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Bedrohliche Lage: Die Corona-Pandemie bringt Betroffene, Behörden und Politik auch im Landkreis in eine völlig neue Situation, mit der alle Beteiligten erst einmal umzugehen lernen müssen.

Corona-Krise

Pandemische Ratlosigkeit: Bürger verzweifeln an Corona-Anlaufstellen - drei Menschen berichten

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  • Peter Borchers
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Drei Fälle aus dem Landkreis zeigen, wie schwer sich Bürger und Gesundheitsbehörde mit der Situation tun. 

Bad Tölz-Wolfratshausen – Was die fröhliche Familienfeier für Folgen haben würde, konnte am Freitag vor zwei Wochen niemand ahnen. „Wir waren gemeinsam essen, haben uns auch umarmt, es war so herzlich, wie es in einer Familie mit kroatischen Wurzeln halt zugeht“, erzählt die Geretsriederin Susanne P. (alle Namen geändert). Tobias, der Freund ihrer Nichte Melanie, fehlte allerdings, weil er sich an diesem Tag nicht wohl fühlte – er klagte über Schnupfen und Fieber.

Am Montag darauf wurde es dem jungen Mann unheimlich, er ließ sich auf eigene Kosten auf das Coronavirus testen – auch, weil er ein paar Tage später zu einer Feier eingeladen war. Am vergangenen Mittwoch erhielt Tobias das Ergebnis: positiv. Melanies Mutter informierte daraufhin telefonisch alle Gäste der Feier. Auch Susanne P. war es nun mulmig zumute: „Meine Nichte saß direkt neben mir und meiner Tochter Katharina. Und ich glaube, Kathi hat sogar von Melanies Nachtisch genascht.“ Von ihrer Schwägerin erfuhr die 53-Jährige wenig später, dass sich Ärzte bald auf den Weg zu Melanie machen würden, um sie zu testen.

Die 22-Jährige hatte sich mittlerweile auf Geheiß des Gesundheitsamts gemeinsam mit ihrem an Covid-19 erkrankten Freund Tobias einkaserniert – in dessen Eineinhalb-Zimmer-Wohnung. Sollte auch sie positiv sein, müssten alle Gäste der Feier getestet werden. Bis dahin, so P., hieß es aus der Behörde, „sollten alle aufpassen, mit wem Sie sich treffen oder wohin sie gehen“. Von einer freiwilligen Quarantäne sei nicht die Rede gewesen.

Verwirrende Auskunft aus dem Amt

Susanne P. rief selbst im Gesundheitsamt an – und bekam wenig zielführende Angaben zu hören. „Ich wollte wissen, was zu tun ist.“ Die 18-jährige Katharina  habe beruflich auch mit älteren Menschen direkten Kontakt, „und sie saß während der Feier ja direkt neben Melanie“. Eine gestresste Dame am anderen Ende der Leitung habe abgewiegelt: Es sei alles nicht so schlimm. Wenn sich Melanie am Freitag erst bei Tobias angesteckt habe, könnten sich die Gäste der Feier nicht auch am Freitag schon bei ihr angesteckt haben. „Inzwischen hieß es aber schon, man könne sich bereits zwei, drei Tage vor dem Auftreten der Symptome bei jemanden anstecken“, sagt P.. „Ich habe der Dame – ich weiß nicht, ob das eine Ärztin war – noch ein paar Fragen gestellt, beispielsweise ob wir, obwohl ohne Symptome, das Virus schon in uns haben und weitertragen könnten. Sie würgte mich aber recht schnell ab, weil sie, so sagte sie, viele andere Anrufer in der Leitung habe.“

Susanne P. entschied schließlich selbst, ihre Tochter nicht mehr zur Arbeit gehen zu lassen – und traf auf einen sehr verständnisvollen Chef. „Das Risiko war mir einfach zu hoch. Ich kann wenigstens sagen, dass meine Tochter niemanden angesteckt hat, das beruhigt mich.“

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Freitagfrüh bekam P.’s Schwägerin Fieber. Deren Tochter Melanie zeigte grippeähnliche Symptome: Schnupfen, Gliederschmerzen, leichtes Fieber – aber keinen Husten. Beide halten sich aktuell isoliert in eigenen Zimmern auf. Nun rief die Schwägerin beim Gesundheitsamt an. Sie war besorgt, wollte sich testen lassen, weil sie sich auch um ihre lungenkranke Mutter kümmert. Auskunft von der Behörde: Test nicht möglich, wir haben keine Röhrchen mehr.

Am selben Tag jedoch machte sich ein Trupp des Gesundheitsamts auf zur Wohnung von Melanie und Tobias. Denkt Susanne P. an diesen gespenstischen Auftritt, einer Szene aus dem Katastrophen-Thriller „Outbreak“ gleich, „stellt es mir jetzt noch die Haare auf“. Die Männer „haben fünf Minuten vorher bei Tobi und Melanie angerufen und gesagt, sie sollen alle Fenster aufreißen und durchlüften.

