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Ein erfülltes Leben endete: Langjähriger Wolfratshauser Stadtrat verstorben

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Ein Mann.
Der ehemalige Wolfratshauser Stadtrat Rudolf Baumgartl ist im Alter von 93 Jahren verstorben. © Privat

Der ehemalige Lehrer und langjährige CSU-Stadtrat Rudolf Baumgartl ist tot. Er verstarb im Alter von 93 Jahren.

Wolfratshausen-Waldram – Rudolf Baumgartl war aus dem Waldramer Ortsbild nicht wegzudenken: Bis wenige Tage vor seinem Tod ging er, auf seine Krücken gestützt, durch die Straßen. Viele kannten, schätzten und achteten ihn. Am 2. November, im Alter von 93 Jahren, endete die Erdenreise des ehemaligen Lehrers und Stadtrats.

Baumgartl kam am 28. April 1928 in Altrolau bei Karlsbad auf die Welt. Im Egerland blieb er, bis er elf Jahre alt war. Danach zog er mit seinen Eltern nach Sonneberg in Thüringen, der Arbeit wegen. Als sogenannter Reichsdeutscher galt er nach 1945 daher auch nicht als Vertriebener – als heimattreuer Egerländer fühlte er sich immer als solcher. Mit 16 wurde er 1944 zur Kriegsmarine eingezogen, mit 17 sollte ihn in Holland eine Bombe treffen – der junge Mann hatte Glück und überlebte. Da er nicht gut schießen konnte, blieben für ihn Wach- und Küchendienste.

Im Schuljahr 1956/57 kam er als Lehrer ins heutige Waldram

Nach dem Krieg machte Baumgartl sein Abitur nach, der Vater drängte ihn – aus Angst vor der Deportation nach Sibirien – aus Thüringen in den Westen zu gehen. Rudolf studierte zunächst in Frankfurt am Main Philosophie, Geschichte, Germanistik und Musikwissenschaft. All diese Fächer sollten ihn bis zum Ende durchs Leben tragen. Anfang der 50er Jahre zog Baumgartl nach München. Er studierte an der PH Pasing Pädagogik, arbeitete viel, reiste mit dem Zug quer durch Europa, war Präfekt im Lehrlingsheim München und erteilte gegen ein Bad und ein Mittagessen Geigenunterricht.

Zu Beginn des Schuljahrs 1956/57 kam er als junger Lehrer nach Föhrenwald, dem heutigen Waldram, und unterrichtete in der Schule im ehemaligen katholischen Kindergarten auch jüdische Kinder. In der Endzeit des DP-Lagers Föhrenwald träumte er mit anderen Studenten davon, eines der Siedlerhäuser herzurichten, um der jungen Familie ein Heim zu schaffen, mit seiner großen Liebe Eleonora, die er bereits in Thüringen kennengelernt hatte. Im November zog er in ein Haus an der Scherrstraße, wo er bis zum Ende lebte.

Tiefgläubig und ein toleranter Freidenker

Baumgartl hatte in seinem Leben viel Glück gehabt, nach dem Krieg ist ihm viel geholfen worden – also wollte er auch viel zurückgeben. Er wurde leidenschaftlicher Lehrer, zuletzt Konrektor, an der Waldramer Volksschule, kämpfte für seine Hauptschüler, leitete unter anderem den Kirchenchor und war somit wenige Abende der Woche zu Hause. Auch war er tiefgläubig, gleichzeitig aber ein toleranter Freidenker, niemandem hörig, er vertrat eine fester Meinung, und das auch mal gegen den Strom.

Baumgartl las viel, musizierte, erforschte die Geschichte – die alte wie die neuere. Er erzählte seinen Kindern und Enkeln ganz viel von seiner Heimat und sparte auch die dunklen Seiten und Zeiten nicht aus: Juden, Christen, Muslime und andere Religionen – alle schätzte er gleichermaßen, mit großer Liebe zu Menschen und Kreaturen.

Stadt ehrte Baumgartl 2008 mit der Bürgermedaille

Mit dem Ruhestand ging’s in den Wolfratshauser Stadtrat, dem Rudolf Baumgartl von 1990 bis 2002 für die CSU angehörte. Sein Engagement für Bildung und Kultur, vor allem für die Musikschule, und die Arbeit in zahlreichen Ausschüssen raubten viel Freizeit. Im Jahr 2008 erhielt er von der Stadt die Bürgermedaille.

Geistig und körperlich wach und aktiv bis ins hohe Alter, blieb dem Waldramer ein langes Leiden erspart. Bis zuletzt erzählte er von seinem erfüllten Leben, von Volksmusik und Volkstanz, von Egerländer Komponisten, feinfühlig und voller Empathie, und er freute sich über die Aussöhnung von Tschechen und Deutschen.

Rudolf Baumgartl schlief friedlich ein und erleichterte so seiner großen Familie etwas den Abschied. Seine letzte Ruhe fand er am Donnerstag neben seiner geliebten Eleonora auf dem Waldramer Friedhof. Auch im Erinnerungsort Badehaus bleibt er für immer lebendig – als Föhrenwalder und Waldramer.

Dieter Klug

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