„Manchmal ist es besser, langsam zu machen“: Wolfgang Gritzuhn, Fahrlehrer und Motorradexperte der Kreisverkehrswacht, rät Bikern zu einer besonnenen Fahrweise.
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„Manchmal ist es besser, langsam zu machen“: Wolfgang Gritzuhn, Fahrlehrer und Motorradexperte der Kreisverkehrswacht, rät Bikern zu einer besonnenen Fahrweise.

Besonnen in die Schräglage

Die Motorradsaison beginnt: Experte rät zu Training und Konzentration aufs Fahren

  • vonPeter Borchers
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Mit den ersten warmen Tagen haben die Motorradfans ihre Maschinen aus der Garage geschoben. Doch nach der langen Winterpause sollten sie es langsam und besonnen angehen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Schräglagen und Fliehkräfte erlebt man mit keinem anderen Fahrzeug so hautnah wie auf einem Motorrad. Andererseits lässt es sich mit einem Bike wunderbar entschleunigt reisen. Wer schon einmal mit geöffnetem Visier durch ein griechisches Bergdorf gezuckelt ist, weiß: Man bekommt deutlich mehr mit als im abgekapselten Auto. Es steht außer Frage: Motorradfahren ist eine faszinierende Art der Fortbewegung. Das schlägt sich in den Zulassungszahlen nieder: Am 1. Januar dieses Jahres lag der Bestand an Krafträdern in der Bundesrepublik bei knapp 4,7 Millionen – höchster Wert seit 2008. 17,2 Millionen Deutsche besitzen eine Fahrerlaubnis der Klasse A.

Wieder mehr Verkehrstote unter den Motorradfahrern

Auf der anderen Seite stehen diese traurigen Zahlen: 127 Biker ließen im Jahr 2020 ihr Leben auf Bayerns Straßen, das ist gegenüber dem Jahr zuvor (114) eine Steigerung von fast acht Prozent. Fast jeder vierte getötete Verkehrsteilnehmer war somit auf einem motorisierten Zweirad unterwegs. „Während die Zahl der bei Unfällen getöteten Autofahrer rückläufig ist, nimmt sie unter den Motorradfahrern zu“, sagt Wolfgang Gritzuhn. Der 56-Jährige ist Fahrlehrer mit Filialen in Lenggries und Bad Heilbrunn und Motorrad-Experte der Kreisverkehrswacht. Die Organisation gibt jedes Jahr zum Start der Zweiradsaison eine Pressemitteilung heraus, sozusagen als Fanal. „Oft werden Gefahren auf zwei Rädern falsch beurteilt“, mahnt die Vorsitzende Ilka Fottner in der aktuellen Fassung – und appelliert an die Biker: „Machen Sie vor der ersten Ausfahrt ihr Motorrad und sich selbst fit.“ Selbst der routinierteste Fahrer müsse sich erst wieder an die Belastungen einer Ausfahrt gewöhnen und „Gefühl für seine Maschine entwickeln“. In normalen Zeiten unterstützt die Kreisverkehrswacht Biker dabei mit kostenlosen Fahr- und Sicherheitstrainings für Einsteiger wie auch für Fortgeschrittene. Doch das nun anstehende in Eichmühle „mussten wir wegen der steigenden Inzidenz-Zahlen leider absagen“, bedauert Wolfgang Gritzuhn.

Woran es bei Motorradfahrern nach der Winterpause hakt, sieht der Fahrlehrer bei diesen Trainings „sehr schnell“. Die Fehler liegen erstaunlicherweise nicht beim Bremsen, „das bekommen die meisten nach zwei, drei Versuchen wieder ganz gut hin“. Mängel offenbaren sich eher beim Handling „im Schritttempo-Bereich, beim Kurven- und Kreisefahren, bei engen Wenden“.

Oft kämen auf den Übungsplatz aber diejenigen Biker, die bereits an einem Kurs teilgenommen haben und „es gar nicht sooo nötig haben. Die, die es brauchen, sehen die Notwendigkeit dagegen oft nicht.“ Manche meinten auch, sie hätten mit dem Erlangen des Führerscheins alles gelernt. „Das ist ein Trugschluss. Jeder, der zu uns kommt, lernt etwas dazu.“ Abgesehen vom Training werfen die Experten einen genauen Blick auf die Mopeds, finden dabei nicht selten technische Mängel. „Es waren schon welche mit derart abgefahrenen Reifen da, dass sie nicht teilnehmen durften.“

Fürs Motorradfahren brauchst du neben dem Beherrschen der Maschine auch so etwas wie den siebten Sinn.

Fahrlehrer Wolfgang Gritzuhn

Der Motorradmarkt hat sich in den vergangenen Jahren rasant verändert. Die freiwillige Selbstbeschränkung der Händler, keine Maschinen über 100 PS zu verkaufen, ist laut Gritzuhn „lange gefallen“. Eine 1000er Honda Fireblade beispielsweise, das Objekt der Begierde seiner Tochter, werde von 217 Pferdestärken angetrieben. Als Experte und Vater legte er sein Veto ein: „So etwas kommt mir nicht in die Tüte.“ Selbst die 650er-Version dieses Modells werde von 140 PS beschleunigt, „früher waren es bei gleichem Hubraum höchstens 90“.

Hinzu kommen die „vielen elektronischen Helferlein“ wie Schräglagen-ABS, Traktionskontrolle oder der Schaltautomat. Letzterer erlaubt es, die Gänge ohne Ziehen des Kupplungshebels blitzschnell zu wechseln. Gritzuhn: „Es steckt heutzutage schon viel Rennstrecken-Feeling in einem Motorrad drin. So etwas verleitet.“ Aus der kurvigen B11 zwischen Königsdorf und Steinbach werde „bei schönem Wetter am Wochenende ein Rennkurs“, sagt Gritzuhn, der in der Langau wohnt und das Motorengekreische bei geöffneten Fenster gut hören kann.

Für weitere Ablenkung des Bikers vom eigentlichen Geschäft, dem Fahren, sorgen zahlreiche Zusatzfunktionen. „Schauen Sie sich mal an, was heute an einem Lenkerende verbaut ist. Da finden Sie den Tempomat, die Bluetooth-Steuerung fürs Navi, fürs Handy, für die Musik-Playlist und für den Funkverkehr mit den Kollegen.“ Allen Bikern rät Gritzuhn dazu, weniger auf die Technik, als der eigenen Intuition zu vertrauen. „Fürs Motorradlfahren brauchst du neben dem Beherrschen der Maschine auch so etwas wie den siebten Sinn. Manchmal ist es besser, aus welchem Grund auch immer, etwas langsamer zu machen.“

peb

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