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Lachfaltenalarm: Die Zuschauer der Bierrevue „Frisch eigschenkt“ haben sich am Freitagabend köstlich amüsiert.

Ein Abend über den Gerstensaft

Bierselige Zeitreise

Wolfratshausen – Ein passenderes Motto für eine besondere Geburtstagsfeier hätten die Vorsitzenden des Historischen Vereins, Dr. Sybille Krafft und Bernhard Reisner, kaum finden können. Denn „Frisch eigschenkt“ wurde im mit 200 Besuchern restlos ausverkauften St.-Andreas-Pfarrsaal schon eine Stunde vor der historischen Revue zur Wolfratshauser Biergeschichte.

Otmar und Benedikt Fagner vom benachbarten Humplbräu zapften im Vorraum des Pfarrsaals und bereiteten mit ihrem Team die Brotzeit für die Pause vor. Das Publikum, unter ihnen Dritter Landrat Klaus Koch, Wolfratshausens Vize-Bürgermeister Fritz Schnaller und einige Stadträte, ließ sich danach von den Protagonisten der zweieinhalbstündigen Veranstaltung auf eine amüsante Zeitreise entführen. Regisseur Claus Steigenberger schaffte es, die Kurzvorträge, Lesungen, Filmeinspielungen, Sketche sowie die Musikbeitrage von Heini Zapf und der Kapelle Reichenbach zu einer harmonischen Einheit zu formen.

Welche Bedeutung der Gerstensaft seit Jahrhunderten für die Menschen hat, zeigte sich schon in der ersten Filmeinspielung. Sybille Krafft hatte für das Bayerische Fernsehen Szenen vom Starkbierfest auf dem Münchner Nockherberg aus den 1960er Jahren zusammengeschnitten. Eine berauschte Menschenmenge lauschte den bissigen Gstanzln des Roider Jackl. Eine „lebendige Bierkultur“ gab es laut Paul Brauner auch in Wolfratshausen. So wurde im Humplbräu schon im Jahre 1619 Bier gebraut, weitere Brauereien reihten sich im 19. Jahrhundert am Unter- und Obermarkt dicht aneinander. Ob Hader-, Besen-, Nudel- oder Ochsenbräu: Produziert – und konsumiert – wurden Unmengen. „Im Jahr 1803 trank jeder Wolfratshauser im Schnitt fast 1,5 Liter Bier am Tag“, rechnete Brauner vor. Da erscheint es fast nachvollziehbar, dass nicht nur in München bei einer moderaten Erhöhung des Maßpreises von 24 auf 26 Pfenning zum Teil handgreifliche Krawalle ausbrachen.

Anja Brandstäter berichtete in einem Kurzvortrag, dass seinerzeit in Oberbayern sogar einige Wirtshäuser angezündet wurden. Christine Noisser, die zwischen den Vorträgen in die Rolle der Kellnerin Liesl schlüpfte, blickte auf diese Zeit fast wehmütig zurück: „Früher ist viel mehr gesoffen worden. Heute muss man froh sein, wenn an Stammtischen drei leichte Weißbier getrunken werden.“

Um diese Entwicklung zu veranschaulichen, präsentierte Annekatrin Schulz einige Exponate aus dem Wolfratshauer Heimatmuseum. Kuriositäten wie zum Beispiel ein Schlüsselanhänger des „Vereins gegen die Verarmung der Bierbrauer“ oder ein kleiner Kinderbierkrug brachten die gut gelaunten Bierrevue-Besucher besonders zum Lachen.

In einem weiteren Vortrag verwies Bernhard Reisner auf die Pionierarbeit von Carl von Linde. Der Wissenschaftler und spätere Firmengründer hatte 1876 den ersten Kühlschrank sowie andere Kühlsysteme erfunden. „Das war ein Segen für die Bierbrauer. Davor musste das Eis noch mühsam geschnitten und in Bierkellern eingelagert werden“, erläuterte der Vize-Vorsitzende des Historischen Vereins. Dass die Verehrung des Gerstensafts mitunter fast religiöse Züge annahm, zeigte eine von Kolping-Vorstandsmitglied Franz Holzheu präsentierte Zunftstange der Wolfratshauser Brauer. Die Restaurierung der kunstvollen Schnitzereien kostet zwischen 1500 und 3000 Euro.

Dagegen vermittelte Steigenberger in zwei von ihm vorgetragenen Lesungen die Exzesse und negativen Begleiterscheinungen übermäßigen Bierkonsums. So nahm Schriftsteller Oskar Maria Graf einst mit seinem Patenonkel zu Fuß den Weg von Berg am Starnberger See nach Wolfratshausen auf sich, um im Humplbräu ein aus den Fugen geratenes Weißwurstessen zu beobachten. Dort übergaben sich der Überlieferung zufolge reihenweise Menschen, die mindestens einen oder zwei über den Durst getrunken hatten. Nicht anders erging es den Protagonisten in einer Erzählung des 1938 verstorbenen Schriftstellers Ödön von Horvath.

Die bei der Bierrevue in lockerer Runde interviewte Wirtsfamilie Fagner möchte ihren Beruf dennoch mit keinem anderen tauschen. „Ich habe so viele nette Menschen aus der ganzen Welt kennengelernt, die ich sonst nie getroffen hätte“, berichtete die mittlerweile 80-jährige Zilla Fagner. Mit einer von Steigenberger, Ludwig Gollwitzer und Christine Noisser gespielten Wirtshausszene, endete die abwechslungsreiche Bierrevue.

Dritter Landrat Koch und Vize-Bürgermeister Schnaller überreichten der Vorsitzenden des Historischen Vereins anlässlich des 20-jährigen Bestehens Geldkuverts. „Wir sind stolz und dankbar, dass wir diesen Verein in Wolfratshausen haben“, sagte Schnaller. Das Publikum begleitete seine Worte mit stehenden Ovationen.

Peter Herrmann

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