vielleicht noch länger? Er lasse sich zu keinerlei Spekulationen mehr hinreißen, sagt der 57-Jährige, „Hoffnungen zu schüren ist meiner Meinung nach höchst unredlich“. Sein Appell: „Auch wenn es uns allen, mich eingeschlossen, schwer fällt, müssen wir uns noch einige Wochen in Geduld üben.“

Corona in Bayern: Impf-Vergleiche mit Großbritannien möchte Landrat vermeiden

Warum in einem für seine gute Organisation bekannten und nicht selten bewunderten Land wie dem unseren die vollmundig propagierte Impfkampagne so schwer ins Rollen kommt, dafür hat Niedermaier „keine Erklärung“. Einen Vergleich mit Großbritannien, wo rund ein Drittel der 66 Millionen Einwohner mittlerweile geimpft ist, lässt der Landrat jedoch auch nicht zu. „Die Briten missbrauchen ihre Leute“, sagt er, es handle sich bei ihnen fast ausschließlich um Erstimpfungen. „Ganz wenige haben dort schon die zweite erhalten.“ Nur mit der aber sei ein ausreichender Schutz vor dem Virus gegeben.

Trotz Corona-Lockdown hat ein Golfplatzbesitzer in Wolfratshausen kürzlich seine Anlage geöffnet. Dafür drohen ihm jetzt Konsequenzen. Und was man bei Erste Hilfe angesichts des grassierenden Coronavirus beachten muss, das erklärt Katrin Jungmeier vom BRK-Kreisverband Bad Tölz-Wolfratshausen.

(peb)

Rubriklistenbild: © Danny Lawson

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