Industrietaucher Siegfried Richter im Weidacher Klärwerk
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Luftdicht abgesichert: Die Taucher ziehen einen 60 Kilogramm schweren Schutzanzug an, bevor sie in den Schlamm eintauchen.

Mit einem Industrietaucher beim Einsatz in der Kläranlage Weidach

Ein Schlammbad der extremen Art

Es ist stockfinster, es ist warm und um einen herum schwappen Tonnen von Klärschlamm. Als Industrietaucher darf man nicht zimperlich sein.

Wolfratshausen – Es ist stockdunkel unten im Schacht. Der bräunlich-schwarze Schlamm blubbert. Rauch steigt aus dem zwei Meter breiten Einstiegsloch. Platzangst oder Ekelgefühle dürfen Siegfried Richter und sein Team nicht haben. Der Industrietaucher geht dahin, wo niemand sonst hingehen möchte: Er und sein Mitarbeiter säubern Faultürme – und schwimmen dafür inmitten von Fäkalien. Unsere Zeitung war bei einem Einsatz in der Kläranlage in Weidach dabei.

Bevor Siegfried Richter in die Dunkelheit abtaucht, holt er einmal tief Luft und schließt die Augen. Drei Stunden lang wird er sie nicht öffnen. „Man kriegt schnell Kopfschmerzen, wenn man dort unten versucht, etwas zu sehen“, erklärt er. Zwei Kollegen seilen ihn langsam in den warmen Schlamm im Faulturm ab. Dort taucht Richter durch die Fäkalien, um den Schacht und das Röhrensystem von Haaren, Sand und anderem Dreck zu befreien Für Richter, der in einem schweren, schwarzen Ganzkörperanzug steckt, sind es 180 Minuten in völliger Dunkelheit und vor allem Stille. „Man sieht keinen Millimeter weit. Man hört überhaupt nichts.“ Und vor allem: „Man riecht nichts.“

Industrietaucher Siegfried Richter

Siegfried Richter, drahtiger Hamburger mit grau meliertem Dreitagebart und verblassender Sommerbräune, taucht seit 40 Jahren. Eine Zeit lang ging er für die Bundeswehr ins Wasser, sattelte dann um und arbeitete auf Bohrinseln, Baustellen und in Hafenbecken. Vor 25 Jahren suchte er eine „neue, besondere Herausforderung“. Seitdem taucht er in Faultürmen, Klärbecken und anderen Gewässern, in die der Großteil der Menschen nicht einmal den kleinen Finger stecken würde.

„Industrietaucher“ nennt sich der Beruf, Auch wenn Richter keine Zahlen nennt: Man verdient nicht schlecht in dem Job. Sonst würde sich vermutlich auch kaum jemand dafür finden. „Es ist kein Job, den jeder machen kann“, sagt der Hamburger, und vor allem keiner, den jeder machen will. Absolute Top-Taucher habe er in seiner Fachfirma schon beschäftigt, die meisten mit Erfahrungen bei der Bundeswehr, disziplinierte Leute, gut ausgebildet: „Trotzdem macht der Großteil das höchstens ein paar Monate mit“, so Richter. Sie halten die Belastung nicht durch. Dabei bräuchte der 60-Jährige dringend Nachwuchs. Weil Spezialfirmen wie seine selten sind. ist sein Unternehmen in ganz Europa im Einsatz.

Wenn man da unten einen Fehler macht, kann es der letzte gewesen sein.

Siegfried Richter

Zurück am Isarspitz: Siegfried Richter hat seinen Tauchgang beendet und steht wieder auf dem Fäkalturm, in dem inzwischen ein Kollege taucht. Öfter als einmal geht es pro Tag für ihn nicht in die Tiefe. Zu groß wäre die körperliche Belastung. Um insgesamt neun Stunden täglich im Turm arbeiten zu können, sind zwei Kollegen und ein Signalmann mit nach Wolfratshausen gereist. Sie sind ein eingespieltes Team, jeder Handgriff sitzt – und das ist im Notfall überlebenswichtig. „Wenn man da unten einen Fehler macht, kann es der letzte gewesen sein.“

Richters Mitarbeiter, der sich gerade tief unter den Füßen des Chefs durch die Dunkelheit tastet, ist mit einem schweren Seil gesichert. In seinem orangefarbenen Helm befindet sich ein Mikrofon, über das er mit seinen Kollegen auf dem Faulturm kommuniziert. Auf dem Rücken trägt er eine Sauerstoffflasche. Die kommt aber nur im Notfall zum Einsatz. Der Taucher wird über eine meterlange Leitung mit Luft versorgt. Ein dicker, pulsierender Schlauch pumpt zudem kaltes Wasser nach unten. Zum einen, um die Rohre und Vorrichtungen frei zu spritzen, zum anderen, weil der Anzug des Tauchers gekühlt werden muss, wenn er sich durch den etwa 38 Grad warmen Schlamm arbeitet.

