Jäger Markus Binar auf einem vom Hagelschlag durchlöcherten Hochstand
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Durchlöchert: Jäger Markus Binar auf einem Hochsitz in seinem Revier in Höhenrain. Der Ort war stark vom Hagel betroffen.

Jäger sprechen von Katastrophe

Der unbemerkte Tod: Viele Wildtiere sterben im Hagelunwetter

  • VonPeter Borchers
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Nicht nur Gebäude und Autos hat das Unwetter im Juni zerstört. Nach und nach zeigen sich auch die Folgen des brutalen Hagelschlags in der Tierwelt.

Wolfratshausen – Jakob stand voll im Saft und hatte sicher noch ein paar schöne Jahre vor sich auf Gut Meilenberg. Dann kam der Hagel. In einer Heftigkeit, wie sie Markus Fagner selten erlebt hat. „Danach lagen auf einer Fläche von vielleicht 30 mal 30 Zentimeter 20 bis 30 tischtennisgroße Hagelkörner auf dem Boden“, sagt der Gutseigentümer. Eines davon erschlug den armen Jakob. Er hatte es nicht schnell genug in den sicheren Unterstand geschafft.

Das Schicksal des Schafbocks steht stellvertretend für jenes vieler Wildtiere, die das gigantische Unwetter zwischen Wolfratshausen, Icking und dem Starnberger See Mitte/Ende Juni nicht überlebt haben. Fagner ist auch Jäger. In seinem Revier fand er kürzlich ein Schmalreh, wie die Waidmänner ein Tier im zweiten Lebensjahr nennen, das erschlagen auf einer Wiese lag. „Der Hagel hat mit Sicherheit auch einige Geißen getötet“, glaubt der 60-Jährige, und jetzt liefen deren Kitze führungslos herum. Manche würden sich in ihrer Not Rehböcken anschließen. Letztere spielen laut Fagner „ganz unwaidmännisch gesagt nun den Kindergartenonkel“.

Markus Fagner, Jäger und Gutsbesitzer

Ähnliche Erfahrungen macht derzeit Markus Binar. „Es ist, beispielsweise nach Verkehrsunfällen, oft so, dass mutterlose Kitze die Gesellschaft von Böcken suchen. Die nehmen die Jungen dann unbewusst zu ihren Fraßplätzen mit.“ Der Wolfratshauser Friseurmeister ist seit 30 Jahren Jäger, Markus Fagner hatte ihn einst an das Thema Jagd herangeführt. Auf seinen ersten postapokalyptischen Streifzügen durch sein rund 550 Quadratmeter großes Revier – es liegt im vom Hagel stark betroffenen Höhenrain – fand Binar vier erschlagene Kitze und eine tote Geiß. Ganz besonders aber berührt den 50-Jährigen das entsetzliche Los eines Rehbocks, den er und sein Sohn rund zwei Wochen nach dem Unwetter entdeckten. Dass mit ihm etwas nicht stimmte, ließ sich von Weitem an einem seltsam herabhängenden Ohr erkennen. Der Blick durchs Fernglas zeigte die ganze Grausamkeit: Der Hagel hatte eine Gesichtshälfte des Tieres komplett zerschmettert. „Die war nur noch Matsch. Der Bock muss tagelang unglaubliche Schmerzen gehabt haben.“ Ein Fangschuss aus Binars Gewehr erlöste das Tier von seinem Leiden. Mit welch enormer Wucht die Eisklumpen auf Flora und Fauna eingedroschen haben müssen, sieht man auch an den Kanzeln und Futterkrippen: In deren Dächern klaffen viele Löcher.

Der Bock muss tagelang unglaubliche Schmerzen gehabt haben.

Markus Binar

Aufmerksamen Waldspaziergängern wird zudem die gespenstische Stille innerhalb der Hagelschneise auffallen. Kaum eine Amsel flötet, kein Specht hämmert mit seinem Schnabel ins Holz. Die eisigen Geschosse haben die Population an Singvögeln massiv reduziert, darin sind sich die beiden Jäger einig. Fagner hatte in den vergangenen Jahren „eifrig Vogelkästen aufgehängt, die vor allem die Stare sehr gut angenommen haben. Doch jetzt sind keine Stare mehr da.“ Einzig die Schwalben seien clever genug gewesen und hätten rechtzeitig in den Stallungen des Gutes Zuflucht gesucht.

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Binar vermisst ebenfalls Amseln, Raben, Eichelhäher, Buntspechte und Stare. An dem kleinen Weiher in seinem Revier tummeln sich normalerweise auch 20 bis 30 Enten, aktuell „sind es vielleicht vier oder fünf“. Wo viele der Vögel abgeblieben sind, ahnt der 50-Jährige. „Man muss nur zu den Fuchsbauten gehen. Davor liegen die ganzen Knochen.“ Kleine Räuber wie Meister Reineke und Dachse lebten in den ersten Tagen nach dem Unwetter wie im Schlaraffenland, die Beute wurde ihnen quasi mundgerecht serviert. „So haben wenigstens die etwas von dieser Katastrophe“, sagt Binar. Für ihn ist es das erste Mal, das er so etwas erlebt, „aber aus Erzählungen alter Jäger weiß ich, dass es etwas in dieser Art schon in den 1950er und 80er Jahren gegeben hat“.

Der Jäger weist auf eine weitere Crux hin: Es habe nicht nur Rehe und Vögel erwischt, sondern sicher auch Kleintiere wie Hasen und Marder, die nun verendet in den Wiesen liegen. Für die Landwirte sei das ein „Riesenproblem“, sobald sie das Gras schneiden. „Nur ein paar Reste eines Kadavers, und ein 600-Kilo-Heulageballen ist unbrauchbar“.

Dass viele Menschen von all dem nichts mitbekommen, stimmt Markus Fagner nachdenklich. In Städten wie Wolfratshausen und Geretsried sehe man vor allem die Schäden an Gebäuden und Fahrzeugen, „wie sehr aber die Tierwelt gelitten hat, nehmen große Teil der Öffentlichkeit leider nicht wahr“.

peb

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