Dann kamen sie rein in Schutzanzügen mit Masken und Brille, „steckten ihr dieses Stäbchen in den Rachen, wünschten gute Besserung und gingen wieder.“ Wie solle man sich da noch gut fühlen, fragt die Geretsriederin: „Ich saß zwei Stunden neben Melanie, und die kommen in voller Montur. Das zeigt doch schon, wie hoch ansteckend das Virus ist.“

Melanies Testergebnis liegt auch vier Tage später noch nicht vor: „Bis heute weiß das Mädel nicht, ob es positiv ist“, ärgerte sich P. am Dienstagabend. Von einem Bekannten, ein Handwerker mit häufigem Kundenkontakt, hörte sie dagegen, dass dessen Hausärztin ihn auf seine Kosten in ihrer Praxis vorsorglich und zügig auf Corona testete. „Das widerspricht sich doch alles“, findet die 53-Jährige und wirft der Kreisbehörde mangelndes Krisenmanagement vor. „Die Menschen werden allein gelassen. Warum braucht das Gesundheitsamt ewig zum Testen? Warum testen manche Ärzte Menschen ohne Symptome nicht, andere aber schon?“

Warum, fragt Susanne P. weiter, hätten die Behörden im Landkreis nicht schon am Mittwoch, als Tobias getestet wurde, einfach gesagt, dass die 20, 30, 40 Leute, die Kontakt mit ihm hatten, unbedingt zu Hause bleiben sollen, bis alle getestet sind? In den Nachbar-Landkreisen habe es zu diesem Zeitpunkt „doch schon gebrannt“. Auch habe man von der dramatischen Entwicklung in Italien gewusst. „Kein Wunder“, echauffiert sich P., „dass wir in dieser Krise jetzt dort stehen, wo wir sind.“

Eine Familie aus Benediktbeuern fühlt sich in diesen Tagen vom Gesundheitsamt ebenfalls alleine gelassen. Ein 30-Jähriger aus Benediktbeuern war vorletztes Wochenende mit acht Freunden ein Wochenende in Österreich. 

Kein Durchkommen beim ärztlichen Bereitschaftsdienst

Mittlerweile sind zwei Personen aus der Gruppe nachweislich an Corona erkrankt. Bis zu dieser Diagnose am vergangenen Freitag hatte der 30-Jährige engen Kontakt mit der Familie seines Bruders. Selbst hat er bislang keine Symptome und befindet sich derzeit freiwillig in Quarantäne. Doch seit dem vergangenen Wochenende zeigen seine Schwägerin (39) und die kleine Tochter (zweieinhalb Jahre) Corona-Symptome. Der 30-Jährige rief am Samstag beim Bürgertelefon im Landratsamt an. Er wollte sich umgehend testen lassen. „Doch dort hieß es, wenn ich keine Symptome habe, solle ich zu Hause bleiben und wenn es schlechter wird, den ärztlichen Bereitschaftsdienst anrufen“, berichtet er. „Doch dort war am Wochenende überhaupt kein Durchkommen.“ Erst jetzt konnte der Benediktbeurer bei seiner Hausärztin getestet werden. Er hofft, dass das Ergebnis so schnell wie möglich vorliegt. „Es ist schon sehr belastend alles.“

Auch seine Schwägerin (39) fühlt sich hilflos. Sie rief zuerst beim Kinderarzt an. „Der sagte, ich soll mich ans Gesundheitsamt wenden.“ Dort wurde ihr dann gesagt, dass sie und das Kind nicht als unmittelbare Kontaktpersonen gelten, weil es ja beim Schwager nicht nachgewiesen sei. Auch die 39-Jährige wurde gebeten, sich beim ärztlichen Bereitschaftsdienst zu melden. Als sie dort Stunden später endlich durchkam, wurde ihr mitgeteilt, dass man nur Rückkehrer aus Risikogebieten untersuche sowie Menschen, die mit nachweislich Erkrankten Kontakt hatten. „Aber das ist ja genau das Problem“, sagt die 39-Jährige verzweifelt. Die Familie berichtet von Fällen aus dem Bekanntenkreis in Weilheim, wo das Gesundheitsamt viel schneller reagiert habe und Verdachtsfälle sogar an einem Sonntag testete.

Eine Tölzerin ist wegen der schleppenden Hilfe ebenfalls verzweifelt. Die Frau, über 60 Jahre alt und damit „in der Risikogruppe“, klagte nach der Rückkehr aus ihrem Skiurlaub im Corona-Hotspot Ischgl am 4. März über Halskratzen, Husten und Kopfschmerzen. Am Montag, 9. März, erfuhr sie, dass ein Mitreisender aus ihrer Gruppe positiv getestet worden ist, später noch ein weiterer. Bis Mittwoch versuchte die Frau mit Anrufen unter der Hotline 116 117 und beim Gesundheitsamt zu erfahren, was zu tun ist – vergeblich. Erst als ihr Mann zum Amt gefahren sei, habe man reagiert. Nachmittags sei schließlich ein Arzt gekommen und habe sie getestet.