Abstieg in die Dunkelheit: Mit Seilen gesichert wird der Industrietaucher in den Schlamm des Faulturms abgeseilt.

Diese Temperatur im Faulturm ist notwendig, damit die Bakterien optimale Lebensbedingungen vorfinden und sich bei ihrer Schlammmahlzeit pudelwohl fühlen. Gefüttert werden die Bakterien mit vorgewärmten Überschussschlamm aus den Klärbecken, wie Geschäftsleiter Lorenz Demmel erklärt. Er vergleicht den Prozess, der im Faulturm stattfindet, mit der Arbeit, die der menschliche Magen oder Darm verrichtet.

Die Bakterien wandeln einen Teil des Schlamms zu Methan, Kohlenstoffdioxid und anderen Gasen um. „Übrig bleibt dann ein fast ausgefaulter Schlamm, der anschließend zwischengelagert und später zentrifugiert wird.“ Zentrifugieren, das bedeutet den Klärschlamm vom Wasser abzutrennen, bevor er dann eine Konsistenz wie Blumenerde hat und zur Verbrennung gefahren wird. „Aus der Asche wird Phosphor für die Landwirtschaft rückgewonnen“, erläutert Demmel.

4300 Tonnen dieses Klärschlamms landet jedes Jahr in der Anlage. Bei einer solchen Masse ist es kein Wunder, dass sich im Faulturm Dreck absetzt, der alle paar Jahre entfernt werden muss. Gäbe es keine Industrietaucher wie Siegfried Richter und seine Kollegen, wäre diese Säuberung ein deutlich aufwendigerer und kostspieligerer Akt: Der Turm, der rund 2500 Kubikmeter Schlamm umfasst, müsste komplett geleert werden.

Richter und seine Männer müssen vor jedem Tauchgang die Baupläne genau studieren. Sonst verlieren sie in der Dunkelheit schnell die Orientierung. Die Hände fungieren in der Tiefe als Augen, nur durch Tasten kann man sich an die richtige Stelle vorarbeiten. Um zu ihrem Einsatzort zu gelangen, erklimmen die Taucher 45 Stufen – und müssen denselben Weg wieder hinuntertauchen. Rund 17 Meter kämpfen sich die Männer in die Tiefe. Dafür sind in ihrem Anzug Gewichte verbaut, insgesamt 60 Kilo wiegt die Jacke. „Man sackt dann einfach runter“, erklärt Richter. „Es ist alles zäh dort unten, und je tiefer man kommt, umso schwieriger wird es, sich zu bewegen“, erzählt er weiter. Auf den Körpern der Taucher lastet ein ungeheurer Druck, „man wird fast ein bisschen zusammengequetscht“ von den Fäkalien. Das Tauchen im Faulschlamm ist körperliche Schwerstarbeit, „man bewegt sich wie in Zeitlupe“, kämpft sich durch das tonnenschwere Gemisch. „Man muss Nerven haben“, sagt Richter.

Inzwischen ist der Tauchgang seines Mitarbeiters beendet. Die Kollegen ziehen an den Drahtseilen. Schnell geht das Auftauchen nicht: Der Körper braucht eine gewisse Zeit, um sich an den Druckunterschied zu gewöhnen. Der Prozess folgt einem exakt abgestimmten Plan, um jedes Risiko auszuschließen. Während der Kollege aus dem Schlamm gezogen wird, spritzt ihn ein anderer mit einem Feuerwehrschlauch ab. Der gröbste Dreck wird so von dem schwarzen Kampfanzug entfernt. Langsam nimmt der bräunlich-schwarze Helm wieder seine orange Farbe an. Dann hat der Industrietaucher wieder festen Boden unter den Füßen – und kann nach drei Stunden seine Augen wieder öffnen.

dst

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