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Seine Paraderolle: Rainer Lorz als Nikolaus. Mittlerweile ist der Wolfratshauser als Heiliger Mann nicht mehr auf Hausbesuchen, sondern nur noch bei größeren Veranstaltungen unterwegs.

Er könnte ein Buch füllen

Ein Wolfratshauser Nikolaus erzählt von seinen Erlebnissen

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Rainer Lorz aus Wolfratshausen war zwischen Icking und Wolfratshausen jahrelang als Nikolaus unterwegs. Mit den Geschichten, die er erlebt hat, könnte der 37-Jährige ein Buch füllen.

Wolfratshausen – Wolfratshausen, Isarstraße. Rainer Lorz klopft und klingelt. Der Hausherr öffnet die Tür. „Da isser“, sagt er knapp und deutet mit dem Kopf auf einen Buben im Nebenzimmer. Dass Lorz im kompletten Ornat des Nikolaus’ mitsamt Krampus vor ihm steht, rührt den Mann wenig. Schnell setzt er sich wieder zum Großvater vor den Fernseher. Es läuft Fußball, eine Partie der Sechziger.

„Du schaust halt wirklich tief in die Familien“

Jahrelang, immer Anfang Dezember, war Lorz im Auftrag der Kolpingfamilie zwischen Wolfratshausen und Icking als Nikolaus unterwegs. Was er während dieser Besuche erlebte, könnte ein Buch füllen. Die Diskrepanz sei schon groß, sagt der 37-Jährige. „Du schaust halt wirklich tief in die Familien und siehst, was wichtig für sie ist in der staaden Zeit.“ Lorz hat prächtige Villen betreten, „da wird Klavier gespielt“, alles sei schick, aber seltsam inszeniert „und für mich irgendwie nicht ehrlich“. Auf der anderen Seite „kommst du in kleine Wohnungen“, die sind mit bescheidenen Mitteln geschmückt, dort wird gesungen und musiziert – „und du spürst Wärme“.

Apropos warm: Lorz fällt dazu folgende Geschichte ein: Er betritt als Heiliger Mann die gute Stube. Die Dame des Hauses komplimentiert ihn direkt neben den bullernden Kachelofen. Nach fünf Minuten fließt Schweiß unter Lorz’ Mitra und Bart. Die Brille komplett beschlagen, ist es ihm unmöglich, die in Handschrift verfassten Einlassungen der Eltern in seinem goldenen Buch zu lesen. Was nun? „Du improvisierst“, sagt der Wolfratshauser. Viele Auftritte bei den Kolpingern, den Gebirgsschützen sowie Vorträge – Lorz ist Unternehmer – haben ihn zu einer Art Rampensau werden lassen. „Du erzählst dann die typischen Sachen, vom Aufräumen, vom Mithelfen, das nicht funktioniert, von der Scheu vorm Zähneputzen. Zu 90 Prozent passt das.“ Nur in diesem Fall nicht: Die Augen des Buben vor ihm werden immer größer – bis er sich zu widersprechen traut: „Aber Nikolaus, das bin ich doch gar nicht.“ Ein anderer Bub, erzählt Lorz, habe das Thema Zähneputzen elegant gekontert: Mit Blick auf das (geschwärzte) Gebiss von Knecht Ruprecht holte der Dreikäsehoch Zahnbürste und -pasta aus dem Bad und reichte sie dem rußigen Gesellen: „Hier, schenke ich Dir.“

Der Opa zeigt dem Ruprecht, wie es geht

Züge von Loriot trug Lorz’ Einkehr bei – er nennt sie Schakkeline, fünf Jahre alt, und Tyler, dreieinhalb. Die ganze Familie ist im Wohnzimmer versammelt. Bevor es los geht, mahnt die Hausherrin: „Die Schuhe könnt’s anlassen, obwohl der Boden neu ist. Aber mit dem Stock braucht’s fei nicht so fest klopfen. „Ein Stab“, widerspricht Lorz, „der Nikolaus trägt einen Stab.“ Dann fragt er in die Runde: „Wart Ihr alle brav? Der – leicht angeschickerte – Großvater meldet sich: „Da brauchst ned z’frag’n. Steck’s einfach in den Sack!“ Lorz wendet sich an Tyler, der ihn – herumhüpfend – komplett ignoriert und singt: „Tri tra trallala, der Kaperle ist da.“ Jetzt schreitet der Krampus kettenrasselnd ein. Dem Opa ist das nicht streng genug. Er zeigt, wie es geht. Er springt wie ein Affe umher und plärrt: „Grollen musst Du! Schau, a soo, und rasseln musst und mit der Rut’n drohen – so schau.“

Tyler bleibt unbeeindruckt, dafür interessiert sich die Familienkatze für die Weidenrute des Kramperls, stupst sie mit der Tatze an. Der Krampus gibt dem Tier einen sanften Hieb, was die Oma auf den Plan ruft: „Mei Miezie“, schreit sie. Der Opa dagegen ist endlich begeistert vom Adlatus des Nikolaus’: „Ja, ja, jawohl – hau drauf.“ Lorz versucht inzwischen sein Glück bei Schakkeline: Das Mädel schaut den Heiligen Mann ehrfürchtig an. „Wenigstens eine, die noch Respekt vor uns hatte“, sagt er schmunzelnd.

Als Nikolaus muss man leidensfähig sein

Als Nikolaus muss man leidensfähig sein. Schmerzlich wird’s – nicht ganz ernst gemeint – für Lorz, wenn er nicht wieder gehen kann, obwohl er möchte. „Wenn am Schluss die Kleine das Geigenspielen anfängt, die nicht Geige spielen kann, wirds’ hart“. Wirklich weh tun ihm die Geschenke-Orgien in einigen Häusern. Manchmal kommt er „mit einem Sack nicht mehr aus“. Lorz findet das schade und steuert dagegen. „Die Geschichte des Heiligen Nikolaus’ sollte im Vordergrund stehen, der Respekt vor ihm.“ Die Kinder dürften bei ihm ihre Packerl erst öffnen, wenn er aus dem Haus ist. Da ist er konsequent.

Noch einmal zurück in die Wohnung, in der das Match der Löwen lief. Wie ist der Abend weitergegangen? Vater und Opa hätten über das Spiel gemault, erzählt Lorz – bis er sich direkt vor den Fernseher stellte und sprach: „So, jetzt mach’ ma amoi die Kist’n aus, weil jetzt ist die Zeit fürs Kind und für mi.“ Der Hausherr gehorchte brav. Den Respekt vor dem Nikolaus verliert man eben doch nie.

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