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„Diese langen Verläufe haben den Teufel gesehen“: Interview mit Corona-Koordinator Dr. Jörg Lohse

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Von: Peter Borchers

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Dank Wiesn, Herbst und Winter: Dr. Jörg Lohse, Hausarzt und Corona-Koordinator des Landkreises, rechnet mit einer neuen Dynamik der Pandemie. Die Wiesn wird stattfinden, und ich bin      danach hoffentlich erholt genug, um viele Hundert Krankschreibungen auszustellen. Dr. Jörg Lohse fürchtet, dass das Oktoberfest zum Super-Spreader wird.
Dank Wiesn, Herbst und Winter: Dr. Jörg Lohse, Hausarzt und Corona-Koordinator des Landkreises, rechnet mit einer neuen Dynamik der Pandemie. Die Wiesn wird stattfinden, und ich bin danach hoffentlich erholt genug, um viele Hundert Krankschreibungen auszustellen. Dr. Jörg Lohse fürchtet, dass das Oktoberfest zum Super-Spreader wird. © sh/Archiv

Kaum einer spricht derzeit über die Pandemie. Dr. Jörg Lohse hält das für gefährlich – und warnt vor einer neuen großen Welle im Herbst.

Bad Tölz-Wolfratshausen/Münsing – Die Fußballstadien sind randvoll, Großkonzerte und Festivals gut besucht, und wer im Supermarkt eine Maske trägt, fühlt sich mittlerweile wie ein Außerirdischer. Die Covid-19-Pandemie scheint in diesen Sommermonaten aus dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend verschwunden zu sein – oder zumindest verdrängt. Dr. Jörg Lohse hält dies für gefährlich. „Bedenklicherweise ist das Laisser-faire bei vielen sehr weit eingerissen“, sagt der erfahrene Münsinger Hausarzt und Corona-Koordinator des Landkreises im Interview mit Redakteur Peter Borchers.

Herr Dr. Lohse, der Ukraine-Krieg, die Energiekrise, die fortschreitende Inflation und die Sehnsucht der Menschen nach sommerlichen Vergnügungen scheinen die Angst vor einer Ansteckung mit Corona überlagert zu haben. Kaum einer trägt Maske, Großveranstaltungen mit Tausenden von Menschen sind an der Tagesordnung. Dabei haben wir weiterhin eine Pandemie. Die Inzidenzen sind hoch, Menschen erkranken schwer, sterben. Wie sehen Sie das als Arzt?

Schaut man nur auf die Inzidenzen, ist die Lage schwierig einzuschätzen. Ich hatte meine ärztlichen Kollegen im jüngsten Rundschreiben darauf hingewiesen, Menschen mit einem positiven Schnelltest und den typischen Symptomen krankzuschreiben und zu isolieren. Dazu braucht es nicht das Gesundheitsamt und einen PCR-Test, das kostet alles Ressourcen und Geld. Die Leute sind ja nicht dumm und wissen inzwischen sehr gut, was im Falle einer Ansteckung angesagt ist. Aus diesem Grund bin ich mir sicher, dass das Absinken der Inzidenz in unserem Landkreis nicht mit der Realität Schritt hält.

Es sind also viel mehr Leute krank, als es uns die Zahlen weismachen?

Bei Weitem. Das kann ich aus meiner eigenen Praxis bestätigen. Als nur wenige Menschen betroffen waren, haben wir fieberhaft nach Ansteckungsketten und Infektionsherden gesucht. Jetzt haben wir links und rechts, oben und unten Infekte, ein Massenphänomen. Man muss dann schon sehr aufpassen, dass man aus dem Alarmismus heraus- und zur Normalität zurückfindet. Normalität klingt ein wenig seltsam in diesem Zusammenhang, aber Corona ist halt gerade eine Norm.

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Corona: „Momentan liegt sehr, sehr viel in der Eigenverantwortung“

Es drängt sich jedoch der Eindruck auf, dass die meisten Menschen die Pandemie aktuell ein wenig zu normal sehen, sich wenig um sie scheren. Es herrscht eine Art Laisser-faire-Stimmung...

...und die halte ich für ziemlich gefährlich. Gerade eben waren meine Frau und ich einkaufen und wir waren beinahe die Einzigen, die Masken trugen. Ich kenne nicht den persönlichen Hintergrund jedes Einzelnen. Der eine oder andere hat vielleicht gerade Corona gehabt und hält sich für unverwundbar, weil voller Antikörper. Momentan liegt sehr, sehr viel in der Eigenverantwortung. Bedenklicherweise ist das Laisser-faire bei vielen sehr weit eingerissen, sodass es schon an eine gefährliche Verdrängung grenzt. Auf der anderen Seite müssen wir auch Wege suchen, um aus dieser Katastrophen-Grundstimmung herauszukommen. Es ist eine schwierige Gratwanderung.

Auf der sich die Menschen sehr unterschiedlich bewegen.

