Ernst Wiechert, Dichter und Schriftsteller, Briefmarke
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Die Deutsche Post widmete Ernst Wiechert im Jahr 2000 eine Briefmarke

Ernst Wiechert starb vor 70 Jahren

Der vergessene Kultautor: Spurensuche in Wolfratshausen

  • Volker Ufertinger
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Ernst Wiechert gehörte zu den meist gelesenen Autoren in Deutschland. Von 1936 bis 1948 lebte und arbeitete er in Wolfratshausen - an dem Weg, der heute seinen Namen trägt.

Wolfratshausen – 2020 jährt sich der Todestag des Dichters Ernst Wiechert zum 70. Mal. Am 24. August 1950 erlag er im Schweizer Exil im Alter von 63 Jahren einer langwierigen Krankheit. So unbekannt der gebürtige Ostpreuße heute sein mag: Damals gehörte er zu den meist gelesenen deutschen Autoren überhaupt. Zwölf Jahre, von 1936 bis 1948, verbrachte er in Wolfratshausen und schrieb oben am Bergwald – in der Straße, die heute seinen Namen trägt – Buch um Buch. Es war für ihn ein aufwühlendes Jahrzehnt: In der NS-Zeit schikanierten ihn die Nazis, weil er partout nicht auf Linie zu bringen war. In den Jahren nach dem Krieg entzündeten sich viele Diskussion an ihm und seiner – angeblich – veralteten Kunstauffassung.

Ernst Wiechert kommt 1887 in Kleinort in den masurischen Wäldern als Sohn eines Försters auf die Welt. Er studiert in Königsberg und wird Lehrer, erst in Königsberg, dann in Berlin. Seine frühen Romane „Der Wald“ (1922) und „Der Totenwolf“ (1924) spielen mit völkischem Gedankengut, die Nazis spekulieren darauf, ihn auf ihre Seite zu ziehen.

Ernst Wiechert in Wolfratshausen

In seiner Wahlheimat Wolfratshausen ist Ernst Wiechert keineswegs vergessen. Die Straße, an der der Gagerthof am Bergwald stand, trägt seinen Namen, und vor dem Heimatmuseum steht eine Büste des Dichters. Das Archiv der Stadt verfügt über Werke von ihm und einen Sammelakt, der vermutlich Zeitungsartikel enthält. Lieferbar sind derzeit mehrere Bücher, nämlich „Die Magd des Jürgen Doskocil“ (1932), „Die Majorin“ (1934), „Wälder und Menschen“ (Jugenderinnerungen, 1936) sowie Band 1 und 2 der „Jerominkinder“ (1945 bis 1947). 2021 bringt Suhrkamp den „Totenwald“ (1946) neu heraus. Seit 1989 erforscht die Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft Leben und Werk. In Polen ist Wiechert mit zahlreichen Übersetzungen präsent. Als völkerverbindender masurischer Autor gehört er zum polnischen Kulturerbe.

Persönlich hat Wiechert Schicksalsschläge zu verkraften: Wie schon seine Mutter 1912 nimmt sich auch seine erste Ehefrau Meta 1929 das Leben. 1917 stirbt sein einziges Kind, es wird nur einen Tag alt. Mit der Umsiedlung nach Bayern – erst Ambach, dann Wolfratshausen – ist sein Entschluss verknüpft, nicht mehr als Lehrer zu arbeiten. Er wagt einen Neuanfang als freier Schriftsteller.

Die Zeiten sind gefährlich, die soeben an die Macht gekommen Nazis wachen mit Argusaugen über alles, was publiziert wird. Wiechert, der inzwischen einem christlichen Humanismus anhängt, widersetzt sich. Er hält 1935 nicht nur an der Münchner Universität eine kritische Rede unter dem Titel „Der Dichter und die Zeit“. Er weigert sich auch, an den Wahlen zum Anschluss Österreichs teilzunehmen.

Damit fällt Wiechert endgültig in Ungnade. Am 8. Mai 1938 wird er verhaftet und kommt ins KZ Buchenwald. Nach Protesten im In- und Ausland wird er entlassen, um Joseph Goebbels, Präsident der „Reichskulturkammer“, vorgeführt zu werden. Der schreibt in sein Tagebuch: „Ich lasse mir den Schriftsteller Wiechert aus dem K.Z. vorführen und halte ihm eine Philippica, die sich gewaschen hat. Ich dulde auf dem von mir betreuten Gebiet keine Bekenntnisfront. Ich bin in bester Form und steche ihn geistig ab. Eine letzte Warnung! Darüber lasse ich auch keinen Zweifel. Hinter einem neuen Vergehen steht nur die physische Vernichtung. Das wissen wir nun beide.“ Wiechert schläft von und an mit einer Pistole unter der Bettdecke in Wolfratshausen: „Lebendig bekommen die mich nicht“, soll er gesagt haben.

Es wird still um den Erfolgsautor. An Werken erscheint bis Kriegsende nur noch „Das einfache Leben“ (1939). Das Werk enthält deutliche Hinweise auf die erlittene KZ-Haft. Dass das Buch überhaupt erscheinen konnte, ist für Klaus Weigelt von der Internationalen Ernst Wiechert Gesellschaft eine „Fall von merkwürdiger Diskontinuität nationalsozialistischer Literaturpolitik“. Andere Bücher, die am Bergwald entstehen, verpackt der Dichter während der Kriegsjahre in Ölpapier und vergräbt sie in seinem Garten in Wolfratshausen. Sie werden erst nach 1945 publiziert.

Oskar Maria Graf sah Wiechert skeptisch

Doch die Zeiten haben sich geändert. Zwar genießt Wiechert bei seinen Lesern noch immer größtes Ansehen, doch viele Kollegen sehen ihn kritisch. Als 1946 etwa der „Totenwald“ erscheint, in dem er seine KZ-Erfahrungen thematisiert, findet Max Frisch nur „Ausflucht ins Pathos“ und „Selbstgenuss der Trauer“. Noch skeptischer ist Oskar Maria Graf, von dem das Zitat überliefert ist: „Den standhaften Wiechert kann ich beim besten Willen nicht als etwas Außerordentliches finden, ich habe immer den Eindruck von schrecklicher Egozentrik und Manieriertheit bei ihm.“ 1948, also erst nach dem Krieg, geht Wiechert ins Exil. Sein Weg führt ihn vom Wolfratshauser Bergwald in den Kanton Zürich.

Klaus Weigelt nimmt den Dichter gegen solche Kritik in Schutz. Er findet die Vorwürfe „kenntnisfrei“. Nach seiner Ansicht ist Ernst Wiechert zu Unrecht in Vergessenheit geraten. „Er ist kein einfacher Autor, und er bleibt in seiner Mehrdimensionalität rätselhaft und vielseitig interpretierbar“, sagt er. Dennoch sei es ihm gelungen, die deutschen Katastrophe des 20. Jahrhunderts am umfassendsten literarisch auszuloten. Seine Hoffnung habe Wiechert auf eine grenzenlose „Nation derjenigen, die guten Willens sind“ gesetzt. „In diesem Ansatz verbindet Wiechert viel mit christlichem Denken, das sich aber kirchlich nicht vereinnahmen lässt.“

Lesetipp: Klaus Weigelt: „Schweigen und Sprache. Literarische Begegnungen mit Ernst Wiechert“, Quintus-Verlag.

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