„Seit Freitag rufe ich täglich im Gesundheitsamt an, ohne eine Information zu bekommen, ob ich positiv oder negativ bin“, erzählt die Frau. Die Labore seien überlastet, sage man ihr. Am Montag habe sie nach vielen Versuchen endlich eine Ärztin im Amt erreicht. Von ihr erfuhr sie, „ich könnte mich ab Mittwoch wieder ganz normal verhalten, da es sein kann, dass der Befund vielleicht erst in drei Wochen kommt“, so die Tölzerin. Auf ihren Einwand, warum ihre Bekannten, die nach ihr getestet worden waren, ihr Ergebnis innerhalb von 48 Stunden bekommen hätten, wusste die Ärztin keine Antwort.

Zuständigkeiten werden hin und her geschoben 

Später „wurde ich doch einmal vom Gesundheitsamt zurückgerufen und gefragt, womit man mir helfen kann“. Sie habe der Dame ihren Fall geschildert. Die habe ihr empfohlen, direkt den Arzt zu kontaktieren, der den Abstrich gemacht hat. „Das habe ich getan, und mir wurde gesagt, ich solle beim Gesundheitsamt anrufen, die wären dafür zuständig.“ Die Tölzerin ist ratlos: „Ich weiß nicht, ob ich eine Ausnahme bin, aber wenn es bei anderen auch so ist, ist es nicht verwunderlich, wenn sich Corona so ausbreitet.“ Sie habe sich selbst seit dem 9. März jedenfalls häusliche Quarantäne verordnet, „da ich auf keinen Fall das Risiko eingehen möchte, jemanden zu infizieren. Aber es wäre beruhigend zu wissen, ob ich positiv oder negativ bin.“ Bis Mittwoch hatte sie darauf keine Antwort.

Das sagt das Gesundheitsamt Bad Tölz-Wolfratshausen dazu

Unsere Zeitung hat das Gesundheitsamt mit den Vorwürfen konfrontiert. Die Fälle würden zeigen, sagt Amtsleiter Dr. Stephan Gebrande, „wie schwierig es ist, den Bürgerinnen und Bürgern die Vorgehensweise verständlich zu machen, weil sie sehr komplex ist“. Man müsse unterscheiden zwischen bestätigten Fällen, begründeten Verdachtsfällen sowie Kontaktpersonen der Kategorie 1 (enger Kontakt), Kategorie 2 (geringeres Infektionsrisiko) und Kategorie 3 (ausschließlich medizinisches Personal). Die ausführlichen Kriterien sind nachzulesen auf der Website des Robert-Koch-Instituts. www.rki.de. Alle diese Gruppen unterliegen einem unterschiedlichen Betreuungs- beziehungsweise Behandlungsregime. „Prinzipiell ist es so, dass Personen mit Krankheitszeichen zunächst immer vom niedergelassenen Arzt zu sehen und zu behandeln sind“, so der Chef des Tölzer Gesundheitsamts. Dieser solle anhand der Symptome und der Feststellung, ob sich der Patient in einem Risikogebiet befunden oder Kontakt zu einem bestätigten Fall von Covid-19 hatte, klären, ob eine Untersuchung auf das neuartige Coronavirus nötig ist. „Die Feststellung eines begründeten Verdachts ist nicht Aufgabe des Gesundheitsamtes, sondern der niedergelassenen Kollegen“, so Gebrande. Erst bei einem positiven Test würde seine Behörde tätig. „Wird die positiv getestete Person an das Gesundheitsamt gemeldet, werden sofort umgehend Kontaktnachverfolgungen durchgeführt.“ Dabei werde festgelegt, wie intensiv andere Personen mit dem Erkrankten Kontakt hatten, und danach würden sie in eine von drei Kategorien eingeordnet. Die in Kategorie 1 befindlichen Kontaktpersonen müssen, die in Kategorie 2 sollen sich häuslicher Quarantäne unterziehen. „Personen der Kategorie 1 werden bis zum 14. Tag nach dem letzten Kontakt mit dem bestätigten Fall bezüglich ihrer Gesundheit überwacht“, so Gebrande. Obwohl es sich bei diesen Kontaktpersonen um solche ohne Symptome handle, würden von ihnen in Bayern trotzdem Abstriche zur Testung auf SARS-CoV-2 durchgeführt. Der Amtsleiter räumt ein, „dass wir aufgrund kurzzeitig fehlender Ressourcen die Abstriche nicht bei allen Kontaktpersonen der Kategorie 1 durchführen konnten“. Bei den Recherchen erlebten er und seine Mitarbeiter aber „sehr oft“, dass die Bürger die unterschiedlichen Konstellationen und Begrifflichkeiten durcheinanderbringen würden. Es stelle sich auf Nachfrage „zum Beispiel heraus, dass ein angeblicher begründeter Verdachtsfall nie mit einer anderen erkrankten Person in Kontakt war oder sich nicht in einem Risikogebiet befunden hat. In Wirklichkeit hatten sie sich nur mit Personen getroffen, die wiederum Kontaktpersonen von nachgewiesenen Fällen waren, und somit gar nicht in die Überwachung mussten.“

peb, müh

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