Richtig. Die einen verdrängen wie wild, weil sie nur noch wenig von Corona hören und lesen. Die anderen sind vorsichtig. Ich persönlich zähle mich zu den entspannten Achtsamen. Ich treffe mich gerne mit Leuten, ratsche auch am Gartenzaun. Doch werden Situationen unübersichtlich, ziehe ich eine Maske an. Die trage ich grundsätzlich in Geschäften, denn ich weiß nicht, was mich dort erwartet und wer zuvor die Luft vollgeblasen hat. Kürzlich habe ich übrigens eine Einladung in eine Box in Zelt auf der Wiesn erhalten. Ich habe natürlich abgelehnt.

Stichwort Wiesn: Glauben sie, dass sie stattfindet? Und falls ja: Muss dieses potenzielle Superspreader-Event nicht in einer Katastrophe münden?

In meinen Augen ist das völliger Irrsinn. Es gibt Prognosen von Spezialisten – ich bin ja nur ein einfacher Mensch –, die besagen, dass es danach erst richtig losgeht. Es werden Menschen aus der ganzen Welt nach München kommen, einen besseren Melting Pot gibt es nicht. Und niemand wird dort mit Maske feiern. Das funktioniert nicht. Aber der Dampfer ist leider schon losgefahren. Die Wiesn wird stattfinden, und ich bin danach hoffentlich erholt genug, um viele Hundert Krankschreibungen auszustellen.

Sie fürchten eine Riesenwelle, quasi einen Corona-Tsunami?

Die Wiesn wird es beschleunigen, aber alleine schon durch den kommenden Herbst und Winter wird die Dynamik steigen – soweit bin ich mit sicher. Das gesamte Land könnte in eine Funktionsstörung schlittern durch den massenhaften krankheitsbedingten Ausfall von Arbeitskräften – angefangen vom Monteur am Band bei VW über die Kinderbetreuerinnen, die Klinikmitarbeiter, das Personal im Einzelhandel bis hin zum Pflege- und Rettungsdienst. Das ist das eine. Zweitens setzt die Tatsache, dass man nach einer Infektion nur noch fünf Tage in Quarantäne muss, das falsche Signal, dass man danach sofort wieder fit ist. Dann fängt man zu früh mit dem Sport an, glaubt, dass man wieder gesund ist. In Österreich ist die Quarantäne schon aufgehoben, dort darf man als Infizierter sogar arbeiten gehen. Das hat nichts mehr mit einem entspannten Umgang mit Corona zu tun. Das ist völlige Verdrängung oder Verniedlichung und absolut fahrlässig. Covid-19 ist keine Influenza. Davon habe ich im Jahr vielleicht 50 Fälle in meiner Praxis. Bei Corona kann ich den Faktor 20 dahinter hängen. Und das dritte Thema ist Post oder Long Covid.

„Diese langen Verläufe haben den Teufel gesehen“: Lohse mit Beispiel

Darüber hat das Institut für Allgemeinmedizin am Klinikum rechts der Isar der TU München gemeinsam mit dem Tölzer Gesundheitsamt und Ihnen ja eine Studie erstellt.

Ich habe junge Patienten mit der relativ milden Omikron-Mutation, die darunter leiden. Eine Person, Mitte 20, ist sportlich, dynamisch, fit wie ein Turnschuh gewesen, dazu dreifach geimpft. Nach einer Infektion im Frühling ist dieser junge Mensch jetzt immer noch nicht im Ansatz auf seinem vorherigen Leistungsniveau. Es ist wie bei einem defekten Akku: Man fühlt sich erholt, macht eine halbe Stunde Sport, muss dann abbrechen und bitter dafür bezahlen, indem man zwei Tage flach liegt. Oder man arbeitet bei einer Wiedereingliederung vier Stunden, und der Rest des Tages und auch das Wochenende sind gelaufen. Der Versuch, von vier auf fünf Stunden zu erhöhen, führt zum Abbruch des Wiedereingliederungsprozesses.

Eine enorme Belastung für den Betreffenden.

Ja, psychisch wie körperlich. Niemand weiß derzeit, wie es für ihn nächstes Jahr sein wird. Wir wissen auch nicht, was dies für den Arbeitgeber bedeutet. Diese langen Verläufe haben den Teufel gesehen.

Verschiedene Medien berichteten zuletzt, dass für Long-Covid-Patienten viel zu wenige Reha-Plätze bereitstehen, sie deshalb bis zu neun Monate lang auf eine Therapie warten müssen.

