Ein Mann vor einem Plakat
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Abstand halten! Dieses Gebot ist in Corona-Zeiten erste Bürgerpflicht. Eine Novelle der Bayerischen Bauordnung sieht dagegen vor, dass der Abstand zwischen Gebäuden ab sofort geringer als bisher ausfallen darf.

Neue Bayerische Bauordnung

Dichtere Bebauung im Freistaat erlaubt: So reagiert die Stadt Wolfratshausen

  • Carl-Christian Eick
    vonCarl-Christian Eick
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In Bayern gilt eine neue Bauordnung. Umstritten ist vor allem das geänderte Abstandsflächengesetz. Der Bauausschuss der Stadt Wolfratshausen kann damit leben.

Wolfratshausen – Mit der bereits seit 1. Februar geltenden neuen Bauordnung soll in Bayern schneller und unkomplizierter gebaut und nicht zuletzt der Flächenfraß reduziert werden. Doch viele Kommunen fürchten aufgrund des neuen Abstandsflächenrechts, dass die Verdichtung im Ort zu hoch wird. Sie haben aus diesem Grund – wie Geretsried – eigene Satzungen erlassen. Nicht so die Stadt Wolfratshausen.

Ein unbürokratischer Ausbau von Dachgeschossen, mehr Holz als Baustoff sowie genehmigungsfreie Ladesäulen für E-Autos: Das sind nur einige Neuregelungen, die die Bayerische Bauordnung nun vorsieht. Der Freistaat will in puncto Wohnungsbau aufs Gaspedal drücken, deswegen gelten Bauanträge jetzt automatisch als genehmigt, wenn drei Monate nach dem Einreichen im Rathaus keine Entscheidung gefallen ist. Das mag den vielerorten bereits stark belasteten Bauämtern nicht gefallen, doch kontrovers diskutieren die Kommunalpolitiker ausnahmslos die Novelle des Abstandsrechts. Auf einen einfachen Nenner gebracht: Bei der Berechnung der Abstände zwischen Gebäuden gilt ab sofort die 0,4-fache Wandhöhe statt wie bisher die einfache Wandhöhe. Ein Beispiel: Ein Wohngebäude mit zehn Meter hohen Wänden darf in vier Meter Entfernung zum Nachbargrundstück errichtet werden, bislang mussten es zehn Meter sein. Die Vorteile: mehr Wohnraum, aber weniger Flächenverbrauch. Die Kritiker führen das Argument ins Feld: Die Bebauung wird immer enger.

Warnung vor „Entschädigungsansprüchen“

Diese Befürchtung gelte allerdings vorrangig „in ländlichen Regionen“, sagte Bürgermeister Klaus Heilinglechner (BVW) in der jüngsten Sitzung des Bauausschusses. In der Loisachstadt „gab’s schon immer eine hohe Verdichtung“. Aus diesem Grund sehe er keine Veranlassung, eine Lex Wolfratshausen auf den Weg zu bringen, die größere Abstände vorschreibt, als in der Bayerischen Bauordnung fixiert sind. Sabine Trinkl, Mitarbeiterin im städtischen Referat Planen und Umwelt, hatte in der Stellungnahme zur Beschlussvorlage zudem vor „Entschädigungsansprüchen“ gewarnt. Grundstückseigentümer, denen die Stadt durch eine eventuell „unzureichend begründete“ kommunale Satzung das Baurecht beschneide, würden voraussichtlich vor Gericht ziehen.

Grüne sehen die Stadt „im Zwiespalt“

Bürgermeister und Bauausschussmitglieder hatten das Thema laut Heilinglechner bereits in einer nicht öffentlichen Sitzung vorbesprochen. Der Tenor laut Rathauschef: „Keine eigene Satzung erlassen“, die Entwicklung jedoch „im Auge behalten“. Grünen-Stadtrat Dr. Hans Schmidt sprach von einem „Zwiespalt, in dem wir uns befinden“. Auf der einen Seite „wollen wir den Anteil an Grünflächen im bebauten Stadtgebiet groß halten, was auf große Abstandsflächen hinausläuft“. Andererseits wolle man „maßvoll innerstädtisch verdichten“, was das alte Abstandsflächenrecht jedoch erschwert habe. Schmidts Fazit: „Erfahrungen mit der Novelle der Bauordnung machen“ – und eventuell später eine eigene Satzung erlassen.

Ähnlich sahen es Bürgermeister Heilinglechner sowie die übrigen Ausschussmitglieder. Einstimmiger Beschluss: In Wolfratshausen gilt rückwirkend zum 1. Februar die Novelle der Bayerischen Bauordnung. Der Abstand von Gebäuden in Wohn- und Gewerbegebieten beträgt allerdings „mindestens drei Meter“. (cce)

Lesen Sie auch: Wohnungsnot - das ist das neue Projekt der Baugenossenschaft Wolfratshausen.

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