Sorgen sich um den Stellenwert der Mittagsbetreuung während der Pandemie: (v. li.) Luise Gams (AWO), Ingrid Antoch (AWO), Sylvia Bogdan (BRK), Helmut Kulla (BRK), Fritz Meixner (KJFV) und Reiner Berchtolf (KVFJ).
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Sorgen sich um den Stellenwert der Mittagsbetreuung während der Pandemie: (v. li.) Luise Gams (AWO), Ingrid Antoch (AWO), Sylvia Bogdan (BRK), Helmut Kulla (BRK), Fritz Meixner (KJFV) und Reiner Berchtolf (KVFJ).

Trägervereine klagen über Benachteiligung

Corona-Stiefkind Mittagsbetreuung

Die Trägervereine der Mittagsbetreuung an den Schulen fühlen sich während der Pandemie alleine gelassen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Eigentlich bedeutet die Mittagsbetreuung für Kinder Freiheit nach dem Unterricht: Hier treffen sie neue Freunde aus anderen Schulklassen, können sich nach stundenlangem Pauken austoben. Eigentlich. Denn derzeit gelten wegen der Corona-Pandemie neue Regelungen. Drei der größten Trägerorganisationen im Landkreis fühlen sich in der Krise ziemliche allein gelassen.

Finanziell, organisatorisch und logistisch sei die Corona-Pandemie ein Riesenaufwand, erklären Vertreter des Kinder- und Jugendfördervereins (KJFV) Wolfratshausen, der AWO und des BRK während einer Pressekonferenz. Ein Aufwand, mit dem die „Stiefkinder“ der Landesregierung, die Mittagsbetreuungen, alleine klarkommen müssen – ohne die Wertschätzung zu erfahren, die vielen anderen Branchen derzeit zuteil wird.

Durch Einrichtungen wie die Mittagsbetreuungen wird überhaupt erst gewährleistet, dass viele Eltern ihren Beruf weiter ausüben können.

Fritz Meixner, Geschäftsführer des Kinder- und Jugendfördervereins Wolfratshausen

„Durch Einrichtungen wie die Mittagsbetreuungen wird überhaupt erst gewährleistet, dass viele Eltern ihren Beruf weiter ausüben können“, erklärt KJFV-Geschäftsführer Fritz Meixner und rechnet vor: 215 Kinder betreut sein Verein in den drei Mittagsbetreuungen in der Loisachstadt, 90 weitere in Münsing. Zusammen mit den Mittagsbetreuungen der AWO – etwa 110 Kinder werden an den Grundschulen Bad Tölz und Gaißach betreut – sowie des Bayerischen Roten Kreuzes – 200 Kinder an vier Standorten in Reichersbeuern, Lenggries, Kochel und Eurasburg – fangen diese drei Trägervereine also über 500 Buben und Mädchen auf. Im gesamten Landkreis werden 1500 Schulkinder in Mittagsbetreuungen versorgt, „das sind 3000 Eltern, die dadurch in die Arbeit gehen können“, ergänzte BRK-Mitarbeiterin Sylvia Bogdain.

Helmut Kulla vermisst trotz dieser Arbeit „eine gewisse Wertschätzung in der öffentlichen Wahrnehmung“. Der Bereichsleiter für soziale Dienste im Landkreis-BRK macht dies nicht nur an der finanziellen Unterstützung für die Mittagsbetreuungen fest, sondern auch daran, wie neue Regelungen über die Einrichtungen gestülpt werden: „Den Sonntag verbringen wir inzwischen damit, nachzulesen, was wir ab Montag wieder machen dürfen und was nicht mehr.“ Dass eine weltweite Pandemie besondere Vorsichtsmaßnahmen mit sich bringt, sei klar, aber ein Teil der Regelungen sei schlicht fernab der Möglichkeiten: „Wir betreuen Kinder aus 13 verschiedenen Klassen in einer Einrichtung. Wir sollen die nicht mehr zusammenbringen, weil die Klassen nicht gemischt werden sollen“, erklärt Kulla. Dafür brauche es also 13 Zimmer für die Mittagsbetreuung. „Nutzen können wir im Moment vier“. Entferntere Klassenräume, Container-Lösungen oder eine Betreuung in anderen Gebäuden seien nicht nur kostspielig, „wir müssten auch einige Mitarbeiter nur dafür abstellen, die Kinder beim Raumwechsel zu begleiten“, ergänzt Bogdain.

Die Buben und Mädchen würden neue Regelungen im Moment zwar noch ganz gut mittragen, „sie kennen es ja aus dem Schulalltag“, sagt AWO-Geschäftsstellenchefin Ingrid Antoch. „Das, was die Arbeit mit den Kindern aber vor der Krise so leicht gemacht hat, fällt weg.“ Statt das ausgelassene Toben verschiedener Altersklassen nach Schulschluss zu betreuen, müssen die Mitarbeiter Ordnungshüter spielen: „Masken, Abstände, keine Gruppenmischungen – momentan sind die Pädagogen fast ausschließlich mit Aufpassen beschäftigt. „Das hat dann für die Kinder nicht mehr viel von der Freiheit, nach der Schule wieder ausgelassen spielen zu dürfen“, urteilt Antoch.

Träger befinden sich mit den Schulen im regen Austausch

Mit den Schulen befinden sich alle drei Träger im regen Austausch. Es gilt, die Regelungen in den Einrichtungen möglichst aufeinander abzustimmen, um den Kindern eine rote Linie vorzugeben, sie nicht am Nachmittag zusätzlich mit neuen Bestimmungen zu verwirren. Nicht zu vergessen: Einige Maßnahmen kosten die Träger Geld. Für diverse Neuanschaffungen, Überstunden, logistische Lösungen oder zusätzliches Personal, das benötigt wird, müssen sie tief in die Tasche greifen. „Wir müssen an die Reserven ran, und das in einer Branche, in der man auch in den letzten Jahren keinen Reichtum ansammeln konnte“, sagt AWO-Vizechefin Luise Gams. Wie Meixner ergänzt, ist die Fördersumme, die von der bayerischen Staatsregierung an die Träger ausgezahlt wird, „seit über 20 Jahren unverändert“, auch wenn Tarifsteigerungen und höhere Kosten aufgefangen werden müssen.

„Wir leben von der Hand in den Mund“, erklärt KJFV-Chef Reiner Berchtold. Bezeichnend für den Stellenwert, den die Mittagsbetreuungen einnehmen, findet er, dass während des ersten Lockdowns die Elternbeiträge für Kindertagesstätten und Hortplätze übernommen wurden – „die Mittagsbetreuungen kamen erst später dazu, weil man sie vergessen hatte“. Wer jetzt, in der zweiten Welle der Pandemie, auf mehr Unterstützung hoffte, wurde enttäuscht. Kulla: „Wir haben nichts mehr bekommen, außer der Info, dass wir Betriebskostenzuschüsse zurückzahlen müssen, wenn sich in der Zwischenzeit Kinder abgemeldet haben.“

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