Bei dieser Aussage bin ich vorsichtig. In unserer Landkreisstudie haben wir detailliert die Symptommuster der Patienten abgefragt. Es hat sich herausgestellt, dass es unterschiedliche Cluster von Symptomgruppen gibt. Eins ist das psychosomatische: Der Patient ist nah am Wasser gebaut, wird von Albträumen geplagt, leidet unter Zukunftsängsten und unter Panikattacken, ist motivations- und antriebslos. Ein anderes Cluster ist, wie vorhin schon angesprochen, das Fatigue-Syndrom mit den massiven Erschöpfungszuständen. Dann gibt es die neurologischen Symptome. Eine meiner Patientinnen ist kein bisschen depressiv, hat aber große Probleme mit dem Lesen. Mehr als fünf Minuten sind ihr nicht möglich. Sie trainiert gerade das verloren gegangene Gedächtnis mit Kinderpuzzles. Ein weiteres Symptomcluster sind Herz und Lunge: Die Leute bekommen sehr schwer Luft. Teilweise überschneiden sich diese Cluster auch bei Patienten. Was ich damit sagen möchte: Long Covid ist nicht Long Covid. Dementsprechend schwierig ist eine gezielte Behandlung. In den Reha-Kliniken läuft – mit lobenswerten Ausnahmen – oft ein Standardprogramm: ein bisschen Bewegung, eine Gesprächstherapie, ein bisschen Selbsthilfegruppe, aber alles nicht sehr gezielt und leider auch wenig erfolgreich. Langfristig, denn da haben wir noch viel Arbeit vor uns, müssen wir versuchen, sehr viel differenzierter zu behandeln.

Impfung bietet Schutz – zumindest vor schweren Verläufen

Schutz, zumindest vor schweren Krankheitsverläufen, kann eine Impfung bieten. Im Landkreis lag die Quote der vollständig Geimpften Ende Juli bei knapp 66 Prozent. Andererseits lässt der versprochene, an die neuen Varianten angepasste Impfstoff weiterhin auf sich warten.

Frage ich bei Biontech nach, wann ihr neues Vakzin kommt, erhalte als Antwort, dass sie mir das nicht sagen dürfen, weil sie ein Aktienunternehmen sind. Für mich ist das indiskutabel. Dem Hörensagen nach soll Moderna Ende August in zwei Varianten auf den Markt kommen. Novavax kündigt sein neues Vakzin für den Herbst an, wann immer das auch sein soll.

Könnte es sein, dass bis dahin bereits wieder mutierte Virusvarianten im Umlauf sind gegen die selbst die angepassten Impfstoffe weniger gut wirken?

Davor warnen die Virologen, die offensichtlich immer etwas Neues sagen müssen. Solche Aussagen nerven mich. Dass Wirkungen von Impfstoffen nachlassen und sie deshalb an Mutationen angepasst werden müssen, ist so, seitdem es sie gibt. Das kennen wir von der Influenza. Hintergrund solcher Aussagen sind wohl neue Mutationen in anderen Teilen der Welt, gegen die die Vakzine weniger gut helfen sollen. Aber bei uns tobt halt gerade noch die Omikron-Variante.

Was empfehlen Sie Ihren Patienten also?

Sobald der neue Impfstoff da ist, werde ich ihn propagieren. Denn eins ist ganz sicher: Eine Infektion mit Omikron birgt keinen Schutz davor, drei Monate später nicht erneut daran zu erkranken. Gesunden Menschen mit vollem Impfschutz würde ich raten, abzuwarten, bis das neue, omikron-adaptierte Vakzin auf dem Markt ist und sich damit impfen zu lassen. Risikopatienten sollten maximal bis Anfang September warten. Gibt es bis dahin nichts Neues, sollten sie sich den vorhandenen Impfstoff spritzen lassen. Hochbetagte habe ich auch schon in den letzten Wochen geimpft, die Nachfrage ist tatsächlich wieder ein bisschen stärker geworden.

Impfgegner argumentieren immer noch gerne damit, dass sogar dreimal Geimpfte erkranken.

Ja, das ist leider so. Meine Frau und ich sind dreimal mit Biontech geimpft – und beide haben wir Corona bekommen. Der Verlauf war aber sehr mild. Auch der von mir geschilderte Long-Covid-Fall ist dreifach geimpft. Eine Gewähr gibt es nicht. Allerdings landen wir nicht auf Intensivstationen, und wir sterben auch nicht. Klare, sehr harte Studien belegen eindeutig, dass Geimpfte sehr viel seltener intensivmedizinisch betreut werden müssen. Sich nicht ein viertes Mal impfen zu lassen, weil man trotz der dritten Spritze an Corona erkrankt ist, halte ich schlicht für fahrlässig.

Letzte Frage: Anfang August sind mit zwei jungen Spaniern nun auch die ersten Europäer an den Affenpocken gestorben. Müssen wir uns schon auf die nächste Pandemie einstellen, da wir noch mitten in der ersten sind?

Ich glaube nicht, dass es gefährlich für die Allgemeinheit wird. Möglicherweise ist die Infektion mit Affenpocken eine Gefahr für Risikogruppen, offenbar aber ein dankbares Thema für bestimmte Medien.

(peb)

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