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Corona-Impfung für Kinder sinnvoll? Ärzte gespalten - „Wichtiger wäre, Impflücke zu schließen“

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Von: Melina Staar, Dominik Stallein

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Corona-Impfung
Corona-Impfung bei Kindern: Die EMA hat den Impfstoff freigegeben, im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen wird darüber diskutiert. © Fabian Sommer

Brauchen Kinder eine Corona-Impfung? Die EMA hat das Vakzin freigegeben, die Stiko könnte es bald empfehlen. Impfzentren und Hausärzte ächzen aber jetzt schon unter der Last.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Die Corona-Zahlen sind hoch, die Impfquote laut Experten weiterhin zu niedrig. Jetzt rückt eine Bevölkerungsgruppe in den Fokus, die bislang noch nicht geimpft werden konnte: Die EMA, die Europäische Arzneimittelbehörde, gab Ende vergangener Woche grünes Licht für einen Impfstoff von Biontech/Pfizer, der bei Kindern zwischen fünf und elf Jahren zur Anwendung kommen soll.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat durchblicken lassen, dass die Impfung von Kindern noch in diesem Jahr in Deutschland empfohlen werden könnte.

Corona-Impfung für Kinder: Ärzte gespalten - 2G und Booster schon jetzt eine Belastung

Wegen der Welle an Booster-Impfungen und einer steigenden Impfbereitschaft aufgrund von 2G-Regelungen ächzen Hausärzte und die beiden Impfzentren des Landkreises aber bereits jetzt unter dem großen Andrang. In einigen Praxen bekommen Patienten vor Februar keinen Termin für eine Impfung gegen Covid-19. Der Corona-Koordinator des Landkreises sieht die bevorstehende Empfehlung der Stiko auch aus diesem Grund kritisch.

„Wir verimpfen im Moment schon alles, was die Nadel hergibt“, sagt Dr. Jörg Lohse. Der Münsinger Allgemeinmediziner hält es für schwierig, jetzt eine weitere Bevölkerungsgruppe zu immunisieren: „Es ist schon jetzt nicht einfach, demnächst sollen noch die Kinder dazukommen. Das sorgt für zusätzlichen Stress.“

Dr. Jörg Lohse
„Keep calm and carry on“ - das rät Dr. Jörg Lohse seinen Kollegen. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Die Fünf- bis Elfjährigen sollen zwei Piekse im Abstand von drei Wochen erhalten. „Ich kann mir außerdem vorstellen, dass viele Nachfragen von Eltern kommen und der Beratungsbedarf noch einmal größer wird“, sagt Lohse. Das kann Dr. Tobias Reploh, Kinderarzt in Bad Tölz, bestätigen. „Es gibt vereinzeltes Interesse an der Impfung und viele Nachfragen.“

Ungeimpfte sollen sich impfen lassen - „dann müsste man die Kinder nicht impfen“

Ob der Aufwand tatsächlich nötig wäre, daran hegt Lohse Zweifel. „Wichtiger wäre, die Impflücken bei den Erwachsenen zu schließen. Wenn das passiert, müsste man die Kinder nicht jetzt impfen.“

Genauso sieht das die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). „Die Impfung aller Erwachsenen ist der Weg aus der Pandemie – auch aus Sicht der Kinder und Jugendlichen“, heißt es in einer Mitteilung. Eine Ausnahme gibt es laut Lohse: „Bei Vorerkrankten ist es schon jetzt sinnvoll.“ Gesunde Buben und Mädchen in diesem Alter seien aber keine vulnerable, also für schwere Verläufe anfällige Gruppe.

Für den Mediziner hängt „das Schicksal der Welt gerade nicht an der Kinderimpfung“. Die Erwartungshaltung der Politik, dass Ärzte und Impfzentren diese Aufgabe noch quasi nebenbei übernehmen sollen, stimmt Jörg Lohse „ein bisschen ärgerlich“. Er versucht, es dennoch gelassen zu sehen: „Ich habe den Ärzten in meinem letzten Rundbrief einen Satz geschrieben, der im Moment wichtig ist: keep calm and carry on“, zu deutsch: „Bleibt ruhig und macht weiter.“

Corona-Impfung für Kinder: Im Impfzentrum noch kein Thema - auch Ärzte warten ab

Im Landratsamt sind die Kinder-Impfungen noch kein großes Thema. Michael Heigl, Mitarbeiter der Pressestelle in der Kreisbehörde, sagt auf Nachfrage unserer Zeitung: „Im Moment läuft in dieser Sache noch nichts.“ Er räumt aber ein, dass man sich „Gedanken machen muss, wie die Impfzentren den Zulauf auffangen können, der daraus resultieren könnte“.

Tobias Reploh bittet um Geduld – „es ist noch zu früh, um Genaueres zu sagen“ –und verweist auf die DGKJ. Nach deren Angaben wird bei den Fünf- bis Elfjährigen ein Drittel der Erwachsenendosis verimpft. Um diese Dosis abmessen zu können, werden eigene „Vials“ – das sind die kleinen Gefäße, in denen der Impfstoff abgefüllt wird – benötigt. Genau diese sind aber noch nicht ausgeliefert worden. Die DGKJ empfiehlt daher, diese Auslieferung abzuwarten.

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